Blick zurück nach vorn

Pegida Die Erleichterung über den Zerfall von Pegida ist groß. Doch welchen Anlass braucht es, um diesen ressentimentschwangeren Bodensatz wieder auftreiben zu lassen?
Ausgabe 07/2015
Anhänger von „Direkte Demokratie für Europa“ mit einer Schwäche fürs Englische
Anhänger von „Direkte Demokratie für Europa“ mit einer Schwäche fürs Englische

Foto: Christian Ditsch/Imago

Uh, der Spuk ist vorbei. Pegida passé. So heißt es. Allenthalben Erleichterung, nachdem der radikale Teil der Pegida-Bewegung am vergangenen Montag in Dresden nur noch 2.000 Menschen auf die Straßen gebracht hat statt der unheimlichen 17.000 von vor einigen Wochen. Kathrin Oertel, die sich von ihrem rechtsradikal kompromittierten Mitinitiator Lutz Bachmann abgewandt hat, wird mit ihrem neuen Verein „Direkte Demokratie für Europa“ sowieso nicht ernst genommen: Eine Frau auf Politikberatungstrip, das ist leicht beherrschbar. Haben einige nicht vorausgesagt, Pegida würde sich spalten und die wackeren Demokraten die Oberhand behalten?

Wär’s denn so schön auf dem politischen Planeten. Würden doch die 15.000 Skandierenden, die am Montag still zu Hause geblieben sind und sich das Spektakel wie sonst auch nur auf dem Bildschirm angesehen haben, von den Demokraten überzeugt worden sein. Würde das „Solidarisieren, Mitmarschieren“ künftig nur noch denjenigen gelten, die Solidarität wirklich nötig haben. Und könnte man sicher sein, dass ausländerfeindliche Typen wie Bachmann und sein Hardcore-Anhang Zerfallsprodukte sind. Aber es gibt sie weiter, auch wenn sie momentan nicht mehr massenhaft auf die Straße ziehen. Die Unzufriedenen und Unglücklichen, die sich zurückgesetzt Fühlenden und Abstiegsängstlichen und schlicht auch die Krawallmacher, denen jede „Gida“ recht ist, um ihr Mütchen zu kühlen. Welchen Anlass braucht es, um diesen ressentimentschwangeren Bodensatz wieder auftreiben zu lassen? Wie muss der „Führer“ aussehen, um ihn zu kanalisieren?

Bernd Lucke von der AfD wird es gewiss nicht sein. Zu bildungsbürgerlich, zu rechthaberisch. Aber auch in der AfD sind die Flügelkämpfe noch nicht ausgefochten, die rechten Fahrrinnen warten darauf, ausplaniert zu werden. Nicht nur die Hamburger AfD-Frau Tatjana Festerling zeigt Sympathien für die Pegida-Bewegung – und in Hamburg wird am Sonntag gewählt. Es ist also zu früh, um den deutschen Michel, der sich die Zipfelmütze über die Augen zieht und nicht weiter regt, zu beschwören. Islamphobie, Ausländerhass und Demokratiefeindlichkeit rumoren weiter. Gut ist, dass es viele gab, die ihn öffentlich in die Schranken wiesen. Ob nachdrücklich, bleibt noch zu beweisen.

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Geschrieben von

Ulrike Baureithel

Redakteurin „Politik“ (Freie Mitarbeiterin)

Ulrike Baureithel studierte nach ihrer Berufsausbildung Literaturwissenschaft, Geschichte und Soziologie und arbeitete während des Studiums bereits journalistisch. 1990 kam sie nach Berlin zur Volkszeitung, war im November 1990 Mitbegründerin des Freitag und langjährige Redakteurin in verschiedenen Ressorts. Seit 2009 schreibt sie dort als thematische Allrounderin, zuletzt vor allem zuständig für das Pandemiegeschehen. Sie ist außerdem Buchautorin, Lektorin und seit 1997 Lehrbeauftragte am Institut für deutsche Literatur der Humboldt Universität zu Berlin.

Ulrike Baureithel

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