Der Radikalkurplan

Gesundheit Eine Bertelsmann-Studie meint, Kliniken müssten abgebaut werden. Das wäre fatal
Ausgabe 29/2019
Bis der Gesundheitsminister genügend Pflegekräfte aus dem Ausland angeworben hat, lösen den Notstand hierzulande Pappkameraden
Bis der Gesundheitsminister genügend Pflegekräfte aus dem Ausland angeworben hat, lösen den Notstand hierzulande Pappkameraden

Foto: Marcel Mettelsiefen/Getty Images

Zu knappes Personal? Unzureichende Apparate-Ausstattung? Unterdurchschnittliche Qualität? Kein Problem: Klappe zu, Affe tot. So ähnlich kommt eine im Auftrag der Bertelsmann Stiftung erstellte Studie daher, die den seit Jahrzehnten andauernden Krankenhaus-Kahlschlag nun final erledigen will. Von den noch knapp 1.400 verbliebenen Kliniken in Deutschland sollen lediglich 600 erhalten bleiben, Hightech-Medizin in hochspezialisierten Zentren, die, so die Autoren vom Berliner Institut für Gesundheits- und Sozialforschung, durch Bündelung von Kompetenz und Ausstattung eine sichere Versorgung garantieren. Zum Vergleich: 1991 sorgten insbesondere in der Fläche noch 2.411 Krankenhäuser für das Wohl der Patienten.

Die Argumente der Autoren, unter ihnen bekennende Rationalisierungsspezialisten, klingen plausibel: Wo Ärzte über leistungsfähiges medizinisches Gerät, viel Erfahrung durch hohe OP-Zahlen und geschultes Pflegepersonal verfügen, ist die Qualität der Leistung höher. Und wo Kliniken unter dem Druck des Fallpauschalen-Systems (DRG) auch Eingriffe vornehmen, für die sie eigentlich gar nicht spezialisiert sind, kommt es zu Zwischenfällen. Das belegen Zahlen. Der Umkehrschluss, dass kleine Häuser generell schlechter arbeiten als leistungsstarke Zentren, wäre indessen fatal.

Die Argumentation folgt einer Logik, die das Pferd von hinten aufzäumt. Statt nach der Genese des Zustands zu fragen und ihm abzuhelfen – jahrzehntelanger dramatischer Investitionsstau, Personalkürzungen, verfehlte Lohnpolitik, Einführung von DRGs und vieles mehr –, nimmt man diesen als gegeben an und reagiert mit einer Radikalkur – pikanterweise an ebendem Tag, an dem der Gesundheitsminister auf Pflegekräfte-Werbetour im Kosovo ist. Die werden zwar den Pflegenotstand hierzulande nicht beheben, doch der Versuch setzt zumindest ein Zeichen.

Das Zeichen, das die Studienautoren setzen, ist ein anderes: räumliche und fachliche Konzentration und Abhängen der ländlichen, ohnehin schon unterversorgten Gebiete. Doch ein Krankenhaus ist viel mehr als ein technisches Versorgungszentrum. Es steht für Grundversorgung und gefühlsmäßige Sicherheit. Nicht jedes Krankenhaus muss „Pankreas“ können, aber es muss im Notfall schnell erreichbar sein.

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Geschrieben von

Ulrike Baureithel

Redakteurin „Politik“ (Freie Mitarbeiterin)

Ulrike Baureithel studierte nach ihrer Berufsausbildung Literaturwissenschaft, Geschichte und Soziologie und arbeitete während des Studiums bereits journalistisch. 1990 kam sie nach Berlin zur Volkszeitung, war im November 1990 Mitbegründerin des Freitag und langjährige Redakteurin in verschiedenen Ressorts. Seit 2009 schreibt sie dort als thematische Allrounderin, zuletzt vor allem zuständig für das Pandemiegeschehen. Sie ist außerdem Buchautorin, Lektorin und seit 1997 Lehrbeauftragte am Institut für deutsche Literatur der Humboldt Universität zu Berlin.

Ulrike Baureithel

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