Das Wir im Rücken

Essay Wer eine Identität kreiert, schließt immer Andere aus: Ein Paradox beim Engagement für ausgegrenzte Gruppen
Das Wir im Rücken

Illustration: der Freitag

Im Silicon Valley, war bereits im Herbst zu erfahren, wurde eine Kirche zur Anbetung der künstlichen Intelligenz aus der Taufe gehoben. Ihr Gründer Anthony Levandowski, Entwickler selbstfahrender Lastwagen und mit seinem ehemaligen Auftraggeber Uber im Clinch, weil er bei seinem Abgang 14.000 Dokumente geklaut haben soll, will mit „Way of the Future“, so die Selbstauskunft, zur Verwirklichung „einer Gottheit“ beitragen, „die auf künstlicher Intelligenz beruht“. Würden die Begründer der Kritischen Theorie noch leben, müssten sie ihrer 1947 und unter dem Eindruck des Faschismus konzipierten Dialektik der Aufklärung wohl ein weiteres Kapitel hinzufügen. Sie würden darüber sinnieren, welche Folgen die vom Menschen auf die Maschine ausgelagerte instrumentelle Vernunft zeitigt, ob diese Überbietungsfigur, Gipfel menschlicher Selbstentfremdung, nicht auch seinen Selbstermächtigungsanspruch unterminiert und einen qualitativ neuen Umschlag in den Mythos bereithält, von dem die Geschichte der Aufklärung begleitet ist.

Denn nicht nur die sich von ihren Schöpfern unabhängig machende künstliche Intelligenz, auch die mögliche replikative Form der Fortpflanzung in Form von Klonen – also das von biologischer Materie losgelöste Denken und die ihrer Genealogie entzogene und Singularität garantierende Leiblichkeit – stellen das essenzialistische, auf Identität rekurrierende Denken auf eine harte Probe. Die auch als Biologin ausgebildete US-amerikanische Feministin Donna Haraway hat diese Herausforderung schon vor über 25 Jahren in ihrem Manifest für Cyborgs provokant durchdekliniert. Der Cyborg dient ihr dabei als Erzählfigur, die sich von der Naturalisierung der Matrix – der „Natur“ der Fakten – verabschiedet hat, und von dem, was Theodor W. Adorno und Max Horkheimer „klassifizierendes Denken“ genannt hatten. Die Behauptung zum Beispiel, es gebe eine Essenz des Weiblichen, ist ja nicht nur eine Lüge, wenn sie aus männlichem Mund kommt. Und die „Andersheit“ der women of color hat den Feminismus in den 1980er Jahren in eine schwere, mit vielen Spaltungen verbundene Krise gestürzt.

Furor der Selbststeuerung

Schon Adorno hatte dieses „Andere“, das Nichtidentische und Fremde, am Wickel. Denn für ihn, den Aufklärer der Negation, war benennende Einordnung die nicht hintergehbare Voraussetzung des Subjekts, um sich von der und von seiner Natur zu befreien. Das moderne Ich sei ein „identisch beharrendes Selbst“, das sich mittels Selbstkontrolle nicht nur gegen sich selbst, sondern auch gegen die Natur, die Dinge und gegen Andere richte. Alles ist ihm Instrument für seine Ziele und gegen das, was diese oder es selbst bedrohen könnte. Selbst dort, wo ein kritischer Impetus eingeschrieben ist wie etwa in der Psychoanalyse, wird das als different Erkannte oder Verdrängte rationalisiert: „Anstatt die Arbeit der Selbstbesinnung zu leisten“, so Adorno, „erwerben die Belehrten die Fähigkeit, alle Triebkonflikte unter Begriffe wie Minderwertigkeitskomplex, Mutterbindung, extrovertiert und introvertiert zu subsumieren.“ Damit verlieren sie das Bedrohliche, werden normiert.

Der Furor der Selbststeuerung hat 70 Jahre nach diesen Befunden eine Dynamik erreicht, die sich die Aufklärungsaufklärer nicht hätten vorstellen können. Nicht mehr (nur) von außen kommt der Anpassungsdruck, die Kontrolle ist längst ins Innere verlagert, der Zwang wird vom Subjekt selbst erzeugt – im Namen einer Selbstbestimmung, die den Angeboten und der Eigenlogik des Marktes gehorcht, scheinbar „alternativlos“ ist und nur hinsichtlich konkurrierender Produkte Entscheidung verlangt. Nicht Wahrheit, sondern Tatsächlichkeit ist das Gebot, das, was in der sozialen Realität existent „ist“, was in der Kumulation von Big Data gerinnt oder was „Realpolitik“ genannt wird:

Gegen dieses Denken des instrumentell Faktischen intervenierte Adorno, indem er – in diesem Fall mit Hegel – die Kluft zwischen Begriff und Wirklichkeit, das „Inkommensurable“ in Anschlag brachte. Dass ein Gegenstand nicht nur das so Bezeichnete sei, sondern auch auf etwas anderes verweise und mit der Bezeichnung ein Urteil einhergehe, ist Ausgangspunkt seiner „negativen Dialektik“: Der Begriff hypostasiere seine Form dem Inhalt gegenüber, er identifiziert. „Identifizierendes Denken vergegenständlicht durch die logische Form des Begriffs.“ So gesehen bedeutet Denken immer auch identifizieren.

Über die aporetischen Folgen dieser Erkenntnis – denn wie soll man „richtig“ denken, wenn man dabei immer „falsch“ identifiziert? – ist schon zu Adornos Lebzeiten viel verhandelt worden. Doch was stellt dieses Nichtidentische eigentlich vor? Eine Spur legt Adorno in seinen Minima Moralia genannten Reflexionen aus dem beschädigten Leben: „Was überhaupt im bürgerlichen Verblendungszusammenhang Natur heißt“, polemisiert er gegen Nietzsches „weiblichen Geschlechtscharakter“, „ist bloß das Wundmal gesellschaftlicher Verstümmelung“. Das, was in der Zivilisation für Natur einstehe, sei seiner Substanz nach aller Natur am fernsten. Doch in diesen ideologiekritischen Einwand ist auch eingeschrieben, dass die mit dem „Weiblichen“ identifizierte Natur daran erinnert, dass der Mensch kreatürlich ist und Teil der Natur, auch wenn der vernunftbegabte, wie selbstverständlich als weiß gedachte Mann bestrebt ist, von sich zu weisen, was „anders“ ist: Frauen, Schwarze, Homosexuelle – oder schlicht: alles Fremde.

Die politischen Kämpfe der 1960er und 1970er Jahre haben vorgeführt, was passiert, wenn das sozial Abgedrängte und diskursiv Abgewertete sich auf den Weg macht und das Allgemeine „vom anderen Ufer“ aus erkennt. Hatte Horkheimer noch festgestellt, dass der moderne Mensch alles, was ihm fremd und unangepasst erscheine, „schwach“ nenne und alles hasse, was schwach ist, wird der Zivilisationsagent nun Zeuge, wie die so Denunzierten diese Schwäche zur Stärke machen, durch Selbstaufwertung oder die Ausbildung neuer Identität. Die Schriftstellerin Toni Morrison hat in ihren Romanen viel über diesen Zusammenhang reflektiert: Das Wissen darum, weder weiß noch männlich zu sein und damit alle Freiheit und alle Triumphe verwehrt zu bekommen, zwinge schwarze Frauen dazu, sich neu zu entwerfen.

Aber ohne paradoxale Schleife geht es auch bei diesem Neuentwurf nicht ab: Denn gerade das kämpfende Kollektivsubjekt muss eine Identität behaupten, die es ermöglicht, Rechte zu fordern und Ziele durchzusetzen. Es ist aufgefordert, die Gemeinsamkeit stark zu machen und das Differente zu negieren. Diese Einheit durch Vereinnahmung folgte der gleichen verräterischen Identitätslogik. „Die unreflektierte Behauptung, heterosexuell und/oder eine Frau zu sein, ist symptomatisch für die Metaphysik der Substanz“, wird Judith Butler Jahrzehnte später schreiben. Das heißt: Ich bin, was der oder die andere „nicht ist“ – und umgekehrt.

Wie aber soll man gemeinsam kämpfen, ohne ein „Wir“ im Rücken? Und wie das „Wir“ legitimieren, eingedenk dessen, dass es sich als Allgemeines in Stellung bringt, ein Identifiziertes, das, wie zu lernen war, ein notwendig Anderes verschweigt? Und treibt diese Art partikularer Identitätspolitik nicht ihrerseits wieder Konflikte hervor, einen Trump etwa, der den marginalisiert sich wähnenden weißen Männern zu ihrem Ausdruck verhilft?

Ein Endzeitgefecht

Die moderneren Formen des kulturalistischen Rassismus, der die nicht biologisch begründete Differenz „des Anderen“ betont, führen mittlerweile allerdings vor, dass es gar keiner inhaltlichen Füllung, gar keiner Bestimmung der „Identität“ mehr bedarf, um Menschen auszugrenzen. Es genügt schon die Behauptung des „Wir“, um auszugrenzen. Das, was uns fremd und bedrohlich erscheint, muss nicht kriminell, böse oder krank sein, sondern einfach nur anders, ein Nicht-Wir. Deshalb muss man gar nicht, wie AfD-Sprachrohr Björn Höcke, vom „lebensbejahenden afrikanischen Ausbreitungstyp“, der den „selbstverneinenden europäischen Platzhaltertyp“ verdrängt, sprechen, es genügt schon, eine eigene kulturelle Identität zu behaupten. Vielleicht ist die ganze Identi-Täterei ohnehin ein Endzeitgefecht. Sollten wir uns von Gott schon kein Bild machen, so dürfte es uns von einem künstlich generierten noch schwerer fallen. Und wie sich seine irdischen Replikanten gerieren werden, ob sie weiterhin einer Identität nachjagen werden, steht dahin.

06:00 31.12.2017
Geschrieben von

Ulrike Baureithel

Autorin und Vielfachbewegte in Berlin
Ulrike Baureithel

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