Bin ich mein Gehirn?

Identität und Körper Eine Tagung ergründete das schwierige Verhältnis angesichts medizinischer und neurowissenschaftlicher Herausforderungen

So unterschiedlich sie sind, so unzertrennlich sind die beiden Freunde Jan und Jon. Sie bewundern gegenseitig das, was sie nicht haben, ihre körperlichen und intellektuellen Qualitäten. Sie verlieben sich in dieselbe Frau, doch auch Marie liebt den klugen Kopf Jans ebenso wie den schönen Körper Jons. Nach einem Unfall verwechselt sie die Köpfe der Freunde, sodass die Ärzte Jans Kopf auf den sportiven Körper Jons transplantieren. Doch die beiden Männer Jan/Jon und Jon/Jan verändern sich: Der Wunschmann Maries verliert seine Spannkraft, während der stubenblasse Körper des Anderen Muskeln ansetzt. Viel folgenreicher noch ist die Frage, wer der Vater des Kindes ist, das im Bauch der Mutter heranwächst und von dort die Geschichte erzählt: Ist es vom Kopf Jans beseelt oder ist nur das genetische Erbe Jons für seine Identität ausschlaggebend? Eine unentscheidbare Frage ...

Der nach einer indischen Legende und einer Erzählung von Thomas Mann entstandene preisgekrönte Fotofilm von Katja Pratschke und Gustáv Hámos hätte kaum kürzer und prägnanter das Problem fokussieren können: Was bestimmt uns mehr, der Geist oder der Körper? In welchem Verhältnis steht unsere Identität zur körperlichen Beschaffenheit, und welchen Einfluss haben Veränderungen des Körpers auf unser Verhältnis zur Umwelt? Die vertauschten Köpfe des Thomas Mann sind dabei keineswegs nur als metaphorische Annäherung zu verstehen, sondern sie sind, bedenkt man etwa die Kopfverpflanzungsexperimente eines Robert White, erschreckend nahe an der medizinischen Gegenwart - auch wenn es bislang "nur" Affen waren, die dieser Tortur (mit tödlichem Ausgang) unterzogen wurden (vgl. Freitag 11/2002).

Mängelwesen Mensch

Die schreckliche Allianz zwischen Wissenschaft und Verbrechen, das haben Medizin- und Wissenschaftshistoriker in den letzten Jahrzehnten wiederholt vorgetragen, hat Tradition: Die operativen "Verbesserungen" des "Mängelwesens Mensch", gleichgültig, ob sie nun kollektiv eugenischen oder individuellen Maßstäben folgten, standen im Dienst einer höchst fragwürdigen Sozialhygiene, die darauf abzielte, gesellschaftliche Probleme durch biologische "Anpassung" zu lösen.

Der Historiker Heiko Stoff, der diesen körpergeschichtlichen Zusammenhang auf der von der Evangelischen Akademie Berlin-Brandenburg und dem Max-Delbrück-Centrum ausgerichteten Tagung Identität und Körper skizzierte, machte allerdings darauf aufmerksam, dass der gefährdete und zugerichtete Körper auch als "gefährlich" wahrgenommen wird, weil er Einfallstor für das "Fremde" wird. Die Phantasmen, die sich um transplantierte Körperteile ranken, haben sich keineswegs nur (hoch)literarisch wie bei Thomas Mann oder in Schauergeschichten niedergeschlagen, sie sind, wie wir aus dem Transplantationsalltag wissen, auch Teil der medizinischen Wirklichkeit: Patienten fühlen sich schuldig, Organe gestohlen zu haben, sehen sich von ihnen verfolgt, oder sie imaginieren Eigenschaften, die vom Spenderorgan stammen.

Doch nicht nur die moderne Transplantationsmedizin, auch die gerade wieder in die Schlagzeilen geratenen Neurowissenschaften fordern unser Verständnis von Körper und Identität heraus. Wenn prominente Neurowissenschaftler wie Wolf Singer oder Gerhard Roth etwa behaupten, Bewusstsein und Handeln letztlich als einen nur neurophysiologischen Prozess "entziffern" zu können, hat dies nicht nur pädagogische und juristische Folgen (denn wer kann dann noch für sein Handeln verantwortlich gemacht werden?), sondern planiert radikal auch die anthropozentrischen Erhöhungen des Geistes. Gleichzeitig hat der neurozentrische Blick auf den Menschen das Gehirn ungleich aufgewertet und zum Sitz für dessen "Identität" bestimmt. "Bin ich mein Gehirn?", fragte der Neurowissenschaftler Georg Northoff provokativ und plädierte für einen "relationalen" Umgang von Gehirn, Körper und Umwelt.

Leibsein und Körperhaben

Ob sich der Hirnspezialist, der die Ersetzungstechniken durch Chips, Elektroden, Prothesen und Zellen aller Art für durchaus möglich und sinnvoll hält, um Krankheiten wie Parkinson, Alzheimer oder Multiple Sklerose zu therapieren, allerdings auf die nur "narrativ" zu entwerfenden Muster", von Identität, die von philosophischer Seite mit Rückgriff auf Plessners Konzept von (anatomischem) "Körperhaben" und (sozialem) "Leibsein" angeboten wurden, eingelassen hätte? Über das komplizierte Wechselverhältnis von (hirn)physiologischer Zurichtung und Identitätsbildung ist noch wenig bekannt; aber schon der Umgang, den Menschen mit Prothesen aller Art pflegen, offenbart, dass der Prozess von Integration oder Desintegration weniger von physiologischen Anpassungen abhängt als von der Art und Weise, wie sich ein Patient in der sozialen Welt damit situieren kann. Das gilt, glaubt der Psychologe Oliver Decker, letztlich auch für Patienten, die mit neuen Organen leben lernen müssen.

Menschen mit computergestützten, gut zu verbergenden Beinprothesen fürchten sich beispielsweise um so weniger vor "Enttarnung", wenn sie sich in einer sozialen Gruppe aufgehoben fühlen. Kindern andererseits, die von Geburt an gehörlos sind und denen ein Cochlea-Implantat eingepflanzt wurde, scheinen große soziale Integrationsprobleme zu haben, weil sich die Aufmerksamkeit der Familie vorab auf Hörerziehung und Spracherwerb konzentriert. Welche identitätsverändernde Wirkung gar eine transplantierte Hand hat, lässt sich in den einschlägigen Fallbeispielen aus dem Ausland nachlesen; in Deutschland, so der Chiroplastiker Peter Vogt, sähe man in der Regel deshalb nicht nur aus medizinischen Gründen von derlei Experimenten ab.

Das Eigenrecht und der Eigensinn des Körpers scheinen mental immerhin nicht hintergehbar, obwohl oder gerade weil uns der Körper keinen privilegierten Zugang zur Welt mehr verschafft, wie Historikerin Jutta Held in ihrem Aufriss kritischer Körperkonzepte betonte. Sowohl die philosophische als auch die naturwissenschaftliche Kritik an den Unmittelkeitsversprechen des Körpers hat allerdings nichts geändert an seiner Verletzbarkeit, seiner Empfindlichkeit und seinem "Gedächtnis" für den Schmerz. Die Tatsache, dass Körpergrenzen so fließend sind wie Identitäten offen, ist jedoch kein Grund, den biopolitischen Zugriff auf den Leib - auch wenn er öffentlich "kommuniziert" und transparent gemacht wird wie in dieser Tagung - zu rechtfertigen. Die in Deutschland kultivierten bioethischen Kompromissfallen, die Erhebung des "Kopfes" über den "Körper", werden auf europäischem Parkett gerade wieder einmal kompromittiert. Doch schon Plessner wusste: Der Leib ist stur.


00:00 28.11.2003
Geschrieben von

Ulrike Baureithel

Autorin und Vielfachbewegte in Berlin
Ulrike Baureithel

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