Das gute Leben

Essay Gleicher gleich - die Abgründe einer Gespensterdebatte

"Die Großmutter", beginnt der Bericht des Erzählers, "war 72 Jahre alt, als mein Großvater starb". Sie besorgte ohne Magd den Haushalt, betreute das alte wacklige Haus, kochte Mahlzeiten für die darin lebenden Mannsleute und die fünf überlebenden Kinder. Was sich nach dem Tod ihres Mannes dann allerdings zutrug, bescherte uns ein literarisches Kleinod: Wo in der deutschen Literatur sonst nur intrigante alte Weiber ihr Unwesen treiben, tritt hier einmal eine selbstbewusste sympathische Greisin auf. Die Großmutter nämlich erbittet sich von jenen Kindern, die es sich leisten können, nur eine kleine monatliche Unterstützung. Ansonsten bleibt sie in dem großen Haus wohnen. Sie bittet weder den beengt lebenden jüngsten Sohn und seine Familie, bei ihr einzuziehen, noch will sie sich um dessen Haushalt und die Enkel kümmern. Statt sich in die hergebrachte Rolle als Großmutter zu fügen, speist sie im Gasthaus, lässt sich von einem sozialdemokratischen Flickschuster von der Welt erzählen und geht, statt den Gottesacker zu besuchen, lieber ins Kino. Sie kauft, so klagt der Sohn erbittert, der Enkelin nicht einmal das nötige Kommunionskleid, dafür einer verkrüppelten Schwachsinnigen einen Hut. Das erste Leben der Großmutter, das in Knechtschaft, resümiert der Erzähler, dauerte etwa sechs Jahrzehnte, das zweite nicht mehr als zwei Jahre.

Die unwürdige Greisin, die uns Bertolt Brecht in den Kalendergeschichten überliefert hat, wird gewöhnlich und nicht zu Unrecht als ungewöhnliche weibliche Emanzipationsgeschichte gelesen - eine Frau, die spät aus der ihr zugewiesenen Rolle ausbricht, selbstbestimmt handelt, eigene Wege geht. Sie brüskiert die Familie, enthält von ihr erwartete Leistungen vor und führt, wenn auch in höchst bescheidenem Rahmen, das, was wir heute ein hedonistisches Leben nennen würden. Vielleicht strebt sie nach den Jahrzehnten der Knechtschaft aber auch nur nach dem, was für Aristoteles das "gute Leben" war. Im Horizont der Zeit bricht die Großmutter zweifellos den damals gültigen Generationenvertrag: Sie weigert sich, bis zum Umfallen zu arbeiten, hält das Erbe nicht zusammen und entzieht sich der üblichen großfamiliären Wohnpraxis, die sie ins Oberstübchen verbannt hätte. Doch dionysischen Lebenswandel verzeiht man vielleicht den Jungen; Altersweisheit und zukunftsblinder Hedonismus paaren sich dagegen schlecht. Das ist heute sichtlich nicht viel anders als vor hundert Jahren.

Es ist eine vordergründig verkehrt erscheinende Welt: Die Jungen, die um ihre Altersrente bangen und ächzend die (Vor-)Sorge für die Zukunft schultern; die Alten, die selbstvergessen aus nie da gewesenen Pfründen schöpfen. Nach einer Umfrage des Meinungsinstituts Emnid sind 61 Prozent der Bundesbürger der Meinung, der Generationenvertrag könne in dieser Form nicht mehr aufrecht erhalten werden. Interessanterweise sind aber ungefähr gleich viel Befragte der Ansicht, es ginge jeweils den Jungen (40 Prozent) beziehungsweise den Alten (38 Prozent) besser. Leider klären die Demoskopen nicht darüber auf, wie sich diese widersprüchliche Ansicht auf die jeweiligen Altersgruppen verteilt.

Dass ein Teil der Jüngeren sich nun in der Rolle von Alten-Bashern gefällt, mag man erklären als abgrenzungswütiges Selbstfindungstheater: Wie sonst ließe sich gegen das nicht nur zahlenmäßige, sondern vor allem definitionsmächtige generationelle Schwergewicht der "68er" - diese ideologisch abgerüsteten, von niemand als "nackt" wahrgenommenen Selbstkröner - angehen? Der Golf-formierte Aufmarsch (und der ihrer Vor- und Nachläufer) war ebenso light wie die dazugehörigen Markenartikel. Warum hat bislang eigentlich niemand Herrn Mißfelder gefragt, wem er künftig kein künstliches Hüftgelenk mehr gönnt? Der meint doch nicht seine Urgroßmutter.

Der will doch vielmehr endlich die an Krücken sehen, die ihm zeitlebens mit dem Zaunpfahl winkten und sagten, was richtig und falsch, gerecht und ungerecht ist auf der Welt; gemeint sind doch die, die heute (noch) auf ihren wohldotierten, künftig wegfallenden Posten sitzen, sich demnächst in den gut ausgestatteten Ruhestand verabschieden - und dennoch nicht die Klappe halten werden. Während für "die Jüngeren", nach dem Absturz selbstannotierter Zirkulationswerte, gerade noch die Ich-AG bereitsteht. Das ist ein wenig so wie in Brechts Geschichte, in der der Buchdrucker-Sohn beklagt, dass er nur noch für fünf Stunden schlecht bezahlte Arbeit in Aussicht hat, in einem Loch hockt und die Großmutter das Geld verprasst.

Im Unterschied zu Mißfelder und seiner Kohorte gehts dem Buchdrucker perspektivisch gesehen noch gut. Seine Frau hat nämlich vier Kinder geboren, von denen er billig erwarten kann, dass sie ihn am Ende seines Lebens versorgen - so sie nicht auf dem Feld der Ehre, in der seuchengeplagten Republik oder auf dem Schlachtfeld der Politik ihr Leben lassen, was keiner weiß. Herr Mißfelder und seine Generation, von der er so viel redet, sichert dagegen (bezogen auf sein Geburtsjahr) gerade mal drei Viertel des nationalen Bevölkerungsbestands; um das aufzuholen, müssten er und seine Altersgenossen drei bis vier Kinder zeugen, die dann ihrerseits Beiträge in die Versicherungskassen zahlen. Oder es müssten, wie sein altersgebeugter Parteifreund Heiner Geißler meint, junge zeugungs- und gebärfreudige Leute ins Land; die würden dann aber wieder die knappen Arbeitsplätze streitig machen. Wer kann schon sagen, wie viele Jobs in zehn, zwanzig Jahren noch bereitstehen? Eine missliche Situation. Man kann verstehen, dass diese Vorstellungen die jungen Unionsseelen umtreiben.

Die Erzählung von der großen Ungerechtigkeit zwischen den Generationen, den apokalyptischen Prophezeiungen, die von der "demografischen Zeitbombe" handeln, vom drohenden "Altenberg" und vom "Machtkampf der Staaten", der sich "in den Wochenbetten entscheidet" birgt jedoch noch weiteren Zündstoff: Sie handelt nämlich vom Glaubensabfall. Vom Glauben, dass der Markt ein gerechter Verteiler sei, der die Güter nach Fähigkeit und Leistung zuteile. Als die Börse boomte, nahm man das gerne hin, da fragte sich keiner der toughen Jungaktionäre, woher der schnelle Dollar kommt und ob er die spekulative Leistung gerecht entlohne. Nun, wo wieder die Ahnung aufscheint, dass Kapitalmehrung etwas mit Knochenarbeit zu tun haben könnte, ist das Geschrei groß, wenn der Markt sich "blind" und ungerecht geriert und der jungen Generation für gleiche Leistung vielleicht weniger zuteilt als der davor. Da wird plötzlich gewogen in Werkgerechtigkeiten und Ablassschulden, dass die katholische Kirche ihre Freude haben könnte.

Wo der globale Markt waltet, sind die klassischen Verteilungstheorien à la Rawls, die eine weitgehend rationale nationale Ökonomie voraussetzen und Gerechtigkeit an (Chancen-)Gleichheit orientieren, schon seit einiger Zeit in Verruf geraten. Die vorgestellte Gesellschaft der Gleichen ist mittlerweile ausgefranst, nicht nur sozial, sondern auch im Hinblick auf die Maßstäbe: Der Buchdrucker und seine Mutter hätten sich vielleicht noch über das "gute Leben", über die vernünftige Abfolge von Arbeit, Muße und die damit verbundene Sinnstiftung, verständigen können; wie aber sieht ein "gutes Leben" in einer Gesellschaft aus, in der Qualifikationen rasante Halbwertzeiten haben, die ihre überversorgte Jugend verwahrlosen lässt, die glaubt, auf Alterserfahrung verzichten zu können und in der sich minder oder mehr unglückliches Bewusstsein - generationenübergreifend - nur noch darin manifestiert, "drinnen" oder "draußen" zu stehen?

Die vor zehn Jahren angestoßene Kommunitarismus-Debatte hatte mit der Rehabilitation von gemeinsinnigen Werten die zerfallende Gesellschaft einzuholen versucht, gerade indem sie anerkannte, dass deren Mitglieder unterschiedlich sind. Heute erscheint dies, gemessen am kruden Ressourcenfight angeblich interessensgleicher "Generationen", alles eher hilflos. In den Niederungen schulischen Benimm-Unterrichts jedenfalls lassen sich skrupellose "Interessenlagen" kaum bändigen.

So wenig übrigens, wie die allerorten nun pflichtschuldige Aufwertung der Alten die Kränkung besänftigt, wenn ihre Leistung misskreditiert wird. Die Würde der Greise, auch dies ließe sich aus Brechts Geschichte lernen, hängt nicht an symbolischen Verbeugungen. Die Großmutter in Brechts Erzählung hatte die Mittel für zwei Jahre "gutes Leben", und die Ungerechtigkeit bestand nicht darin, dass sie diese Mittel für sich selbst und nach eigenem Ermessen nutzte. Sie bestand darin, dass der Buchdrucker-Sohn mit seiner Familie schlicht über zu wenig Mittel verfügte. Sein Leid und Neid wäre auch dadurch nicht gemildert worden, wären seine Geschwister "gleicher" und ebenso arm gewesen wie er. Die Frage der Maßstäbe ist das Dilemma jeder Gerechtigkeitsdebatte, und sie hat wenig mit "Generationen" zu tun.

00:00 19.09.2003
Geschrieben von

Ulrike Baureithel

Autorin und Vielfachbewegte in Berlin
Ulrike Baureithel

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