„Arbeit ist immer auch Last“

Interview Sinnhaft wird ein Job erst, wenn man sich darin entwickeln und beweisen kann – und wenn er gesellschaftlichen Nutzen hat, sagt die Arbeitssoziologin Nicole Mayer-Ahuja
„Arbeit ist immer auch Last“
„Für die allermeisten Menschen spielt Arbeit eine wichtige Rolle. Nun ist Arbeit nicht gleich Erwerbsarbeit, wie auch Anhänger des bedingungslosen Grundeinkommens argumentieren“

Foto: Sean Gallup/Getty Images

Seit dem Beginn der Pandemie sprechen alle davon, wie sie unsere Arbeitswelt verändert. Das stimmt natürlich: Ob und wie wir arbeiten, wurde ordentlich herumgewirbelt. Aber vielleicht verdeckt der verengte Fokus auf die Pandemie auch andere Umwälzungen, die sich zugleich ereignen, im Hintergrund, langsamer, aber auch tiefgreifender.

der Freitag: Frau Mayer-Ahuja, zum zweiten Mal findet der 1. Mai ohne den kämpferischen Aufmarsch der Erwerbstätigen statt. Ist dies nun ein Symbol auch für den Abschied von der klassischen Interessenvertretung oder für eine neue Arbeitskultur?

Nicole Mayer-Ahuja: Für Gewerkschaften und Betriebsräte ist es unter den derzeitigen Bedingungen tatsächlich sehr schwer, ihrer Aufgabe als Interessenvertretung nachzukommen. Die Krise wird von Unternehmen zum Arbeitsplatzabbau oder zur Standortverlagerung genutzt, die unter normalen Umständen nicht so leicht durchsetzbar wären. Vielfach werden sogar Betriebsratssitzungen untersagt, mit dem Hinweis auf Abstandsregelungen.

Manche erleben das Homeoffice gerade aber auch als Befreiung.

Viele wollen inzwischen sehr gern zurück an den Arbeitsplatz, denn man fällt im Homeoffice ja aus betrieblichen Abläufen heraus. Man kann sich schlechter mit Kolleg*innen austauschen, wird bei betrieblichen Entscheidungen und Beförderungen übergangen, weil man sich im Betrieb nicht beweisen kann. Das ist die Erfahrung vieler Sachbearbeiterinnen, die Homeoffice mit Kinderbetreuung kombinieren. Es gibt aber auch den IT-Berater, der zu Hause ruhiger arbeitet, 24 Stunden am Tag weltweit Präsenz zeigen kann und für den das Homeoffice tatsächlich Karrierechancen erweitert. Was passiert, wenn nach den Corona-Erfahrungen auch künftig größere Teile der Belegschaft zeitweise von zu Hause aus arbeiten sollten, die Betriebsabläufe also nicht mehr unbedingt im Betrieb stattfinden und es neue Austauschstrukturen gibt, wissen wir bislang nicht.

Früher schloss sich das Betriebstor oder die Bürotür, und man war Privatmensch. Inzwischen nehmen wir die Arbeit überallhin mit, wir sind stets verfügbar und bringen uns als Ganzes in unsere Tätigkeit ein.

Es gibt immer noch Bereiche, wo man die Tür hinter sich zuschlagen kann, vor allem in der Industrie. Für viele Beschäftigte aus Verwaltung und angrenzenden Bereichen ist es hingegen Realität, die Arbeit mit nach Hause zu nehmen. Arbeitszeit und Arbeitsort sind entgrenzt, man ist überall und jederzeit erreichbar. Unternehmen kontrollieren Arbeit dann anders: Man definiert Arbeitsziele, die zu einem bestimmten Zeitpunkt mit bestimmten Ressourcen zu erledigen sind. Das führt dazu, dass Beschäftigte länger und intensiver arbeiten, sich gegenseitig stärker unter Druck setzen und unter Umständen sogar krank werden. Dass diese neuen Strukturen zu mehr Freiheit und weniger Kontrolle und zu größerer Identifizierung mit der Arbeit führen würden, hat sich nicht bestätigt, denn selbst, wo Vorgesetzte nicht direkt kontrollieren, gibt es viele Festlegungen, auf die Beschäftigte keinen Einfluss haben: Projektziele, Deadlines, Personalausstattung, die Druck befördern.

Corona hat auch unsere Wahrnehmung von Berufen verändert, die Krankenschwester oder die Verkäuferin gelten nun als systemrelevanter als der Banker oder Autobauer. Bahnen sich da grundlegende Veränderungen in der Bewertung von Arbeit an, im Hinblick auf ihren gesellschaftlichen Sinn und Nutzen?

Die Debatte ist interessant, weil sie die Frage aufwirft, was wir überhaupt als „System“ definieren. Wir reden plötzlich nicht mehr von Produktions- und Geldkreisläufen, sondern von der Reproduktion der Arbeitskraft, ohne die das kapitalistische Gesellschaftssystem nicht funktioniert. Diese Umwertung ist wichtig. Es zeigt sich, dass zum Beispiel gute Arbeit in der Pflege nicht nur im Interesse der Beschäftigten ist – es geht auch darum, welche öffentlichen Dienstleistungen, also wie viel Gesundheits- oder Erziehungsarbeit, wir für nötig halten. Finanziell und in Bezug auf Arbeitsbedingungen hat sich für die betroffenen Berufsgruppen im vergangenen Jahr allerdings wenig verändert.

Zur Person

Nicole Mayer-Ahuja, geboren 1973, ist Professorin für Soziologie von Arbeit, Unternehmen, Wirtschaft an der Universität Göttingen. Derzeit forscht Mayer-Ahuja vor allem zu „guter Arbeit“, Arbeit im IT-Bereich und zur Eingliederung von Flüchtlingen in Arbeit

Geld scheint eine notwendige, aber nicht hinreichende Bedingung für „gute Arbeit“ zu sein. Etwa bei der Floristin, die gerne mit Blumen umgeht, oder dem Wochenmarktverkäufer, der seine Spezialitäten feilbietet, ohne den Stundenlohn zu berechnen.

Geldverdienen ist für verschiedene Beschäftigtengruppen unterschiedlich dringend. Es gibt die aufgezählten Beispiele, aber auch Menschen, die sich nicht freiwillig auf schlechte Jobs einlassen, bei denen man wenig verdient. Sie sind arm trotz Arbeit – weil sie keine Alternative haben und nicht, weil ihnen der Job sinnhaft erscheint. Sinnhaft wird Arbeit, wenn man sich darin entwickeln und beweisen kann, wenn sie gesellschaftlichen Nutzen hat, anderen Menschen dient. Sinn in der Arbeit zu sehen, setzt aber auch voraus, den Job so tun zu können, wie man ihn gelernt hat – wenn dem Pfleger die Zeit dafür fehlt, Patienten zu versorgen, die Ingenieurin wegen Termindruck ihre Werkstoffe nicht mehr prüfen kann, führt das zu Frust. Ähnliches gilt, wenn man gute und wichtige Arbeit leistet, sie aber schlecht entlohnt bekommt.

Geld ist das eine. Aber auch Zeit wird immer wichtiger für Arbeitszufriedenheit, das haben Sie oben angedeutet …

Wir beobachten, dass Arbeitszeiten auseinanderdriften. Es gibt Gruppen, die weit mehr arbeiten, als sie wollen, insbesondere Männer, und andere, die gerne mehr arbeiten würden, vor allem Frauen in Teilzeit und Minijobs. „Normalarbeitszeit“, also 35 bis 40 Stunden werktags, verliert dagegen an Bedeutung. „Kurze Vollzeit für alle“ könnte hier sehr unterschiedliche Gruppen zusammenbringen. Früher war flexible Arbeitszeit mit großen Hoffnungen verbunden: Man dachte an Frauen oder Männer, die sich mehr um ihre Kinder kümmern oder ihren Hobbys nachgehen wollten. Inzwischen ist klar, dass meist nicht sie entscheiden, wann gearbeitet wird, sondern die Auftragslage oder der Arbeitsanfall. Mit flexibleren Arbeitszeiten ändert sich auch die Arena der Auseinandersetzung, nicht mehr Betriebsräte verhandeln Arbeitszeiten, sondern Einzelne müssen sich gegenüber direkten Vorgesetzten durchsetzen. Gewerkschaften versuchen deshalb, Zeitsouveränität in Tarifverträgen zu verankern, etwa die Wahl zwischen mehr Geld oder mehr freier Zeit. Aber auch das kann zu betrieblichen Problemen führen, weil die Entscheidung für mehr freie Zeit den Druck auf Kolleg*innen verschärft, wenn der Betrieb nicht mehr Personal einstellt.

Könnte die ökologische Wende zu einer neuen Arbeitskultur führen, weil sich mehr sinnvolle Arbeitssegmente herausbilden und vielleicht sogar sogenannte „bullshit jobs“ verdrängen?

Seit den 1980er Jahren gibt es alternative Öko-Betriebe, etwa in der nachhaltigen Energiegewinnung. Dort arbeiten Menschen gerne, weil sie sich mit den Zielen identifizieren. Die ökologische Wende erzeugt heute aber auch höheren Druck, etwa in der Automobilindustrie. Infolge des Übergangs zur E-Mobilität werden weniger Arbeitskräfte und andere Qualifikationen gebraucht. Sicher kann man sich mit dem E-Auto identifizieren. Die Frage ist aber, ob gleichwertige Arbeitsplätze entstehen, ob Beschäftigte weiterqualifiziert werden oder ihren Job verlieren.

Als in den 1980er Jahren der Computer ins Büro einzog, hatte das unterschiedliche Auswirkungen: Sachbearbeiter beispielsweise fühlten sich degradiert, als Schreibbüros aufgelöst wurden, für Frauen war das plötzlich ein Konkurrenzvorteil. Könnte die Digitalisierung ähnliche Effekte haben?

Technologische Rationalisierung kann mit einer Aufwertung von Tätigkeiten einhergehen und zu Jobverlust oder mehr Kontrolle führen. Auch durch digitale Technologie wie Datenbrillen oder Roboter können Arbeiten interessanter oder körperlich leichter werden, möglicherweise entstehen hier neue Arbeitsplätze für Frauen. Zugleich gibt es das technische Überwachungspotenzial durch neue Software, von der niemand wirklich weiß, welche Kontrollfunktionen darin eingebaut sind. Das schafft Ohnmachtserfahrungen. Ganz zu schweigen von digitalen Armbändern in Logistikzentren oder Supermärkten, wo jeder Handgriff erfasst wird. Und überall dort, wo man auf billige Arbeitskraft zurückgreifen kann, insbesondere die von Frauen, da wird eher nicht in teure digitale Technologie investiert.

Ist es nicht ohnehin ideologisch, die Mühsal der Arbeit mit Sinn und Freude aufpeppen zu wollen?

Für die allermeisten Menschen spielt Arbeit eine wichtige Rolle. Nun ist Arbeit nicht gleich Erwerbsarbeit, wie auch Anhänger des bedingungslosen Grundeinkommens argumentieren. Erwerbsarbeit ist immer auch Mühe und Last, und sie bedeutet, dass man einen Teil der Kontrolle über sein Leben abgibt. Da gibt es nichts zu idealisieren. Aber ob man Sinn in anderen Tätigkeiten suchen kann, ist auch eine Klassenfrage. Das muss man sich leisten können oder massiv auf Konsum verzichten. Das ist jedenfalls kein Modell für alle. Mehr Zeit für anderes wäre durch Arbeitszeitverkürzung zu gewinnen. Für Beschäftigte ist das nur dann eine Verbesserung, wenn sie mit Lohn- und Personalausgleich einhergeht – und dann stellt sich die Verteilungsfrage. Grundsätzlich geht es nicht um die Befreiung von der Arbeit, sondern in der Arbeit.

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06:00 01.05.2021

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