Das ganze Leben aus der Bahn geworfen

Missbrauch Eine Auswertung der Anrufe bei den Hotlines von Kirche und Staat zu sexualisierter Gewalt gibt Hinweise für Ansätze zur Therapie

Er schäme sich abgrundtief, gab Pater Mertes, der ehemalige Leiter des Berliner Canisius-Kollegs, im Februar 2010 zu Protokoll. Der Ordensmann bemühte sich an seiner Schule als einer der ersten kompromisslos um die Aufklärung sexuellen Missbrauchs. Die Scham, die Mertes damals bekundete, empfinden häufig genug aber die Opfer. Ohne Ansprechpartner müssen sie mit dem Geschehenen alleine zurechtkommen. Lebenslange Störungen sind die Folge.

Zu Beginn des Skandals schaltete der vom Bundeskabinett eingerichtete Runde Tisch deshalb eine Hotline, die Betroffenen als Anlaufstelle dienen, aber auch Tätern offen stehen sollte. Ein ähnliches Angebot schuf die Katholische Kirche, allerdings nur für die Opfer sexualisierter Gewalt. Den Abschlussbericht zum Runden Tisch hat die Unabhängige Beauftragte Christine Bergmann (SPD) mittlerweile vorgelegt. Wenig bekannt ist dagegen die Auswertung der Hotlines, die in der Zeitschrift Trauma und Gewalt (Heft 2, 2011) vorgestellt wurde. Das Angebot, betonen die Experten, könne eine Therapie zwar nicht ersetzen. Dennoch sei es von großer Bedeutung, denn oft fühlten sich die Betroffenen erstmals ernst genommen.

Erklärtes Prinzip der telefonischen Anlaufstelle des Runden Tisches, die es immer noch gibt, ist strikte Anonymität. Die Aussagen der Anrufer werden nur nach ausdrücklicher Einwilligung dokumentiert. Bis November 2010 meldeten sich 5.750 Personen, die von ihrem persönlichen Schicksal berichteten, Kritik äußerten oder Vorschläge zum Umgang mit Kindesmissbrauch machten. Bei den knapp 2.000 ausgewerteten Gesprächsprotokollen handelt es sich also um keine repräsentative Stichprobe. Doch sie lassen wichtige Rückschlüsse zu auf die Betroffenen und das Ausmaß und die Umstände sexualisierter Gewalt.

Zwei Drittel Frauen

Von denen, die über eigene Erfahrungen mit sexuellen Übergriffen berichteten, waren 63 Prozent Frauen und 37 Prozent Männer. Das bestätigt Erkenntnisse, dass Mädchen ein deutlich höheres Risiko haben, sexuell missbraucht zu werden. Die Übergriffe auf Mädchen ereignen sich eher in der Familie, während Jungen dies eher in Institutionen widerfährt. Das Alter der Anrufer lag zwischen acht und 81 Jahren, wobei die Älteren sich später meldeten; offenbar brauchten sie länger, um ihr Schweigen zu brechen. 92 Prozent der Missbrauchsfälle liegen in der Vergangenheit; viele Taten gehen in die fünfziger bis siebziger Jahren zurück. Ähnliches ergab auch die Auswertung der Hotline der katholischen Kirche. Dass zunächst vor allem Gewalt in Institutionen, insbesondere der Kirche, zur Sprache kam und das familiäre Umfeld erst nach und nach ins Licht rückte, ist wohl auf die öffentliche Debatte zurückzuführen. Interessanterweise leben fast 90 Prozent der Anrufer heute überwiegend in den alten Bundesländern. Woran das liegt, ist nicht eindeutig geklärt.

Mit Blick auf die Täter bestätigte sich, was von der Öffentlichkeit immer noch gerne verdrängt wird: Die Täter (unter den 811 waren es 75 Frauen) stammen sehr oft aus der Familie, oder es handelt sich um Vertrauenspersonen in Kirchen, Schulen, Heimen und medizinischen Einrichtungen, wobei die katholische Kirche deutlich dominiert. Es stellte sich auch heraus, dass Priester oft erst im Laufe ihres Lebens übergriffig werden. Das diskutierte Screening von Priesteranwärtern scheint somit wenig aussichtsreich. Fast immer wird eine „besondere Beziehung“ ausgenutzt, zum Beispiel die Beichte. Erzieher nähern sich in Schlaf- oder Waschräumen oder auf Schulfreizeiten. Entscheidend für die Übergriffe ist also vor allem der unkontrollierte Zugang zu Minderjährigen und die Möglichkeit, sich ihr Vertrauen zu erschleichen.

Die oft lebenslangen posttraumatischen Belastungsstörungen liegen daran, dass die Opfer diesen Vertrauensbruch nicht einordnen können und sich schuldig fühlen. Viele meiden deshalb Situationen, die sie an den Missbrauch erinnern könnten, zum Beispiel das Erlernen eines Instruments, den Sprachunterricht oder sportliche Aktivitäten. So werden Begabungen verschüttet, ganze Lebensentwürfe aus der Bahn gebracht. Diese Spuren in Missbrauchsbiographien zu bearbeiten, wäre ein viel versprechender Therapieansatz. Bisher, auch das wurde deutlich, fühlen sich vor allem Ältere Missbrauchsopfer oft von den Professionellen missverstanden. Mit Blick auf Fragen der Prävention sind wohl vor allem die Betroffenen Experten.

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Geschrieben von

Ulrike Baureithel

Redakteurin „Politik“ (Freie Mitarbeiterin)

Ulrike Baureithel studierte nach ihrer Berufsausbildung Literaturwissenschaft, Geschichte und Soziologie und arbeitete während des Studiums bereits journalistisch. 1990 kam sie nach Berlin zur Volkszeitung, war im November 1990 Mitbegründerin des Freitag und langjährige Redakteurin in verschiedenen Ressorts. Seit 2009 schreibt sie dort als thematische Allrounderin, zuletzt vor allem zuständig für das Pandemiegeschehen. Sie ist außerdem Buchautorin, Lektorin und seit 1997 Lehrbeauftragte am Institut für deutsche Literatur der Humboldt Universität zu Berlin.

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