Brave Väter sollen erstmal zahlen

Familien Mit der Änderung des Unterhaltsrechts würde eine Selbstverständlichkeit überhöht und honoriert – für den einen Elternteil
Brave Väter sollen erstmal zahlen
Glaubt, die „gesellschaftliche Realität“ gut zu kennen: Franziska Giffey

Foto: Thomas Trutschel/Imago/Photothek

Sie gibt ihnen immer klingende Namen. An die Stelle jener Wortungetüme, wie man sie etwa aus dem Gesundheitsministerium kennt, rücken Gute-Kita- oder Starke-Familien-Gesetze. Da weiß man doch gleich, wie toll ihre Erfinderin ist. Vielleicht wird das, was die sozialdemokratische Familienministerin Franziska Giffey kürzlich angekündigt hat, einmal Prima-Unterhalts- oder Brave-Väter-Gesetz heißen.

Um Väter jedenfalls geht es vorrangig bei der Unternehmung, das Unterhaltsrecht zu ändern. Ausgerechnet am Weltfrauentag schlug Giffey vor, jene Väter von Unterhaltszahlungen zu entlasten, die sich nach der Trennung um ihre Kinder kümmern und zum Beispiel ein zweites Kinderzimmer bereithalten. „Wir müssen das Recht an die gesellschaftliche Realität anpassen“, kündigte sie an und findet, dass das die Emanzipation der Männer vorantreibe.

Doch was ist die „gesellschaftliche Realität“, von der Giffey spricht? Anfang des Jahres wurde bekannt, dass der Staat nur 13 Prozent der Zahlungen säumiger Unterhaltspflichtiger, in der Regel Männer, eintreiben kann. Jeder zweite getrennt lebende Vater bezahlt seinem Kind überhaupt keinen Unterhalt, und mancher von den übrigen zu wenig. Während die Väter meist ohnehin besser verdienen und nach der Trennung ihre Karriere weiterverfolgen können, bleiben die Mütter – fast 85 Prozent aller Alleinerziehenden sind weiblich – in der Teilzeitfalle hängen.

Und wenn sich ein Vater nun tatsächlich kümmert, seinem Kind gelegentlich Klamotten kauft, ihm ein eigenes Zimmer einrichtet und mit ihm in den Urlaub fährt? Sollte er das nicht von der Unterhaltszahlung abziehen können? Klingt gut in der Theorie, doch in der Praxis muss der alleinerziehende Teil, auch wenn das Kind nicht anwesend ist, das Kinderzimmer bezahlen. Der Urlaub wird auch nicht billiger, nur weil der Vater einen zweiten draufsetzt. Als „Milchmädchenrechnung“ kritisiert der Verband alleinerziehender Mütter und Väter deshalb die Absicht der Ministerin, denn „je mehr ein Kind in zwei Haushalten lebt, desto teurer wird es.“ Deshalb favorisiert gerade die FDP das Wechselmodell, bei dem das Kind abwechselnd im Haushalt der Mutter und dem des Vaters lebt: Ihre Klientel kann sich das leisten.

Wer soll eigentlich überprüfen, wie viele T-Shirts im Jahr gekauft wurden und ob das Zimmer nicht normalerweise das Arbeitszimmer des Papas ist, das er ohnehin von der Steuer absetzt? Sicher nicht die völlig überlasteten Jugendämter, die nicht einmal in der Lage sind, ausstehende Unterhaltszahlungen einzutreiben.

Zur Wahrheit gehört allerdings auch, dass die meisten Einkommen nicht reichen, wenn eine zweite Familie gegründet und unterhalten werden muss. Der Wert der Arbeitskraft, um es marxistisch zu formulieren, orientiert sich am Auskommen einer Familie.

Die Selbstverständlichkeit, dass sich beide Eltern um ihre Kinder kümmern sollten, wird mit Giffeys Vorstoß als Vorbildleistung überhöht und honoriert – für den einen Elternteil. Statt an der Unterhaltsschraube zu drehen und strukturelle Ungleichheiten zu verschärfen, sollte sie Familien lieber stark machen, indem sie sich für eine generelle Kindergrundsicherung einsetzt und dafür sorgt, dass säumige Unterhaltszahler sanktioniert werden.

Ein „Väteraufbruch“ zu Lasten derer, die die Hauptverantwortung für Betreuung und Erziehung der Kinder tragen, ist jedoch falsch verstandene Männeremanzipation.

06:00 14.03.2019
Geschrieben von

Ulrike Baureithel

Autorin und Vielfachbewegte in Berlin
Ulrike Baureithel

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