Blindseher und Blindgänger

Berliner Abende Kolumne

Rauschen. Und heftiger Abgasgestank, der in die Augen treibt, zu Tränen beißt. Vor mir gleiten Fahrzeuge vorbei, ununterscheidbare Schatten. Nur die großen Busse, die anscheinend in ununterbrochener Folge hier vorbeirumpeln, kann ich am veränderten Luftzug erkennen. Wäre ich alleine, würde ich jetzt meinen Stock ausfahren, signalisieren, dass ich die Straße überqueren möchte und einfach loslaufen, auf gut Glück. Ich weiß, das wirkt manchmal ziemlich aggressiv, als wollte ich die, die hier blicklos vorbeihasten, einfach weghauen. Stimmt ja auch irgendwie. Meine Tochter hat mir das mit dem Stock aber streng verboten. Aufs Anhalten könne ich mich in Berlin nicht verlassen, sagt sie.

Berlin existiert für mich nur noch als Erinnerungsbild. Vor zehn Jahren, als ich die Stadt zuletzt besuchte, war der Potsdamer Platz ein großes Loch und der Mauerstreifen Brachfeld. Damals konnte ich die riesigen Wasserlachen noch sehen und die noch immer existierenden Zahnlücken zwischen den Häusern. Am liebsten war ich im Pergamonmuseum. Damals hatte Sophokles´ mit Blindheit geschlagener Teresias noch gar keine Bedeutung für mich. Blindheit, weiß ich heute, macht einen sehend für die Sehenden.

Im Museum war es vor allem ruhig. Heute stürzen die Geräusche auf mich ein. Diese Aufregung, als der ICE gar nicht in Spandau hielt und ich mich zwischen knisternden Tüten, quiekendem Game Boy und dem sirrenden Walkman neben mir auf die Ansage zu konzentrieren versuchte. Und dann waren wir plötzlich schon am Bahnhof Zoo, und ich mit meinem großen Trolly und meiner Angst, nicht rechtzeitig aus dem Zug zu kommen. In Freiburg hatte der auch nur eine Minute gehalten und keine Rücksicht auf seh- und gehbehinderte Alte wie mich genommen. Die Zugbegleiterin half mir schließlich, das Teil auf den Bahnsteig zu bugsieren und beruhigte mich wie ein Kind. Viele reden so mit mir, dabei bin ich schließlich nur blind und nicht doof.

Gott sei Dank, wenigstens gibts auch hier die weißen Streifen auf den Bahnsteigen, an denen ich mich orientieren kann. Die Aufzüge zu finden, ist viel schwieriger. Ich meide nämlich Rolltreppen, schon früher, als ich noch sehen konnte. In Berlin, habe ich festgestellt, liegen die Aufzüge immer ganz weit hinten, sodass man erst mal den Bahnsteig runter stolpern muss und nachher wieder zurück. Bei den Aufzügen warten dann mit Fahrrädern oder Kinderwägen bewaffnete Leute, gegen die ich nur wenig Chancen habe. So von ihnen ins Eck gedrängt, überfahren sie dann gelegentlich meinen Fuß oder hauen mir einen Lenker in den Bauch.

In Friedenau, daran erinnere ich mich noch, gabs auf dem S-Bahnsteig sowieso keinen Aufzug. Inzwischen muss man aber wenigstens nur noch eine Treppe hinaufklettern. Das ist mühsam, selbst ohne Koffer, und ich bemühe mich, niemanden über den Haufen zu rennen. Schritt für Schritt hangle ich mich am Geländer hoch. Geländer sind lebenswichtig, wenn man nicht dauernd am Arm der Tochter hängen will, die einen mitzieht in ihrem eigenen Tempo. Ich hasse das ebenso wie wenn sie mir den Zucker in die Kaffeetasse rührt. Als ob ich das nicht selbst könnte. Nur nachts bin ich froh um einen Arm. In der Dunkelheit steigt nämlich der Angstpegel. Warum denn, du bist doch sowieso blind, wundern sich dann alle. So blöd können nur Sehende sein.

Manchmal hat Behinderung auch Vorteile, der menschenwegrationalisierenden Technik wegen. Da wollte uns Ulla Schmidt kürzlich die Freifahrten in Bus und Bahn streichen. Und wie sollen unsere Leute die Fahrkartenautomaten bedienen?, höhnten da unsere Behindertenvertreter. Da musste die Ministerin dann klein beigeben. Aber das Blindengeld wollen sie uns noch immer streichen - als ob das den maroden Staatskassen helfen würde.

In die lange Schlange vor dem Reichstag muss ich mich glücklicherweise auch nicht einreihen. Wie ein Staatsbesuch werde ich durch den Behinderteneingang geleitet. Bei strömendem Regen und bitterer Kälte wie heute ist das prima. Auf die Kuppel des Reichstags, von der ich so viel höre im Fernsehen, will ich unbedingt noch steigen. Doch als sie sich dann schemenhaft über mir wölbt, kommen mir Bedenken.

Es geht dann aber alles gut, der Schneckengang rauf ist selbst für mich alte Schnecke zu bezwingen. Dauernd sagt meine Tochter: Schau mal, da hinten die goldene Kuppel, das ist die Synagoge und da unten, da wohnt der Bundeskanzler. Dann schlägt sie sich auf den Mund und schämt sich, weil sie immer vergisst, dass ich ja nichts sehen kann und fängt an, weitschweifig zu erklären. Aber heute sehen alle anderen auch nichts und schauen durch verhangenes regennasses Glas in den trüben Nebel. So wie ich immer.


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00:00 26.11.2004
Geschrieben von

Ulrike Baureithel

Autorin und Vielfachbewegte in Berlin
Ulrike Baureithel

Ausgabe 39/2020

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