Der Stoff, aus dem die Träume sind

BERLINER ABENDE Von Sonne verwöhnt worden sind wir in diesem Spätsommer in unseren Breiten nun wirklich nicht. Ich glaube, es gab kaum einen Tag, an dem sich der ...

Von Sonne verwöhnt worden sind wir in diesem Spätsommer in unseren Breiten nun wirklich nicht. Ich glaube, es gab kaum einen Tag, an dem sich der Himmel nicht öffnete, als müsse er seine Trauer über die Zeitläufte ausschütten. Deshalb nahm ich die Sonne, die mir Anfang September ins Haus flatterte, besonders dankbar entgegen. Von der Sonne verwöhnt, versprach das Logo der badischen Winzer, und gemeint waren natürlich die Weine, die zweimal im Jahr den langen Weg vom Südwesten der Republik in den Nordosten nehmen, um grantige Ausgewanderte wie mich, die mit der hiesigen kulinarischen Selbstbescheidung hadern, zu versöhnen.

Diesmal allerdings lag zwischen der Einladung und dem Ereignis DAS Ereignis. Lange wägten wir ab, schwankten hin und her wie die Veranstalter der Münchener Wiesen. Darf man sich in finsteren Zeiten weinseligen Vergnügungen hingeben, und wie viel Pietät ist angesagt? Andererseits, was nützen in New York und anderswo hängende Schultern und Mienen auf Halbmast? Nein, einfach haben wir es uns nicht gemacht, und schließlich beruhigten wir uns damit, dass zwischen Weinfest und Weinverkostung ein Unterschied besteht und wir durch unsinnigen Konsumverzicht nicht noch die weltweite Rezession anheizen wollten.

Doch als ob es uns einer übel nähme, begleitete uns am Samstagabend ein Tränenhimmel in jenen tristen Teil von Schöneberg, wo heruntergekommene Autowerkstätten, Umzugsfirmen und Klitschen aller Art an das alte Vorwende-Berlin erinnern. Kein festlicher Rasen, keine Musi und kein Tamtam verirren sich je in einen dieser zweiten und dritten Hinterhöfe, wo das Badische Weinhaus Berlin ansässig ist. Immerhin kündeten in den vergangenen Jahren immer launig-sonnige Plakate vom Umtrunk mit meinen Landsleuten, diesmal sind es nur ein paar sieche Luftballons und der Duft des obligatorischen Flammkuchens, die einen in das abgelegene Weinzelt führen.

"Ausgereift, aber nicht recht eingebunden!" Neben mir steht ein Mensch, den ich unter normalen Umständen vielleicht der Spaßguerilla zugeschlagen hätte: Rastalocken, gelbmarmoriert und diese unsäglichen Hosen, deren Schritt zwischen Knie und Knöchel wogt. Wollüstig rollt er die Zunge, malmt Kiefer und spuckt neben sich. Der Rest des Probierglases landet im Auffang. Wir stehen bei der Winzergenossenschaft Jechtingen, und die Standwirtin hat reichlich nachzuschenken. Der rote Spätburgunder liegt schwer auf der Zunge, mit dieser typischen "Erdung" der Kaiserstühler Roten. 16 Genossenschaften treffen sich hier allhalbjährlich, mit durchschnittlich 20 bis 25 Kostproben. Hochgerechnet ein Mekka für Berliner Alks. Weinleichen sind dennoch nicht zu sichten, hier herrscht austarierter Genuss. Ein Wieslocher Bergwäldle (Spätlese) in der Hand, debattiere ich mit meinem Heidelberger Begleiter, ob südliche Bergstraße überhaupt noch den typischen badischen Winzern zuzurechnen sei, ganz zu schweigen von den Taubern, die sich dieses Jahr eingeschlichen haben.

Also erzählt er mir von jener legendären Abstimmung in den sechziger Jahren, als Baden sich ein letztes Mal gegen das württemberger Joch aufbäumte und seine Unabhängigkeit erstreiten wollte. Allerdings lag da schon der "gute Stern vom Daimler" überm Land, so dass diese letzten separatistischen Anstrengungen im Sand oder vielmehr im Weinstein endeten. Was wohl aus dem Balkan geworden wäre, wenn der "gute Stern" bis dorthin gereicht hätte?

Dass die Achtundvierziger Revolution vorab daran scheiterte, dass die badischen Streiter lieber debattierend in den Besenwirtschaften versackten als auf den Schlachtfeldern kämpften, ist bekannt. Die Annalen berichten von sinnesfrohen Revoluzzern, die sich auf dem Ebersteiner Schloss (in der Gegend des berühmten Affentalers) Liebesfreuden hingaben, während die Konterrevolution ihr Unwesen trieb.

Als wir nach reichlicher Verköstigung ein wenig angesäuselt auf unseren bescheidenen Auftrag bei der Auslieferung warten, wundern wir uns. "Schlechtes Geschäft", bestätigen die Packer, "den Leuten sitzt das Geld nicht mehr so locker. Das wird kein gutes Jahr." Wir nicken ratlos. Ein wenig weicht das weinbesänftigte schlechte Gewissen, weil wir dem Kreislauf ein wenig Stoff zuführen. Da schießt der Himmel schon wieder strafend herunter.

Anderntags lese ich in den Hochglanzgazetten von den abstinenten und frauenfeindlichen Terroristen, die sich vor der "Tat" in einer New Yorker Bar angeblich Mut ansoffen. Natürlich gilt das schon wieder als Beleg für die Unvereinbarkeit der Kulturen. Dabei gehen die Brüche doch mittenmang, entlang der Weißwurschtgrenze oder sonstwo. Ob den Muslimen ihre Moscheen oder uns Badensern ihr Weinhaus, Hauptsache die Grenzen bleiben friedlich.

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00:00 28.09.2001

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