Ausweitung der Debattierzone

Eventkritik Das Wissenschaftszentrum Berlin lässt Männerrechtler bei einer Podiumsdiskussion über die gefühlte Diskriminierung der Männer sinnieren

Männer, lasst euch nicht eure Männlichkeit nehmen! Männer lasst euch nicht auffressen! Was hat die internationale feministische Verschwörung, juristisch abgesichert und medial aufgerüstet, nur aus dem Mann gemacht! Glaubt man Agens e. V., dem Verein zur Wiederherstellung der Männerwürde, dann ist das einst virile Geschlecht in so eine Art vierte Welt innerhalb der ersten verbannt worden. In eine Welt, in der Altfeministinnen, F-Damen und Alphamädchen das Zepter übernommen haben.

Wir haben uns ja schon daran gewöhnt, dass der ernsthafte Gender Trouble vom seichten Geschlechtergeschwätz abgelöst worden ist, und leider sind die Frauen nicht ganz unbeteiligt daran. Wenn aber eine so unbestritten seriöse Institution wie das Wissenschaftszentrum Berlin, eigentlich zuständig für die Erforschung sozialer Verhältnisse und mit einer frauenpolitischen Frontfrau wie der Soziologin Jutta Allmendinger ausgestattet, mit einer Sekte wie Agens kooperiert, sorgt das schon im Vorfeld für Irritationen. Allein der Titel „Mann und Frau. Wie soll’s weitergehen?“ erinnert mehr an den Rempelboulevard als an die gepflegte Wissenschafts-Chaussee.

Von Schuldgefühlen geplagt

Aber, nein, ganz falsch. Eckhard Kuhla, einer der drei Agens-Vertreter auf dem Podium, stellt an diesem Montagmittag von Anfang an klar: Ihm ginge es um die „Suche nach Wahrheit“. Und die – das muss man trotz aller „gendermedialen Bevormundung“ doch aussprechen dürfen – besteht darin, dass der Mann, „von Schuldgefühlen geplagt“, einfach nicht mehr fähig und willens ist, seine Interessen zu vertreten. Es braucht eine „eigenständige Männerpolitik“, die männliche Lebensziele neu definiert und statt Frauenbevorzugung und Gender Studies die „Inklusion“ von Männern verfolgt, also statt feministischer „top down“ eine „bottom up“-Strategie betreibt. Da hat Kuhla ja dann doch etwas von den Gender Studies gelernt. Inklusion bedeutet hier nämlich, dass die ausgeschlossenen Männer in die Gesellschaft zurückgeholt werden sollen.

Kuhla weiß sich dabei nicht nur von männlichen Mitstreitern wie Agens-Mitbegründer Professor Gerhard Amendt, der dem Verein kraft Amt den seriösen Anstrich verleiht, unterstützt. Es gibt auch Frauen, die erkannt haben, „dass es so nicht weitergeht“, wie Amendt bekräftigt. Monika Ebeling, die „von einer feministischen Männermehrheit im Goslaer Stadtrat“ ( so bemerkt Kuhla ironisch) als untragbar entlassene Frauenbeauftragte, sitzt auch auf dem Podium. Ebeling hat erkannt, dass „zu viele Männer an Frauenseilschaften scheitern“ und die „Dauerprotektion alleinerziehender Mütter“ ein Ende haben muss.

Genauso wie Mitdiskutantin Birgit Kelle vom Verein „Frauen 2000plus“, ist Ebeling der Auffassung, dass die Lebensverhältnisse von Männern und Frauen deren Privatangelegenheit seien, in die sich kein Staat und keine Feministin einzumischen habe. Gewisse Umgereimtheiten gibt es bei aller Übereinstimmung dann aber doch, denn während Kelle die Kinder zur Angelegenheit der Mütter erklärt, bringen sich gleichzeitig die ewig diskriminierten Väter ins Spiel. Die beklagen sich, aus dem Publikum beklatscht, über böswillige Mütter, die ihnen ihre Kinder vorenthielten.

Bei viel Trouble könne es dann schon einmal zu Gewalttätigkeiten in der Familie kommen, zur sozusagen anderen Seite der Liebe, wie Amendt behauptet und dafür reichlich überholte Studien aus den siebziger Jahren hervorkramt. Wenn der Mann zuschlägt, ist auch das privat auszufechten. Täter, Opfer, alles spitzfindige Unterscheidungen. Zumal Frauen ohnehin nicht so friedlich sind, wie es scheint.

WZB-Präsidentin Jutta Allmendinger begegnet der gefühlten Männerdiskriminierung mit Fakten: Frauen in Teilzeitarbeit, Frauen am Ende der Lohnskala, Frauen in minderen Berufspositionen, Frauen als Alleinerziehende und Frauen, die auch bei lebenslanger Erwerbsarbeit so wenig Rente bekommen, dass „der Heiratsmarkt offenbar doch viel versprechender“ sei. Dabei wollen doch Frauen und Männer das Gleiche: Beruf, gutes Einkommen, Kinder, sogar „dünn sein“ wollen junge Frauen und Männer in gleichem Maße. Nur, dass Männer denken, Frauen wollten etwas ganz anderes und vice versa. Man rede halt zu wenig miteinander, generell aber, schließt Allmendinger ihren Parcours durch die Expertisen, „stimmen Männer mit den Füßen ab und hören nicht zu“.

Ganz zufällig?

Warum sich Allmendinger überhaupt auf dieses Podium setzt, wo sie sich windet und sichtlich die Tuchfühlung zu Sitznachbar Kuhla meidet? Dieses Rätsel löst sich für das Publikum erst zum Schluss: Ganz zufällig, sagt WZB-Kollege und Ungleichheitsforscher Jens Alber, sei er auf die Agens-Leute gestoßen und habe die Gelegenheit ergriffen, endlich einmal darüber zu sprechen, was ihm auf den Nägeln brennt: Dass nämlich Geschlecht nicht mehr als zentrale Ungleichheitskategorie tauge, weil die Gleichheit längst erreicht sei und die Quotierung ein „obrigkeitliches Mittel“ zugunsten der Frauen.

Nein, Wissenschaft ist nicht wertfrei, da hat Allmendinger schon Recht. Wie viele Minderwertigkeitskomplexe, wie viel Angst und Aggression sich doch mit „sachlichen Argumenten“ tarnen können. Väter, die sich von ihren Partnerinnen; Jungs, die sich von ihren Lehrerinnen zurückgesetzt fühlen; Männer, die plötzlich nicht mehr automatisch den Chef stellen – und auch hin und wieder Frauen, die sich mit dem Aggressor identifizieren. Das ist ein weites Feld, das sozialpsychologisch noch gar nicht erforscht und beim WZB ganz gut aufgehoben ist.

Zu anderen Zeiten wäre eine solche Veranstaltung von Feministinnen gestürmt worden. Dass sich die WZB-Chefin überhaupt genötigt sieht, Agens-Leuten ein Podium zu geben und sich mit ihren Argumenten auseinanderzusetzen, zeigt, wie sehr sich das gesellschaftliche Klima verändert hat. Auch dieses Phänomen harrt noch der Untersuchung.

17:40 28.06.2011
Geschrieben von

Ulrike Baureithel

Autorin und Vielfachbewegte in Berlin
Ulrike Baureithel

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