Der Kampf mit dem Suchtgedächtnis

Ausstieg aus der Droge Neue Ansätze in der Alkoholforschung und -therapie

Denken Sie oft an Alkohol und sorgen immer schon für Nachschub? Brauchen Sie allabendlich ein bestimmtes Quantum Wein, Bier oder Schnaps, um sich zu entspannen? Fällt Ihnen das Alleinsein dann leichter? Haben Sie ein schlechtes Gewissen, wenn Sie abends (zu) viel getrunken haben? Brauchen Sie dann morgens gelegentlich schon mal ein Gläschen, um "auf Touren" zu kommen? Und haben Sie schon ein paar Mal erfolglos versucht, eine Abstinenzphase einzulegen? Das sind einige der 30 Fragen, die in der angenehm unaufgeregten Broschüre der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung aufgelistet sind und helfen sollen, im Selbsttest den eigenen "Trinkstatus" zu ermitteln. Beantworten Sie diese Fragen mehrheitlich mit Ja, dann nimmt Alkohol schon zu viel Platz in Ihrem Leben ein, mehr noch, dann ist Alkohol für Sie bereits zum Problem geworden.

Wann beginnt die Abhängigkeit?

Alkoholmissbrauch und -abhängigkeit hat viele Gesichter: Da sind die jugendlichen Kumpels, für die das so genannte binge drinking, das heißt, möglichst schnell möglichst nachhaltig berauscht zu werden, zu den Initiationsriten in die Erwachsenenwelt gehörten; der biedere Familienvater, der in Gesellschaft grundsätzlich über den Durst trinkt und zuhause dann auch mal gewalttätig wird; die überlastete Familienmutter, die heimlich zum Cognac greift oder die gestresste Managerin, die sich abends regelmäßig mit einer Flasche Wein vor dem Fernseher entspannt. Der "Alkie", der vor dem Supermarkt herumlungert, um sich möglichst schnell mit "Stoff" zu versorgen, ist nur die traurige Spitze eines Eisbergs aus harten Zahlen: 10,2 Liter reinen Alkohols nahmen im Jahre 2003 die Deutschen pro Kopf zu sich und sind damit auf den fünften Platz unter den Industrieländern vorgerückt. Nur zehn Prozent der Bevölkerung leben weitgehend abstinent, zwischen 10 und 15 Prozent konsumieren Alkohol in risikoreichen Mengen, rund fünf Prozent sind der Kategorie gefährlicher beziehungsweise Hochkonsum zuzuordnen. Man geht davon aus, dass zehn Prozent der trinkfähigen Bevölkerung mehr als die Hälfte des gesamten Alkohols konsumieren.

Jugendliche und Männer trinken vergleichsweise mehr Alkohol als Frauen und ältere Menschen; bei den 15-Jährigen gehört Alkoholkonsum bereits zum Alltag (vgl. Interview). Dabei schwanken die erhobenen Daten je nach Befragung und unterstellten Alkohol-Grenzwerten: Mehr als ein Viertel Wein oder ein großes Bier täglich (das sind 20 Gramm Alkohol) führt bei (gesunden) Frauen langfristig zu gesundheitlichen Schäden und steigert das Abhängigkeitsrisiko, bei Männern setzt die WHO die Grenze bei ungefähr 30 Gramm.

Seitdem 1968 Alkoholismus im Rahmen der gesetzlichen Versicherungen als Krankheit anerkannt ist, hat sich die Alkoholforschung und -therapie intensiviert und erheblich differenziert. Beschrieben wurden die psychischen und sozialen Bedingungen, die in die Sucht führen, es existieren Typologien und Verlaufskarrieren der Sucht, diagnostische Verfahren erleichtern die Erkennbarkeit. Sattsam bekannt sind auch die gesundheitlichen Folgeschäden: Herz-Kreislauf-Probleme, Schäden der inneren Organe, insbesondere der Leber, Knochenerkrankungen, erhöhtes Krebsrisiko und nicht zuletzt alkoholbedingte Hirnschädigungen. Dazu kommen die akuten medizinischen Probleme wie Alkoholvergiftung und Entzugserscheinungen und externe Folgen wie alkoholbedingte Unfälle und Gewaltakte.

Gibt es ein Alkohol-Gen?

Gewandelt hat sich in den vergangenen Jahrzehnten auch das Bild von alkoholkranken Menschen: Zwar dominiert in der Öffentlichkeit noch immer die Vorstellung vom halt- und charakterlosen "Säufer", der seine Sucht nicht in den Griff bekommt und ins soziale Abseits gerät, doch es gibt auch gegenläufige "entlastende" Tendenzen, die durch die differenziertere Ursachenforschung und die damit verbundenen Therapieansätze angestoßen wurden. Die Genforschung verhalf im letzten Jahrzehnt zudem dem so genannten "Alkohol-Gen" zu seinem zweifelhaften medialen Aufstieg. Sicher ist, dass Kinder mit alkoholkranken Eltern gefährdeter sind.

Ob dies allerdings genetisch bedingt ist oder auf das elterliche Vorbild und das Lernverhalten der Kinder zurückzuführen ist, kann nicht abschließend beurteilt werden. Zeigen lässt sich immerhin, so Andreas Heinz von der Klinik für Psychiatrie der Berliner Charité, "dass bestimmte Gene dazu beitragen, dass man gegenüber den Alkoholwirkungen weniger empfindlich ist." "Trinkfest" zu sein, sei ein Risikofaktor, der dazu führe, mehr zu trinken, als gesundheitlich vertretbar ist.

Das Suchtgeschehen ist allerdings ein viel zu komplizierter Prozess, um ihn einseitig auf genetische oder neurophysiologische Bedingtheiten zu reduzieren. Die Frauengesundheitsbewegung, die mittlerweile vielfältige, spezifisch zugeschnittene Therapieangebote bereitstellt, hat dafür sensibiliert, dass Frauen oft aus anderen Gründen zur Flasche greifen als Männer. "Depressionen, Borderline-Syndrom oder Angstzustände", so Rita Wessels von der Berliner Frauensuchtberatungsstelle FAM, seien häufig der Ausgangspunkt der Alkoholsucht. Dies werde oft aber weder von den Patientinnen, noch von den behandelnden Ärzten wahrgenommen. Nicht selten gehe der Alkoholkonsum auch mit Medikamentenmissbrauch einher.

Oft sind es äußere Krisenereignisse, die alkoholabhängige Menschen anstoßen, sich mit ihrer Sucht auseinander zu setzen: Ein negativer Arztbefund, ein alkoholbedingter Verkehrsunfall, Gewaltexzesse, der Verlust des Partners oder einfach der Schreck darüber, nicht mehr aufhören zu können. Die Wege in die Therapie sind vielfältig, doch egal, ob ein Entzug in der Klinik, eine ambulante Therapie oder "nur" eine Selbsthilfegruppe geeignet ist und ob die völlige Abstinenz oder kontrolliertes Trinken angestrebt wird, es gibt keine Erfolgsgarantie. Gerade die hohen Rückfallquoten (bis zu 80 Prozent) sind es, die Alkoholkranke immer wieder vor einer Therapie zurückschrecken lassen, weil sie fürchten, "es ja doch nicht zu schaffen."

Das Rückfallgeschehen

Die Einsicht, dass der Rückfall ein notwendiger und wichtiger Bestandteil der Therapie ist, setzt sich auch bei Alkoholforschern und Klinikern erst in den vergangenen Jahren durch. Deshalb gilt dem Rückfallgeschehen nun verstärkte Aufmerksamkeit

Neuere Ergebnisse der Hirnforschung belegen nämlich, dass Alkohol im Gehirn unterschiedlich "ankert" und auf eine Vielzahl von Botenstoffen - Glutamat, Dopamin oder GABA - verschieden wirkt. Das Gehirn stellt sich mit der Zeit auf den Alkohol ein und reagiert auf den Entzug "panisch". Selbst wenn der Süchtige entwöhnt ist, hat das Gehirn die Bilder von Situationen, die mit dem Trinken zu tun haben, in seinem "Suchtgedächtnis" gespeichert und aktiviert sie bei entsprechenden Gelegenheiten. Eine Schlüsselsituation, beschreibt Andreas Heinz dieses Drama, "setzt einen Schlüsselmechanismus in Gang und führt dazu, dass der abhängige Patient die Kontrolle verliert".

Nachweisbar ist der Zusammenhang zwischen "Suchtgedächtnis" und dem Rückfallrisiko mit neuen bildgebenden Verfahren. "Es ist also interessant, was passiert, wenn jemand zum Beispiel nach dem Fußballländerspiel einen Bergsee sieht, vor dem sich ein Bierglas dreht", so Heinz. Möglicherweise werden dann die Basalganglien im Gehirn, die für die automatischen Handlungen zuständig sind, so aktiviert, dass er - ohne sich viel dabei zu denken- zu trinken anfängt. Es geht also darum, Situationen zu erkennen, die zum Rückfall führen könnten, und die Patienten entsprechend zu konditionieren.

Um diesen therapeutischen Prozess zu unterstützen, werden gezielt Medikamente wie Acamprosat und Naltrexon eingesetzt. Acamprosat dämpft die Übererregung, die durch Glutamat ausgelöst wird, Naltrexon blockiert die Rezeptoren für Alkohol. Die Frage ist allerdings, welches Mittel bei wem am besten wirkt, "Acamprosat scheint eher den Stresstrinker anzusprechen, Naltrexon den Genusstrinker, aber so genau weiß man das nicht,", bemerkt Heinz, der die Nebenwirkungen der Medikamente relativ gering einschätzt. Rita Wessels beurteilt den additiven Einsatz von Medikamenten skeptischer: Weil alkoholabhängige Frauen ohnehin oft mit Medikamenten Probleme haben, sei die Gefahr, Frauen einer zusätzlichen Abhängigkeit auszusetzen, sehr groß. Die Hirnforscher ihrerseits halten es für möglich, dass Suchtkranken irgendwann ein Chip in den Kopf gepflanzt wird, der die Lust auf ein Glas Wein oder eine Zigarette sozusagen per Knopfdruck dämpft.

Gerade weil das Suchtgedächtnis die Erinnerung an Alkohol aufrechterhält, ist das sogenannte "kontrollierte Trinken" als Therapieziel ein Vabanque-Spiel. Von den zehn Prozent, die nach der Entgiftung ihren Alkoholkonsum in einem risikoarmen Bereich halten wollen, sind ein Drittel auf dem Weg in die Abstinenz, ein Drittel steuert in den Rückfall und nur ein Drittel schafft es langfristig. Doch der Glaubenskrieg, der einmal um das kontrollierte Trinken geführt wurde, ist offenbar einer realistischeren Betrachtungsweise gewichen.

Wer "auf der Kippe" steht, "nur" zu viel trinkt und noch keine körperlichen Abhängigkeitsmerkmale aufweist, hat im Rahmen bestimmter Programme also durchaus Chancen, seinen Alkoholkonsum unter Kontrolle zu bekommen. Zwar ist bei vielen Therapien Abstinenz das Ziel, doch es gibt auch Betroffene, die es schaffen, ihre Trinkgewohnheiten langfristig auf ein gesundheitsverträgliches Maß zu reduzieren. "Abstinenz", so meint Heinz, sei "auf jeden Fall viel sicherer." Und er tröstet diejenigen, die es nicht für immer schaffen: "Schon nach einer dreimonatigen Abstinenzphase erholt sich das Gehirn. Es lohnt sich also, auch mal nur eine Phase der Abstinenz einzulegen."

Weitere Informationen:

Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung www.bzga.de

Deutsche Hauptstelle für Suchtfragen e.V. www.dhs.de


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Ihre Freitag-Redaktion

00:00 16.12.2005
Geschrieben von

Ulrike Baureithel

Autorin und Vielfachbewegte in Berlin
Ulrike Baureithel

Ausgabe 38/2020

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