Das Aroma von Abenteuer

Bildung Urlaubsreisen sind eine lebensnotwendige Sache. Für 23,8 Prozent aller unter 18-Jährigen sind sie jedoch armutsbedingt ein ferner Traum
Ulrike Baureithel | Ausgabe 35/2016 3
Das Aroma von Abenteuer
Das Abenteuer kann so nah sein

Foto: Alberto Pizzoli/AFP/Getty Images

Reisen bildet. Das haben wir gelernt, seitdem sich ein deutscher Großdichter auf nach Italien machte und dieses Erweckungserlebnis egomanisch feierte. Es musste nicht einmal Italien sein, Albrecht von Haller etwa besang in seinem Langgedicht die Entdeckung der Alpen, von deren Höhen das aufstrebende bürgerliche Subjekt selbstgewiss in die Täler blickte, während sich Heinrich Heine auf seiner Harzreise schon ironisch-distanziert dem näherte, was wir heute Heimat nennen. Reisen ist ursprünglich ein sehr bürgerliches Phänomen, denn wer reist, gibt nicht nur kund, dass er sich bilden will, sondern auch, dass er sich das überhaupt leisten kann.

Insofern müsste es das bildungsbürgerlich gestimmte Publikum aufschrecken, wenn es hört, dass hierzulande 3,4 Millionen Kinder und Jugendliche in Haushalten leben, die sich nicht einmal eine einwöchige Reise im Jahr leisten können. Das sind 23,8 Prozent aller unter 18-Jährigen. „Balkonien“ nennt sich schönfärbend das, worauf 16,7 Millionen Menschen angewiesen sind, wobei viele von ihnen wahrscheinlich noch nicht einmal einen halbwegs ruhigen Balkon haben, auf dem sie ausspannen könnten. Das jedenfalls belegen die letzten, bis ins 2014 reichenden Daten von Eurostat, die Sabine Zimmermann, Vize-Fraktionschefin der Linkspartei, pünktlich zum Ferienende ausgewertet hat.

Dabei handelt es sich, wohlgemerkt, um keinen freiwilligen Verzicht oder Reaktion auf Übersättigung. Die Familien würden gerne verreisen, wenn sie denn die Mittel dazu hätten. Die fehlen ihnen aber auch, wenn unerwartete große Ausgaben anstehen, oder für vernünftiges gesundes Essen, seit 2013 mit steigender Tendenz. Selbst regelmäßige Zahlungsverpflichtungen wie Miete und Strom können viele Haushalte nicht fristgerecht einhalten, das betrifft 1,2 Millionen Kinder und Jugendliche (2010: 1 Million).

Der Hinweis, dass Deutschland im europäischen Vergleich immer noch relativ gut dasteht, ist geradezu zynisch, wenn man die Zahlen ins Verhältnis setzt zum Wohlstandsgefälle – etwa von Ländern wie Rumänien oder Bulgarien. „Beschämend“ findet es Zimmermann, dass Kinder und Jugendliche überdurchschnittlich von finanziellen Problemen und Einschränkungen betroffen sind. Statt unbeschwert aufzuwachsen, lernten sie Entbehrungen kennen. Urlaub machen, mag man einwenden, ist in gewisser Hinsicht auch Luxus – aber ein lebenswichtiger. Wer nie raus aus seiner gewohnten Umgebung kommt, verharrt in seinen gewohnten Routinen und verlernt das Staunen, behauptet der Kulturhistoriker Alain de Botton. Auf Reisen kompensieren wir das, was uns im Alltag fehlt: von der Sonne über fremdländisches Essen bis hin zu Menschen, die anders leben als wir.

Das „Bildungserlebnis“ wird Kindern dabei weniger abgehen als die temporäre Erfahrung unbeschwerten Daseins, vielleicht auch das ihrer Eltern. Selbst die „Kinderverschickungen“ der 50er und 60er Jahre, die Camps der Pfarrjugend oder Pfadfinder hatten das Aroma von Abenteuer, und unvergessen sind die Augenblicke der Enttäuschung, wenn einen die abgearbeiteten, müden Eltern vom Zug oder Bus abholten.

Eine eigenständige Kindergrundsicherung, die unabhängig von der Armut der Eltern macht, fordert die Linkspartei. Auch wenn manche bezweifeln, dass das Geld bei ihnen ankommt, wäre es ein Zeichen anzuerkennen, dass auch benachteiligte Kinder und Jugendliche ein Anrecht haben auf gesellschaftliche Teilhabe. Und dazu gehört eben auch ab und zu ein Urlaub.

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06:00 28.09.2016
Geschrieben von

Ulrike Baureithel

Autorin und Vielfachbewegte in Berlin
Ulrike Baureithel

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