Am Anfang steht der Wunsch

Im Dunkelfeld Sexueller Missbrauch wird in den meisten Fällen nicht aktenkundig - ein weltweit erstes wissenschaftliches Präventionsprojekt an der Berliner Charité will vorbeugend eingreifen

Immer dann, wenn wieder einmal ein Kind vermisst und irgendwann missbraucht und ermordet in einem abgelegenen Waldstück aufgefunden wird, ist die Hochzeit des Populismus: Von "Wegsperren" bis
"Schwanz-" oder gar "Kopf-ab" lauten die Radikallösungen für die teuflischen "Triebtäter", die natürlich nicht in der eigenen Familie oder in der Nachbarschaft vermutet werden, sondern die man wie den berüchtigten Haarmann noch immer nächtlicherweise mit gezücktem Messer auf perversen Abwegen sieht. Dabei werden die meisten sexuellen Übergriffe auf Kinder, das ist seit vielen Jahren bekannt, im Nahbereich verübt und meist gar nicht aktenkundig. Fachleute schätzen, dass die Dunkelziffer der jährlich rund 20.000 polizeilich erfassten Fälle um ein Vielfaches höher liegt. Diesem Umstand trug im März diesen Jahres auch der Bundestag Rechnung, als er wieder einmal den Schutz von Kindern und Jugendlichen vor sexueller Gewalt und Ausbeutung bekräftigte und statt einer Verschärfung des Strafrechts nachhaltigere Präventivmaßnahmen einforderte.

Sexuelle Neigung nicht heilbar

Die Aufklärungsarbeit richtete sich bislang allerdings vor allem an die Opfer und ihr Umfeld; die Täter - in aller Regel Männer, über Missbrauchsdelikte von Frauen ist wenig bekannt - kommen erst in den Blick, wenn es zu spät, das heißt wenn schon "etwas passiert" und bekannt geworden ist. In diese "Präventionslücke" stößt nun eine Kampagne, die das Institut für Sexualwissenschaft und Sexualmedizin an der Berliner Charité vergangene Woche losgetreten hat und mit der das "Dunkelfeld" des sexuellen Missbrauchs ausgemessen und in gewissem Sinne "trocken gelegt" werden soll. Seitens der Betroffenen, so die Erfahrung des Leiters des Projektes, Klaus Beier, gäbe es nämlich durchaus ein Problembewusstsein hinsichtlich ihrer pädophilen Neigungen und auch den Willen, es gar nicht so weit kommen zu lassen, beziehungsweise den Wunsch, künftigen Missbrauch zu verhindern. Häufig kommen Männer wegen einer sexuellen Dysfunktion in die sexualtherapeutische Beratung, und es stellt sich erst im Verlauf der Behandlung heraus, dass die Patienten ursächlich an einer pädophilen Störung leiden.

"Lieben Sie Kinder mehr als Ihnen lieb ist?", lautet der Slogan, der sich an diese so genannten potenziellen oder realen Dunkelfeld-Täter wendet. Das Angebot: pädophile Phantasien nicht in Taten umzusetzen, bei denen Kinder Opfer werden. Der wissenschaftliche Ausgangspunkt, so die Initiatoren, sei dabei die bislang gültige Erkenntnis, dass man sich seine bereits im Jugendalter ausgebildeten sexuellen Neigungen nicht einfach aussuchen kann und diese auch nicht "heilbar" sind. Wie bei der Homosexualität lässt sich also nicht an einer Schraube drehen, um Pädophile "umzupolen" und aus ihnen Menschen mit "normalem" Sexualverhalten zu machen. Wobei, wie der Kieler Sexualmediziner Hartmut Bosinski betont, nur etwa die Hälfte aller pädophilen Übergriffe überhaupt auf Neigungstäter zurückgeht, die andere Hälfte setzt sich aus so genannten von den Umständen begünstigten "Ersatzhandlungen" zusammen.

Kontrollierter Seitenwechsel

Insofern versteht sich das von der VW-Stiftung mit gut einer halben Million Euro geförderte, weltweit erste Präventionsprojekt vor allem auch als Forschungsprojekt, das therapeutische Maßnahmen wissenschaftlich testen und absichern soll. Die freiwilligen Melder werden in einer eingehenden Voruntersuchung auf ihre "Therapietauglichkeit" getestet (vgl. Interview) und entweder einer Einzel- oder Gruppentherapie oder einer Kontrollgruppe zugeordnet. In einem ausgedehnten Verhaltenstraining werden die Probanden mit alltäglichen sexuellen "Gefährdungssituationen" konfrontiert und darauf trainiert, kontrolliert zu reagieren. Im gezielten "Seitenwechsel" lernen sie, sich in die Opferperspektive zu versetzen und Warnsignale rechtzeitig zu interpretieren. Soweit es die Betroffenen wünschen, erhalten sie medikamentöse Unterstützung, um ihre Triebimpulse zu dämpfen, wobei es, so Beier, wichtig sei, die Probanden vorab ausführlich über die Wirkweise der Mittel aufzuklären.

Das Verhaltenstraining wird ergänzt durch eine sexualtherapeutische Begleitung, die das sexuelle Erleben und die sexuellen Funktionen in den Blick nimmt und möglicherweise die Beziehungsfähigkeit zu altersadäquaten Partnern zu verbessern sucht. Denn häufig ist die pädophile Neigung nur eine so genannte "Nebenströmung", die Männer sprechen sexuell durchaus auch auf Erwachsene an, sind in ihren Beziehungen aber so gehemmt, dass dabei regelmäßig Konflikte entstehen. In solchen Fällen werden unter Umständen auch die Partner oder Partnerinnen miteinbezogen. Zum Abschluss der Therapie wird für die Teilnehmer ein Prophylaxe-Plan erarbeitet und die Nachbetreuung sicher gestellt.

Opferschutz contra Täterschutz

Wie viele "Dunkelfeld-Täter" von der Kampagne erreicht werden, ist derzeit noch nicht absehbar, die Wissenschaftler rechnen für die 180 Plätze mit erheblicher Nachfrage, auch aus dem deutschsprachigen Ausland, zumal das Angebot kostenlos ist. Ausschlaggebend wird dafür sein, ob sich die potentiellen oder tatsächlichen Täter ausreichend geschützt sehen - und das ist ein juristisch und politisch problematisches Feld, wie die Initiatoren einräumen. Die Therapeuten unterliegen zwar einer strengen gesetzlichen Schweigepflicht, doch was passiert, so schon kritische Nachfragen auf der Pressekonferenz, auf der das Projekt vorgestellt wurde, "wenn Gefahr in Verzug ist" und man damit rechnen muss, dass ein Teilnehmer beabsichtigt, sich an einem Kind "zu vergreifen" (vgl. Interview)? Wenn der Eindruck entsteht, aus Opferschutz könnte Täterschutz werden, dürfte nicht nur die öffentliche Finanzierung des Projekts auf dem Spiel stehen.

Unklar bleibt auch, an welchem Punkt ursprünglich harmlose sexuelle Phantasien, die keiner Intervention bedürfen, umschlagen in kriminelle Handlungen. Ist der Wunsch schon ein Alarmzeichen? Und gibt es einen "Auslöser-Automatismus" oder ist es einfach die "Gelegenheit", die den Täter macht? Und - auch dies eine offene Frage - konzentriert sich das Präventionsprogramm nicht zu sehr auf die individuelle sexuelle "Disposition" und unterschlägt den Einfluss gesellschaftlicher Faktoren, die Kindesmissbrauch begünstigen?

Dass es dem Projekt auch um die Professionalisierung und Aufwertung einer ärztlichen Dienstleistung geht, war indessen unüberhörbar. Denn Sexualmedizin ist in Deutschland weder konkreter Teil der Fachärzteausbildung, noch über die gesetzliche Krankenkasse abzurechnen. In einem Land, das die Sexualwissenschaft überhaupt erst hervorgebracht und etabliert hat, kaum zu glauben. Doch in einem Land, aus dem die Vertreter dieser Wissenschaft verjagt wurden und dessen Machthaber das renommierte Magnus-Hirschfeld-Institut, dessen Nachfolger das heutige Berliner Institut für Sexualwissenschaft ist, in den Erdboden gestampft haben, wohl auch kein Zufall.

Projektwebsite: www.kein-taeter-werden.de; Interessenten können sich melden unter: (0049) 030 450 529 40 oder praevention@charite.de


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00:00 10.06.2005

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