Architektin, nicht Hausfrau

NACHWORT Zum Tod von Margarete Schütte-Lihotzky

Es wird Sie überraschen", bekannte sie anlässlich ihres 100. Geburtstages 1997 in einem Rundfunkinterview, "dass ich, bevor ich die Frankfurter Küche 1926 konzipierte, nie selbst gekocht habe. Zuhause in Wien hat meine Mutter gekocht, in Frankfurt bin ich ins Wirtshaus gegangen. Ich habe die Küche als Architektin entwickelt, nicht als Hausfrau." Mit dieser ›Hausarbeitsferne‹ wird es Margarete, "Grete" Schütte-Lihotzky so gegangen sein wie den Studentinnen, die wie ich Anfang der achtziger Jahre das Hausarbeits- und Küchenthema für sich entdeckten und mit dem damals noch gängigen ideologiekritischen Impetus die frühen Versuche, Frauen aus ihrem "Hausarbeitsjoch" zu befreien, unter die Lupe nahmen.

Die Erfinderin des "Laboratoriums der Hausfrau", wie zeitgenössische Gazetten die Frankfurter Küche feierten, trieben in den zwanziger Jahren, als sie im Team von Ernst May im Frankfurter Hochbauamt arbeitete, kaum feministische Überlegungen, sondern der pragmatische Wunsch, Frauen bei derHausarbeit zu entlasten. Funktionalität und Rationalität galten als oberste Prinzipien: Dass es für jede Arbeit einen besten und einfachsten Weg geben müsse, lernte sie aus den damals populären tayloristischen Bewegungsstudien. Zusammen mit ihrem Mann Wilhelm Schütte, der die sogenannte "Wohnung für das Existenzminimum" konzipierte, entwickelte sie das Prinzip, auf minimalem Raum eine maximale Ausstattung unterzubringen.

Am Ende stand die fest mit den Wänden verbundene, platzsparende Einbauküche, durch die die Wiener Architektin berühmt und die sie zeitlebens nicht mehr los wurde. Die Küche sei ihr schon nach fünf Jahren "zum Hals herausgekommen", und so stellte sie Baustadtrat May, der sie 1930 mit seinem Architektenteam in die Sowjetunion mitnehmen wollte, die Bedingung: "Keine Küchen mehr!"

Über ihr Leben in der Sowjetunion, das von eminent schwierigen Arbeitsbedingungen gekennzeichnet war, ist weniger bekannt. "In Magnitogorsk", erinnert sie sich, "hat es vorher nichts gegeben außer diesem riesigen Erzberg, es gab keine Hochöfen, es gab keine Bahn, keine Straße, das Eisenerz mußte hundert Kilometer mit Pferdeschlitten zur Verhüttung transportiert werden." So wurde die Architektengruppe beauftragt, eine Wohnstadt für 700.000 Menschen aus dem Boden zu stampfen. Um die russischen Frauen als Arbeitskräfte in den "Neuen Städten" zu gewinnen, musste für die Kinder gesorgt werden, also plante "die Schütte" Kindereinrichtungen.

Auch als das Ehepaar 1937 nach Istanbul übersiedelte, blieb die Architektin ihrer neuen Aufgabe treu. Dort entwarf sie zum ersten Mal die an der Montessori-Pädagogik orientierten Pavillonkindergärten: Lichtdurchflutete, naturnahe Räume, die den Kindern Rückzugsnischen anbieten; eine mit der sowjetischen Kollektivideologie kaum kompatible Idee.

Die Verbindung zum österreichischen Widerstand setzte Schütte-Lihotzkys Karriere schließlich ein jähes Ende: Sie wurde während einer konspirativen Reise nach Wien im Januar 1941 verhaftet und vom Volksgerichtshof zu 15 Jahren Zuchthaus verurteilt. In ihren Erinnerungen aus dem Widerstandzeigt sich die Architektin Schütte-Lihotzky als unerschrockene und politisch scharfsichtige Frau, die sich auch nach ihrer Befreiung durch die Alliierten 1945 den Schneid nicht abkaufen lässt.

Die vierjährige Zuchthaushaft und der darauf folgende Kalte Krieg sorgten auf ihre Weise für die "kalte" Verabschiedung der Architektin. Zwar konnte sie zwischen 1948 und 1956 noch einige größere Projekte realisieren, doch ihre Heimatstadt Wien verzichtete weitgehend auf die vielfältigen Erfahrungen der ersten österreichischen Architektin. Erst in den vergangenen Jahren wurde Grete Schütte-Lihotzky wiederentdeckt und international geehrt.

Obwohl sie "gerne auch einmal für einen reichen Mann ein Haus gebaut hätte", blieb sie als Gestalterin ihren sozialen Interessen treu. Dass sie am Ende ihres Lebens zu ihren eigenen Wurzeln in der Architektur zurückgekehrt ist, zeigen ihre Überlegungen jüngerer Zeit zu einem Wohnmodell, das verschiedene Bewohnergruppen beherbergen soll: Es ist die Wiederkehr des Einküchenhauses um die Jahrhundertwende.

Am 23. Jänner wäre die Pionierin des "Neuen Bauens" 103 Jahre alt geworden. Sie starb vergangene Woche in Wien.

Margarete Schütte-Lihotzky: Erinnerungen aus dem Widerstand. Das kämpferische Leben der Architektin von 1938-1945. Wien, Promedia-Verlag,1994
Margarete Schütte-Lihotzky: Soziale Architektur. Zeitzeugin eines Jahrhunderts. Wien, Böhlau-Verlag, 1996

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Geschrieben von

Ulrike Baureithel

Redakteurin „Politik“ (Freie Mitarbeiterin)

Ulrike Baureithel studierte nach ihrer Berufsausbildung Literaturwissenschaft, Geschichte und Soziologie und arbeitete während des Studiums bereits journalistisch. 1990 kam sie nach Berlin zur Volkszeitung, war im November 1990 Mitbegründerin des Freitag und langjährige Redakteurin in verschiedenen Ressorts. Seit 2009 schreibt sie dort als thematische Allrounderin, zuletzt vor allem zuständig für das Pandemiegeschehen. Sie ist außerdem Buchautorin, Lektorin und seit 1997 Lehrbeauftragte am Institut für deutsche Literatur der Humboldt Universität zu Berlin.

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