Der Stoff, aus dem die Klone sind

Clon Run Wenn mythische Monster Wirklichkeit werden

Wird er uns nun beglücken oder bleibt er am Ende nur wieder eine Medien-Ente, der erste Menschen-Klon? Das Rätselraten darüber, ob es ihn geben kann und geben wird, ob als Mensch oder als Monster, treibt die Publizistik zu jenen merkwürdigen Kapriolen, die bereits die Entschlüsselung des menschlichen Genoms begleiteten. In dem ihr bei derlei Themen eigenen Überbietungsgehabe wirbt etwa die FAZ neuerdings für "die Würde des Klons", als habe die Kultur des antiquierten Menschen Furcht, endgültig von der Entwicklung abgehängt zu werden. Wie eine Schnecke des Fortschritts nimmt sich da des Kanzlers Ethikrat aus, der sich vor ein paar Tagen gerade einmal dazu durchrang, das reproduktive (Menschen-)Klonen zu ächten.

Was aber würde sich wirklich verändern, wäre die Existenz des Klons real verbürgt durch fälschungssichere Gentests? Das Klonkind würde zwar eine genetisch identische Kopie seines Ursprung sein; aber es müsste nicht einmal hundertprozentig so aussehen, und schon gar nicht - das weiß man aus der Zwillingsforschung - so denken und handeln wie das Original. Bei allem genetischen Determinismus bleibt der Einfluss von Umwelt und Erziehung prägend für die Entwicklung eines Menschen. Dass der Klon im Labor gezeugt wird, kann ebenfalls nicht ernsthaft erschüttern, denn das gehört zum Alltag jeder Repro-Klinik. Was also ist die Ursache für die Aufregung?

Der Stoff, aus dem die Klone sind, ist mythischen Ursprungs. Die Zeugungsphantasien in Form der Junggesellenmaschinen, die Chimärenwesen und Monster bevölkern das Reich im Schatten der Aufklärung. Aus ihnen sprechen Überwältigungsängste ebenso wie Allmachtswünsche. Der gefürchtete Wiedergänger kann nur eine bedrohliche Fratze unserer Selbst sein: Wenn das Klon-Schaf Dolly heute unter Arthritis leidet oder die transgene OncoMouse in schrecklichen Mutationen dahin vegetieren, ist dies Orakel und Herausforderung zugleich: Der erste Klon-Mensch wird behindert sein! Ein Fluch, gleich dem, der feudale Dynastien durch Inzucht zu Grunde gehen ließ.

Die "Monster"wesen, die uns dann möglicherweise heimsuchen, passen zu den kanadischen Raelianern, die vor anderthalb Jahren mit ihrer Ankündigung, den ersten Klon zu präsentieren, weltweites Aufsehen erregten. Eine durchgeknallte Sekte, die antritt, die Menschheit zu verbessern, taugt als Träger des Bösen allemal besser als ein profaner italienischer Geschäftemacher, der behauptet, unfruchtbaren Paaren zu ihrem Lebensglück zu verhelfen. Der Kapitalist als Dämon hat sein Charisma längst verloren.

Und dennoch sind es die Geschäftemacher, die das Tempo beim Klon-Rennen vorgeben. Die amerikanische Biotech-Firma Clonaid hat im Sommer ihre erste "Klonmaschine" avisiert. Mit RMX 2010 (erhältlich im Internet zum lächerlichen Preis von 9.199 Dollar) soll Home-Cloning für jedermann möglich sein. Saurierwesen, die dann noch auf Partnerwahl, Sex und Zufallsprodukt abonniert sind. Und welche zusätzliche Kränkung, wenn sich herausstellte, dass die Krönung der Schöpfung am Ende leichter zu kopieren wäre als so manches Getier, wo nun schon bekannt ist, wie wenig uns von einer Fruchtfliege unterscheidet.

Was also ist der Skandal: das Menschen-Klonen an sich oder es nicht perfekt genug zu beherrschen? Das kürzlich ohne Erfolg vertagte Geschacher der UN um ein weltweites Klonverbot ist die politische Antwort auf diese Frage. Die verschobene Entscheidung gibt den Forschern Zeit, im trial-and-error-Verfahren eine möglichst geglückte, nicht allzu skandalöse Version des Klons zu fabrizieren (wie hoch mittlerweile der dabei angefallene "Ausschuss" ist, weiß niemand zu beziffern). Wenn aber tatsächlich der erste Klon das Licht der Welt erblicken sollte, holt die Menschheit ihre selbst erzeugten Monster aus dem Schattenreich. Das muss nicht, aber könnte ein Schritt sein in Richtung Selbstaufklärung.

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00:00 06.12.2002

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