Billige Entsorgung?

Wissenschaftsinspektion Als erste Großinstitution legt die Max-Planck-Gesellschaft nach sechs Jahren die Rolle ihrer Vorläuferorganisation im Nationalsozialismus offen

Es mag ja purer Zufall gewesen sein, dass die Präsentation des Volksstaat-Schinkens von Götz Aly zeitlich zusammenfiel mit der Konferenz im ehrwürdigen Harnack-Haus in Berlin-Dahlem; doch gemessen am Interesse scheint das breite Publikum für Masochismus anfälliger zu sein als die Wissenschaft. Jedenfalls nahmen die Besucher im ehemaligen jüdischen Bankenviertel in Berlin-Mitte Alys Beschimpfung, vom NS-Sozialsstaat damals wie heute profitiert zu haben, ungleich zahlreicher zur Kenntnis, als die in Berlin ansässigen Forscher den provozierenden Befund, dass sie auf die eine oder andere Weise in die NS-Geschichte involviert sind. Selbst wenn auch hier institutionell die "Stunde Null" eingeläutet wurde und die Max-Planck-Gesellschaft (MPG) nominell nichts mehr mit der 1911 gegründeten Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft (KWG) zu tun hatte.

Weder Deckung noch Entlarvung

Es dauerte genau 50 Jahre, bis die MPG das Schweigekartell brach. 1998 beauftragte ihr damaliger Präsident Hubert Markl eine unabhängige Kommission unter dem Vorsitz der Zeithistoriker Reinhard Rürup und Wolfgang Schieder, die das, was nach 1945 unter den Teppich der Geschichte gefegt wurde, wieder hervorkehren sollte. Ein mühsames und flusenreiches Geschäft, wie sich zeigte, denn nicht nur waren viele Aktenbestände der unter dem Dach der KWG versammelten Institute längst vernichtet oder verloren gegangen, die beauftragten Historiker und Historikerinnen hatten sich auch durch den aufgehäuften historischen Feinstaub zu kämpfen: Dass die NS-Wissenschaft nur "Pseudowissenschaft" gewesen sei, die den Namen gar nicht verdiene zum Beispiel, und dass, so die Kehrseite, alles, was an den Kaiser-Wilhelm-Instituten erforscht wurde, einzig kriegerischen und mörderischen Absichten gedient habe. Und obwohl heutzutage weder Schüler am Werk sind, die die einstigen, belasteten Lehrer decken zu müssen glauben, noch entlarvungssüchtige Außenseiter auf eine "Stürmung der Bastille" zielen, tut sich die Wissenschaft nicht immer leicht mit der Selbsterforschung. Insbesondere dann, wenn sie eine Rechenschaftslegung beinhaltet, die den Auftraggeber verärgern oder sich andererseits dem Vorwurf aussetzen könnte, die zu begutachtende Großinstitution nur "weißgewaschen" zu haben.

Sechs Jahre lang wühlte sich die zwanzigköpfige, von zahlreichen Gastwissenschaftlern unterstützte Projektgruppe unter der wechselnden Leitung von Doris Kaufmann, Carola Sachse und Susanne Heim durch die lückenhaften Bestände und fahdnete nach Zeitzeugen wie den überlebenden Zwillingen, die in Auschwitz Opfer des Arztes Josef Mengele wurden. Doch dem Team ging es nicht nur darum, die Rolle einzelner Spitzenwissenschaftler wie des Nobelpreisträgers Adolf Butenandt zu rekonstruieren oder deren Teilhabe an Verbrechen nachzuweisen. Das Vorhaben war viel komplexer, weil es zeigen sollte, dass die NS-Wissenschaft keineswegs rückständig, weil "barbarisch" war, sondern sie sich mit ihrem experimentellen Furor und ihrem umfassenden Zugriff auf den Körper und "Volkskörper" in einen langfristigen und weltweiten Prozess wissenschaftlicher Rationalisierung einordnete.

Doch was gehörte zur zeitgenössischen, auch in anderen Ländern betriebenen wissenschaftlichen "Normalität", was überschritt sie und welche Bedingungen begünstigten diese in der projektinternen Sprachregelung so genannte "Entgrenzung"? Stand die KWG unter ständigem "Überlebensdruck" oder nutzte sie die veränderte politische Lage, um, insbesondere mit ihrem seit 1937 amtierenden Präsident Ernst Telschow, immer neue Mittel einzuwerben und ihre Netzwerke auszubauen, wie Rüdiger Hachtmann konstatierte? Wurden Wissenschaftler zu bestimmten Projekten - von der genetisch orientierten Rasseforschung (Eugenik, vergleichende Erbpathologie) über die angewandte kriegswichtige Rüstungsforschung bis hin zur "Ost- und Lebensraumforschung" (Landwirtschaft und Ernährung) - angehalten oder gar gezwungen? Oder dienten sich diese "unter Ausblendung der Kontexte" (Susanne Heim) nicht vielmehr den neuen Machthabern an, um ihre Vorhaben voranzutreiben? Immerhin sorgten auch international renommierte NS-Forscher für die Absicherung des gesetzlichen Rahmens von Verbrechen (zum Beispiel bei der Erarbeitung und Durchführung des Erbgesundheitsgesetzes), sie nutzten die Möglichkeiten geografischer Expansion (genetische Pflanzenforschung im Osten) oder das nun verfügbare neue Forschungs"material" für ihre Experimente (KZ-Häftlinge, Behinderte, Kriegsgefangene). Ohne ihr Expertenwissen wäre der Ausbau des NS-Staates nicht möglich gewesen; dieser wiederum sicherte die mehr oder minder komfortablen Arbeitsmöglichkeiten der Forschenden ab.

Zweckorientierte Überzeugungstäter

Die Fragen führen zurück auf ein strukturelles Defizit, das Doris Kaufmann eher mit Blick auf die aktuelle Situation formulierte: Auch "normale" Wissenschaft bediene sich Denkstilen, unterliege Dynamiken und forciere Praxen, die nicht immun seien gegenüber Vereinnahmung oder Entgrenzung. Die "Mahnung zu verantwortungsvoller Selbstbegrenzung", so ihr Plädoyer, reiche nicht aus, um generell zügellose Wissenschaft in Zaum zu halten. Die "latente Amoralität", so das Fazit des Vergleichs, den Carola Sachse und Michael Walker zwischen nationalsozialistischer und der zeitgenössischen internationalen Forschung anstellten, sei ein Kennzeichen von Wissenschaft. Auch in demokratisch verfassten oder autokratischen Ländern habe es zielgerichtete eugenische Forschung gegeben und die kriegsführenden Länder (außer Japan) hätten die Wissenschaft auf militärischen Nutzen abgestellt. Nirgends aber sei die Übereinstimmung zwischen Politik und Wissenschaft so groß gewesen wie in Deutschland, nirgends sei die juristische und ethische Deregulierung, so der Wissenschaftshistoriker Volker Roelcke, so weit gegangen. In Deutschland haben die traditionellen Kontrollinstanzen - sowohl die internen der Science Community als auch die Öffentlichkeit - nicht nur versagt, das "Zweckbündnis" zwischen Politik und Wissenschaft, so Hans-Walter Schmuhl, habe vielmehr auf gemeinsamen Werten basiert, es waren "Überzeugungstäter" am Werk.

Was bleibt?

Wer auf dieser Abschlusstagung des Projektes skandalöse Enthüllungen erwartet hatte, wurde schon deshalb enttäuscht, weil die brisanteren Ergebnisse - die umstrittene Teilhabe Butenandts an der Vernichtungspolitik oder die Zusammenarbeit des Eugenikers Otmar Freiherr von Verschuer mit dem KZ-Arzt Mengele - schon seit längerem vorliegen. Deutlich wurde, dass die NS-Wissenschaft keineswegs von der internationalen Forschung abgekoppelt arbeitete, sondern in manchen Bereichen sogar führend war und nach dem Krieg ihre Arbeit relativ unbehelligt fortsetzen konnte. Auf die nach 1933 entlassenen und ins Ausland geflüchteten jüdischen Wissenschaftler verzichtete die neu gegründete MPG auch weiterhin, wie Michael Schüring zeigte. Auch eine mögliche Wiedergutmachung wurde dem eigenen Selbstverständnis geopfert (als "staatsferne" Einrichtung fiel die MPG nicht unter die Bestimmungen des Wiedergutmachungsgesetzes). Vielmehr bürdete die Generalverwaltung den verfolgten Personen die Beweislast auf, wenn diese Ansprüche stellten.

Insofern kommt die vorgelegte historische Bilanz für die meisten Betroffenen natürlich zu spät, auch wenn die 2001 ausgesprochene offizielle Entschuldigung des damaligen MPG-Präsidenten Hubert Markl die wenigen noch lebenden Zwillinge aus Auschwitz noch erreichte. Für die Nachgeborenen in der Wissenschaft hält das Projekt - über die historische Rekonstruktionen hinaus - allerdings Einsichten bereit, mit denen sich die Verantwortlichen der einschlägigen MPG-Institute offenbar schwer tun. Über das "Zweckbündnis" zwischen heutiger Wissenschaft und (Standort-)politik war auf der Tagung deshalb so wenig zu hören wie sich Naturwissenschaftler zu der immer noch unterstellten "Werteresistenz" ihrer Forschung verhielten.

Als Hubert Markl, sekundiert von seinem Nachfoger Peter Gruss, "Versäumnisse" einräumte, seine "Fassungslosigkeit und Scham" zu Protokoll gab und betonte, dass nur "rechtssichernde Institutionen" die Wissenschaft vor Abwegen schütze, hätte auch daran erinnert werden können, dass sich Hubert Markl - ebenfalls im Jahre 2001 - explizit gegen eine Fremdeinmischung oder staatliche Reglementierung von "persönlichen Entscheidungen" für Präimplantationsdiagnostik oder Sterbehilfe ausgesprochen und Forschungsfreiheit für Stammzellforscher reklamierte hatte.

Vergangenheit, wurde auf der Tagung eingangs einmal kolportiert, sei relativ billig zu entsorgen. Teuer müsste es uns sein, ihre Lehren auf die Gegenwart zu beziehen. Sonst hätte sich die müsame und verdienstvolle Arbeit der Historikergruppe eben doch nicht gelohnt.

www.mpiwg-berlin.mpg.de/kwg


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Ihre Freitag-Redaktion

00:00 25.03.2005
Geschrieben von

Ulrike Baureithel

Autorin und Vielfachbewegte in Berlin
Ulrike Baureithel

Ausgabe 23/2021

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