Böse Buben

MENSCHEN-KLONE Antinoris Visionen und was im Schatten der Schlagzeilen passiert

Nachdem in den letzten Monaten wiederholt Großbritannien als "böser Bube" in die Schlagzeilen geraten ist, weil auf der Insel das "therapeutische Klonen" gesetzlich abgesegnet wurde, hat sich nun Italien im internationalen Wettlauf um die gentechnologische Rettung der Welt auf die vorderen Plätze geschoben. Dabei gehört es zu den Eigentümlichkeiten der Wissenschaftslandschaften, dass ausgerechnet katholische Länder - neben Italien beispielsweise auch Österreich - einen bemerkenswert unbekümmerten medizinischen Umgang mit dem "Leben" pflegen. Österreich beispielsweise gilt nicht nur als Pionierland der Transplantationsexperimente und hält nach wie vor den europäischen Rekord transplantierter Organe; es gilt auch als Mekka der Reproduktionsmedizin, die vor allem in Wien und Innsbruck angesiedelt ist.

So war es gewiss auch kein Zufall, dass österreichische Repro-Techniker sekundierten, als Severino Antinori kürzlich in der römischen Universitätsklinik La Sapienza im Rahmen eines Workshops "Human Therapeutic Cloning" seine Vision des Menschenklonens vorstellte. Antinori, der in der Nähe des Vatikans eine Privatklinik für Reproduktionsmedizin unterhält und vor Jahren erstmals in die Schlagzeilen geriet, als er sich anschickte, Frauen jenseits der Menopause Kinder "zu machen", beabsichtigt - zusammen mit dem israelischen Biotechnologen Avi Ben-Abraham und dem amerikanischen Biotech-Unternehmer Panos Zavos - in absehbarer Zeit den weltweit ersten Menschen zu klonen. Besoffen von den unerschöpflichen Quellen der "Humanindustrie", die mittlerweile, so Antinori, "fünf bis zehn Millionen Eizellspenden und mehr aus zweihunderttausend Babys aus der In-vitro-Fertilisation im Jahr" hervorbringe, phantasiert sich der italienische Repro-Mediziner mit seinen Gefolgsleuten an die Spitze der Gewinnzonen. Dabei wollen sie nicht nur das Beste tun, sondern auch das Schlimmste verhindern: "Der Geist ist aus der Flasche", verkündete kürzlich Zavos in seiner Sonntagspredigt bei Sabine Christiansen. "Besser wir machen es, als die Saddam Husseins dieser Welt."

Es ist nicht schwer, sich anlässlich solcher Veranstaltungen zu empören. Dazu gehört auch der aus Rom gemeldete "Tumult", als der Direktor der gastgebenden Klinik sich - in Abwesenheit und vertreten durch seine Mitarbeiter - von Antinoris Projekt distanzierte. Das derzeitige Wissenschaftsspektakel, benötigt die "Streiche" der "bösen Buben"t, um unbehelligt die biomedizinische Normalisierung voranzutreiben. Wenn amerikanische Forscher in der Washington Post das Klonen von Menschen anprangern oder Ian Wilmut, der Erzeuger des Klonschafs Dolly, derzeit eine Werbetour durch Deutschland unternimmt, bei der er sich als nachdenklicher menschenfreundlicher Wissenschaftler präsentiert und sich vom - wortwörtlichen - Stallgeruch eines heillosen Tier- und Menschenzüchters exkulpiert, dann auch, um in aller Ruhe die bereits mehr oder minder sanktionierten, angeblich therapeutischen Zwecken dienenden Klonexperimente fortführen zu können.

Deren Begründungen mussten nun allerdings einen heftigen Rückschlag hinnehmen, denn gleichzeitig mit Antinoris Klonvisionen wurde bekannt, dass die Experimente mit Fetalzellen bei Parkinson-Kranken derzeit als missglückt eingestuft werden müssen. Statt das Leiden der Patienten zu lindern, berichtet eine englische Fachzeitschrift, wurden an ihnen zusätzliche Schädigungen festgestellt. Ausgeprägte Bewegungsstörungen ("Dystonien" und "Dyskinesien") bis hin zu Sprechbehinderungen begleiteten als "Nebenwirkungen" die Therapie; andererseits, so die verantwortlichen Ärzte, seien keine nachhaltige Verbesserungen der Parkinson-Symptome (Schüttellähmung) nach der Transplantation der Embryonalzellen zu erkennen. Mit diesen medizinisch "verheerenden" Ergebnissen wird sich auch das Bundesforschungsministerium zu beschäftigen haben, das die Stammzellenforschung demnächst mit 2,3 Millionen Mark fördern will.

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Geschrieben von

Ulrike Baureithel

Redakteurin „Politik“ (Freie Mitarbeiterin)

Ulrike Baureithel studierte nach ihrer Berufsausbildung Literaturwissenschaft, Geschichte und Soziologie und arbeitete während des Studiums bereits journalistisch. 1990 kam sie nach Berlin zur Volkszeitung, war im November 1990 Mitbegründerin des Freitag und langjährige Redakteurin in verschiedenen Ressorts. Seit 2009 schreibt sie dort als thematische Allrounderin, zuletzt vor allem zuständig für das Pandemiegeschehen. Sie ist außerdem Buchautorin, Lektorin und seit 1997 Lehrbeauftragte am Institut für deutsche Literatur der Humboldt Universität zu Berlin.

Ulrike Baureithel

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