„Arme erkranken schwerer“

Interview Beim Krankheitsverlauf von Covid-19 sind Klasse und gesellschaftlicher Status klare Risikofaktoren, sagt der Sozialepidemiologe Nico Dragano
„Arme erkranken schwerer“

Grafik: der Freitag

Je länger die Corona-Pandemie dauert, desto sichtbarer wird, wie unterschiedlich sie wirkt: Je nach Geschlecht, Altersgruppe, Beruf trifft es die einen härter als die anderen. Eine wichtige Rolle spielen auch Armut und Klassenzugehörigkeit, weiß der Sozialepidemiologe Nico Dragano aus ersten Untersuchungen.

der Freitag: Herr Dragano, zu Beginn der Pandemie hieß es, das Virus träfe alle gleich. Das hat sich nicht bestätigt. In einer Studie zusammen mit der AOK Rheinland/Hamburg haben Sie erstmals in Deutschland untersucht, wie sich Covid-19 in Bezug auf die soziale Lage auswirkt. Was hat sich dabei gezeigt?

Nico Dragano: Wir haben uns für den Zeitraum Januar bis Juni 2020 anhand der Versicherungsdaten angeschaut, wie hoch das Risiko der verschiedenen sozialen Gruppen ist, an Covid-19 im Krankenhaus behandelt zu werden. Indikator für die soziale Situation war die Arbeitslosigkeit, die in den Versicherungsdaten präzise erfasst ist, also der Bezug von ALG I oder ALG II. Wir konnten schon bei den sogenannten Aufstockern ein erhöhtes Risiko feststellen, im Vergleich zu anderen Erwerbstätigen. Bei den Kurzzeitarbeitslosen steigert sich das noch einmal, und bei den ALG-II-Empfängern ist das Risiko um das 1,8-Fache erhöht.

Kann man diesen Trend nur in Deutschland beobachten oder auch in anderen Ländern?

Erste Berichte aus den USA und aus Großbritannien weisen in dieselbe Richtung. Aus New York haben wir nur recht grobe Daten, da werden die Infektionszahlen zwischen ärmeren und reicheren Stadtteilen verglichen. Die schwarze Bevölkerung ist auf jeden Fall stärker betroffen als die weiße. Und die in den ärmeren Vierteln wohnenden Menschen infizieren sich deutlich häufiger und landen häufiger im Krankenhaus. Aus England wird Ähnliches berichtet. Aus den übrigen von Corona betroffenen Ländern wissen wir wenig zu diesem Thema.

Von der Gesundheitsforschung wissen wir, dass sich für ärmere Schichten das Risiko für bestimmte Krankheiten erhöht. Wie ist das bei Covid-19: Erkranken die Menschen häufiger oder sind sie einfach nur kränker?

Wir können nicht sagen, ob die untersuchte Gruppe häufiger erkrankt, sondern nur, dass der Verlauf der Krankheit dramatischer ist. Das Infektionsrisiko der einzelnen Gruppen könnten wir nur aus den ambulanten Daten erheben, die aber noch nicht vorliegen.

Was sind die Gründe für den schwereren Verlauf?

Auch hier können wir nur Vermutungen anstellen und Studien aus früheren Pandemien heranziehen. Schon bei H1N2 hatten wir es mit einem steigenden Ansteckungsrisiko bei sozialer Benachteiligung zu tun. Die Menschen leben in beengten Wohnverhältnissen und haben keine Möglichkeit, sich zurückzuziehen. In Bezug auf schlecht Verdienende, die prekär beschäftigt sind, kann man davon ausgehen, dass das Risiko in dem Maße steigt, indem sie im öffentlichen Nahverkehr unterwegs sind und im Dienstleistungsbereich mit anderen Menschen zu tun haben. Sie können sich nicht einfach ins Homeoffice zurückziehen. Insofern muss man auch bei den Erwerbstätigen noch einmal genau nach dem sozialen Status fragen. Das war in dieser ersten Untersuchung höchstens im Hinblick auf die deutlich abgrenzbaren Lohnaufstocker möglich.

Zur Person

Foto: Presse

Nico Dragano ist Professor für Medizinische Soziologie am Universitätsklinikum Düsseldorf. Er forscht zu sozialen, ökonomischen und psychologischen Aspekten von Erkrankung, zu Risikofaktoren am Arbeitsplatz und zu den Ursachen und Auswirkungen von Stress

Könnte der schwerere Verlauf der Krankheit auch mit Vorerkrankungen zusammenhängen?

Ja, es gibt einen Zusammenhang zwischen Vorerkrankungen und einem so schweren Verlauf von Covid-19, dass man stationär behandelt werden musste. Wir wissen aus anderen Untersuchungen, dass langzeitarbeitslose Menschen Vorerkrankungen haben, die auch bei Covid-19 eine Rolle spielen, Hypertonie, Herz-Kreislauf-Erkrankungen oder Diabetes. Das könnte ein Teil der Erklärung sein.

Konnten Sie einen Zusammenhang zwischen Erkrankung und gesundheitsriskantem Verhalten feststellen, wie es in der Forschung über Armut und Gesundheit immer wieder dokumentiert ist? Zum Beispiel, weil die Leute seltener Masken tragen?

Das Gesundheitsverhalten unterscheidet sich stark nach sozialen Gruppen, die durch Geschlecht, Herkunft, Einkommen oder Bildung geprägt sind. Das Rauchen zum Beispiel könnte im Zusammenhang mit Covid-19 Lungenkomplikationen begünstigen. Mir ist bisher aber keine Studie bekannt, die direkt untersucht hat, wie gut Menschen Informationen zur Pandemie verstehen und sich entsprechend verhalten – also, ob sie Abstand halten und Maske tragen. Aber auch das könnte ein Parameter sozialer Ungleichheit sein. Wir könnten aber in Zukunft im Rahmen der Nationalen Kohorte …

… ,der größten, seit 2009 laufenden, insbesondere auf genetische Daten fokussierten deutschen Gesundheitsstudie, …

… betrachten, ob es Unterschiede bei der Compliance, also beim Einhalten medizinisch und staatlich verordneter Verhaltensmaßregeln und bei der Inanspruchnahme von Tests gibt. Wir sind beispielsweise gerade dabei, die Berufe der Probanden zu codieren, damit man später feststellen kann, wie sich verschiedene Berufsgruppen in Bezug auf Covid-19 verhalten.

Ihre Studie bezieht sich auf eine bestimmte Region in Deutschland, nämlich das Rheinland und Hamburg, sozial sehr unterschiedliche Gegenden. Sind in anderen Regionen ähnliche Befunde zu erwarten?

Unser Ansatz war, ärmere Menschen mit reicheren Menschen zu vergleichen. Ich gehe nicht davon aus, dass sich das in anderen Regionen anders verhält. Sicher gibt es Regionen, in denen es mehr Hartz-IV-Empfänger gibt, am Risikovergleich dürfte sich aber wenig ändern. Ich wüsste nicht, warum es in Bayern gesünder sein sollte, langzeitarbeitslos zu sein …

… statistisch leben die Leute dort aber länger …

… stimmt, ein, zwei Jahre. Wir schreiben ja auch, dass unser Kollektiv nicht repräsentativ ist für die BRD. Aber ich vermute, ohne es beweisen zu können, dass es in anderen Bundesländern ähnlich ist.

Gar nicht erfasst in Ihrer Untersuchung sind Menschen an der untersten Stufe der sozialen Leiter, also Obdachlose, nicht versicherte Menschen usw. Gehen Sie davon aus, dass sich die Situation hier noch dramatischer darstellt?

Ich arbeite auch im Kompetenznetzwerk Covid-19 der Public-Health-Fachgesellschaften, in dessen Rahmen auch die von Ihnen genannten Gruppen untersucht werden, habe aber selber dazu nicht geforscht. Es wäre zumindest denkbar, dass sie höhere Infektionsrisiken haben, ganz sicher sind sie aber von den indirekten Folgen stark betroffen, also z. B. geschlossenen Hilfseinrichtungen oder sinkenden Spenden.

Sozial, unsozial

Körper Seit Ausbruch der Pandemie wird heftig darüber diskutiert, welches Verhalten eigentlich sozial ist: Werden Menschen in Pflegeheimen durch Isolierung geschützt – oder im Gegenteil durch Einsamkeit in Gefahr gebracht? Der Hashtag #StayTheFuckHome machte die Runde und verletzte all jene, für die das Zuhausebleiben eine Gefahr bedeutete: Frauen, die mit gewalttätigen Männern leben; suizidgefährdete Menschen; demenzkranke Menschen.

Schon lange weisen Linke darauf hin, dass in der Medizin der wohlhabende weiße Mann als Norm gesetzt wird und viele Behandlungen deshalb auf Frauen, People of Color, auf arme Menschen nicht passen. Gesellschaft macht vor Körpern nicht halt, im Gegenteil: Körper sind sozial produziert.

Diese Menschen landen gar nicht erst im Gesundheitssystem.

Ja, sie haben keinen Zugang, lassen sich nicht testen und schon gar nicht nehmen sie an Studien teil, schlicht, weil sie nicht anschreibbar sind. Es gibt aber schon Überlegungen und Fallberichte dazu, die davon ausgehen, dass diese Gruppe deshalb besonders gefährdet ist, weil sie gar keine Chance hat, soziale Distanz zu wahren.

Der Zugang zum deutschen Gesundheitssystem ist vergleichsweise niedrigschwellig, dennoch gibt es Ungleichheit. Wo müsste angesetzt werden?

Das deutsche Gesundheitssystem ist im internationalen Vergleich tatsächlich egalitär. Man müsste an den sozialen Lebensbedingungen der Betroffenen ansetzen. Ein Beispiel ist die Arbeitswelt. Denken Sie an die Fälle in Großschlachtereien, in denen gerade die prekär Beschäftigten nicht gegen Covid-19 geschützt wurden. Verschiedene Politikbereiche müssten also zusammenwirken, sonst werden wir das nicht in den Griff bekommen. Natürlich kann auch das Gesundheitssystem selbst Maßnahmen ergreifen, um die vernachlässigten Gruppen zu erreichen, etwa indem man sie vermehrt testet. Ein altes Problem sind Präventionsmaßnahmen: Sie werden viel öfter von gesünderen, gut gebildeten Menschen wahrgenommen als von den verletzlicheren, auch weil sie genau diese Menschen häufig nicht richtig ansprechen.

Manchmal habe ich den Eindruck, dass Maßnahmen in Bezug auf Covid-19 die gesundheitliche Ungleichheit noch verstärken.

Darüber diskutieren wir auch. Wir haben bisher ja nur über die direkten Folgen, also die Infektionen gesprochen, nicht über die indirekten. Und die sind ganz klar ungleich verteilt, wenn sie etwa an Homeschooling denken.

Da massiert sich etwas, was schon jahrzehntelang in der Gesundheitsungleichheitsforschung diskutiert wird. Ich sehe aber nicht, dass es eine Abkehr von der individuellen zur umweltbezogenen Prävention gibt.

Das Gefühl teilen Sie mit vielen aus der Gesundheitsszene. Das Gesundheitsargument hat es sehr schwer, weil die Zusammenhänge komplex sind. Auf dem Arbeitsmarkt wirken starke Interessen, die prekäre und gesundheitsschädigende Beschäftigung hervorbringen. Gesundheit ist dann oft das nachrangige Gut, weil die Auswirkungen nicht so unmittelbar sichtbar werden. Bei Covid-19 ist es evident, bei Herz-Kreislauf-Erkrankungen weniger, weil es lange dauert, bis sie medizinisch hervortreten. Kausalzusammenhänge sind ohnehin schwierig nachzuweisen.

Glauben Sie, dass Covid-19 eine Veränderung bringt?

Jetzt bin ich eher Epidemiologe als Zukunftsforscher. Ich denke aber schon, dass Corona uns Gelegenheit dazu geben wird, gesundheitliche Ungleichheit neu auf die Agenda zu setzen, weil das Problem gerade so stark sichtbar wird. Jedem sollte klar sein, dass ärmere Familien, in denen Eltern den Job verlieren und Kinder nicht beschult werden können, viel stärker betroffen sind als besser gestellte.

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06:00 16.11.2020
Geschrieben von

Ulrike Baureithel

Autorin und Vielfachbewegte in Berlin
Ulrike Baureithel

Ausgabe 48/2020

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