Auf Holzwegen

Ausstellung „Unter Bäumen“ heißt eine Schau im Deutschen Historischen Museum Berlin. Sie will dem "deutschen" Wald auf die Spur kommen und verläuft sich in diesen Mythen

„Das Rigide und Parallele der aufrecht stehenden Bäume, ihre Dichte und ihre große Zahl erreicht das Herz der Deutschen mit tiefer und geheimnisvoller Freude“, beschrieb Elias Canetti 1976 das besondere Verhältnis der Deutschen zu „ihrem“ Wald. Für einen Juden, dem während der Nazizeit das Betreten des „deutschen“ Waldes verboten war und der miterleben musste, wie Hitler für seine Autobahnen und Konzentrationslager gewaltige Schneisen durch die gefeierte „Waldeinsamkeit“ brechen ließ, muss diese Beziehung bedrohlich erschienen sein.

Doch selbst in zivilisierteren Zeiten birgt der Wald als Gegenentwurf zur urbanen Gesellschaft Gefahren und ist selbst in Gefahr: die adelige und später bürgerliche Gesellschaft befriedigt ihre Geltungsbedürfnisse bei der Jagd; der romantisch aufgeladene Baumbestand fällt der Waldwirtschaft oder dem sauren Regen zum Opfer; der märchenhaft finstere Wald mobilisiert frühkindliche Ängste, und im Dickicht lässt sich so manche Leiche entsorgen. Die deutsche Umweltbewegung sorgte dann dafür, dass der Wald wieder als Objekt der Fürsorge und Rettung in den Blick geriet.

Den zahlreichen kulturhistorischen und mentalitätsgeschichtlichen Aspekten des Naturraums Wald hat das Deutsche Historische Museum (DHM) in Berlin eine Ausstellung gewidmet. Ein Drittel der Fläche Deutschlands ist – allen römischen und späteren Rodungen zum Trotz – noch immer bewaldet. Das eröffnet einen riesigen Wirtschaftszweig, und wer sich gelegentlich im Schwarzwald aufhält, kann erleben, wie einst lauschige Waldwege den Planierungsbedürfnissen der Holzwirtschaft weichen müssen. Dennoch bleibt der Wald für die Deutschen „gefühlter“ Ausstieg. Der Waldgänger entflieht den Zumutungen des modernen Lebens, imaginiert sich als eins mit der Natur, auch wenn sie nur noch eine zugerichtete ist.

Der Waldesdom

Am deutlichsten lässt sich das in der Ausstellung an der Malerei nachvollziehen, sekundiert von den Barden, die den Eichen-, Buch- oder Hochwald besingen: Hohe Stämme, die wie Naturdome wirken, zerklüftete Felsformationen, versteckte Seen und idyllische Sonnenuntergänge, nicht zu vergessen die tierischen Bewohner des Waldes, allen voran der röhrende Hirsch. Die Romantik hat den Innenraum des Waldes als Sinnbild unverdorbener Natur entdeckt, während der Befreiungskriege wurde er politisiert: Theodor Körner und Ernst Moritz Arndt laden ihn mit nationalem Pathos auf, während er bei Caspar David Friedrich zu seinem eigentlich mythischen Wesen findet. Wenn Erwin von Steinbach, der mittelalterliche Baumeister des Straßburger Doms, in August von Krelings Waldesdom seine Erleuchtung hat, scheinen Natur und Kultur wieder versöhnt.

Bis ins 20. Jahrhundert blieb der Wald noch bewahrenswerter Erinnerungsraum. Seine ideologische Vereinnahmung durch die Nazis setzt dieser Tradition zumindest in der Kunst ein vorläufiges Ende. Was nach dem Krieg bleibt, ist die Trivialisierung des Waldes im Heimatfilm und seine spätere Wiederentdeckung als „nachhaltiger“ Lebensraum. Dieses "Raum"-Konzept, das der Wald vorgibt und von dem sich die Ausstellungsmacher – museumsdidaktisch übrigens sehr um Kinder bemüht – leiten lassen, ist indessen auch ein Problem. Es verdoppelt die dualistischen Denkvorstellungen über den Wald, die eigentlich kritisch beleuchtet werden sollen. Man sollte den schönen Ausstellungskatalog zu Rate ziehen, um diesem Zusammenhang auf die Spur zu kommen.

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08:00 04.02.2012

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