Das Zittern ist unser Kleid

Rumänien Lakonisch und suggestiv erzählt Nadine Schneider eine Liebe in den letzten Tagen Ceauşescus
Das Zittern ist unser Kleid
Nicolae Ceauşescus und seine Frau Elena kurz vor ihrer Exekution

Foto: Imago Images/Belga

Bis zur Grenze sind es drei Kilometer. Drei Kilometer durch ein Maisfeld, das sie verschlingt, den Augen der Häscher entzieht. Viele sind so schon geflohen, aber Hans ist betrunken, er würde es nicht schaffen.

Rumänien, Spätsommer 1989, weitab von Bukarest. Die Lage im Land ist bedrückend, und die kleine Überlebensgemeinschaft im Dorf rückt zusammen, viele Häuser stehen schon leer, verrammelt, obwohl kein Bewohner sie mehr beanspruchen wird. In dieser Nacht kehrt Hans zurück, denn Hans liebt Anna, und Anna liebt Hans, fühlt sich aber auch zu Misch hingezogen. Aus Annas Perspektive erzählt die 1990 geborene Nadine Schneider, deren Eltern aus dem Banat nach Deutschland kamen, die Geschichte der drei Freunde, die, je weiter der Sommer voranschreitet, mit der drängenden Frage ringen: Bleiben oder abhauen? Die Rucksäcke sind gepackt, bald wird der Mais geerntet sein, zu spät, die titelgebenden Kilometer ungeschoren zu überwinden.

Bei Annas Eltern kommen blaue Briefe der Tante an, die im Ausland wartet, aber das Geld, das sie schickt, reicht nicht für eine Bestechung, und die Großmutter ist „zu alt für einen Abschied, dessen Umarmung so groß und fest gewesen wäre, dass man darin zu ersticken“ droht. Vielleicht, hofft Anna, „würde das Verschwinden dann aufhören, wenn der Mais die Leute nicht mehr fressen konnte und nichts ausspucken als das Gefühl, verlassen worden zu sein“. Doch während Anna, Hans und Misch Tag für Tag in die Stadt in die Fabrik fahren – Hans, darf nicht studieren, weil sein Bruder abgehauen ist – und ihrem Leben eine gewisse Alltäglichkeit abzuringen versuchen, steigt die Spannung. Anlässlich eines gespenstischen Auftritts Ceauşescus in der Stadt verschwindet Hans. In Misch steigt das Misstrauen, er steckt Anna damit an: Spitzelt Hans für die Securitate? Soll sie mit Misch fliehen?

Mit suggestiven und bedrängenden Bildern gelingt es Schneider, die Ungewissheit der äußeren Situation auf die innere Verfasstheit ihrer Figuren zu projizieren. Allmählich geht die „Zeit der besetzten Bänke langsam zu Ende“, Hans und Anna lieben sich „wie Greise. Schweigend und mit müder Nachsicht“. Als der Winter kommt und die Versorgungssituation immer schwieriger wird, ist „Zittern das Kleidungsstück, das man Tag und Nacht“ trägt“. Die schweigende Depression, die über dem Land liegt, überträgt sich auf die Menschen, das „beherrschte Schweigen“ der Mutter und das ewige der Großmutter, die in diesen Monaten stirbt.

Tod dem schwarzen Hund

„Es ist das Land, das uns verrät“, begegnet Misch Annas Zweifeln und ihren Schuldgefühlen, als sie vor der Entscheidung steht, zu gehen. Wird Hans Annas Vater, der ohne Rückfahrkarte nach Deutschland gefahren ist, um seinen Bruder zu beerdigen, verraten? Wird Mischs Mutter nach dessen Verschwinden standhalten gegenüber dem Drängen und den Drohungen der Securitate? Und kann man, fragt die Nachbarin Ioana, die gerade Großmutter geworden ist, in diesem Land überhaupt noch ein Kind kriegen?

Während die Unruhen in der Stadt immer gewalttätiger werden, liegen im Dorf „die Höfe umzäunt von Ungewissheit“ und die Bewohner zünden „Kerzen an gegen die Angst vor leeren Tellern und kalten Zimmern“. Als ob die Kreatur das Schicksal der Menschen zu teilen hätte, tötet an einem eisigen Wintertag Annas zurückgekehrter Vater den schwarzen Hund. Wenig später wird Ceauşescu öffentlich hingerichtet. Die Fernsehbilder erreichen auch das Dorf. Wieder ist Hans verschwunden, während einer Demonstration. Diesmal stellt sich Anna sein Begräbnis vor. Der junge Leichenfledderer, dem sie begegnet, sagt: „Tote brauchen keine Schuhe mehr.“

Die in Berlin lebende Autorin hat ein schmales, aber beeindruckendes Romandebüt vorgelegt, das gerade aufgrund der sprachlichen Lakonie und der Zurückgenommenheit der Figuren atmosphärisch eine Situation auferstehen lässt, die fernab und im Wirbel der deutschen Wende untergegangen ist.

Als Anna am Ende Rumänien verlässt, hat sie Angst, denn ein „Reisegesicht“ konnte sie bislang noch nicht entwickeln. „Wir würden nicht nur den Ort wechseln, sondern auch uns selbst. Wir würden anders werden und das Fremdsein annehmen, das alle unsere bisherigen Gesichter zum Verschwinden brachte.“ Vielleicht ist dieser Roman auch einer jener glücklichen Fälle, bei denen sich familiale und kollektive Erinnerung in den Nachgeborenen verdichtet und aussprechen kann.

Info

Drei Kilometer Nadine Schneider Jung und Jung 2019, 151 S., 20 €

06:00 17.09.2019
Geschrieben von

Ulrike Baureithel

Autorin und Vielfachbewegte in Berlin
Ulrike Baureithel
Aboanzeige Artikel Aboanzeige Artikel

Kommentare