Der Stoff, aus dem Erfolg ersteht

Nachruf Zum Tod des Bestsellerautors Johannes Mario Simmel (1924-2009)

Auch wenn es sich Nachgeborene nicht vorstellen können: Es gab Zeiten, in denen nicht Daily Soaps die kollektiven Gefühlshaushalte justierten oder Koch-Shows den abgestumpften Geschmacksnerven auf die Sprünge verhalfen. Zeiten, in denen das Publikum, nach erotischem oder exotischem Kitzel hungernd, sich noch monatlich vom Lesering beliefern ließ oder zum Illustriertenroman griff, um das verordnete Gelsenkirchener Barock mental zu überleben. Mit einem mondänen "Connaisseur" wie Thomas Lieven unter der Bettdecke erinnerte es sich daran, dass es noch eine Welt jenseits des Subotniks für das Wirtschaftswunder gab, jenseits von diätetischer Prüderie und fetter Buttercremetorte, mit denen einstmals Augen, Mund und Ohren verspachtelt wurden.

Eine Spachtel schwang allerdings auch Johannes Mario Simmel, als er seinen zuerst in der Illustrierten Quick in Fortsetzungen veröffentlichten Roman Es muss nicht immer Kaviar sein 1960 im Schweizer Druck- und Verlagshaus zwischen zwei Deckel pressen ließ, und sie war zweifellos von der gröberen Sorte. Simmels literarisches Moltofill belieh den Krieg und schöpfte aus dem klassischen Agenten-Genre, es schürfte auf dem trüben Sex-Grund der Quick und verfeinerte kulinarisch mit Kochrezepten, sodass sich die Genuss entwöhnte Lesegemeinde, die Simmel binnen kurzem zuströmte, dieser neuen Duft- und Geschmacksnote kaum entziehen konnte. Es war die richtige Mixtur zur richtigen Zeit für ein bedürftiges Publikum, das damit seine Sucht, vielleicht nur seine Sehn-Sucht befriedigte. "Ein Simmel" wurde zu einem bis in die Gegenwart die Buchcover prägenden unverwechselbaren Markenzeichen, der Mann zu einem zum Erfolg verdammten Phänomen, auch wenn die etablierte Literaturkritik jahrzehntelang Zertifizierung und höhere Weihen verweigerte.

Dabei hatte der 1924 in Wien geborene und in Österreich und England aufgewachsene gelernte Chemieingenieur und spätere Reporter durchaus literarische Ambitionen. Er startete 1947 mit einem Novellenband Begegnung im November und zwei Jahre später mit dem ersten Roman Mich wundert, dass ich so fröhlich bin, der die unmittelbare Kriegsvergangenheit thematisiert. Wenn schon nicht Simmels Geldbeutel, so füllten diese ersten Versuche immerhin ein freundliches Rezensionsheft. Im folgenden Jahrzehnt muss dann irgendwann der Sensationsreporter über den Novellenschreiber triumphiert haben, vielleicht verführte auch der überraschende Erfolg der Lieven-Geschichte Simmel dazu, im Unterschied zu seinem Helden nach immer gleichem Rezept zu kochen.

In den sechziger und siebziger Jahren erschienen dann turnusmäßig die dickleibigen Schmöker, in denen der Autor seiner Welt thematisch immer einen kleinen Schritt voraus war, um sie dann doch auf so triviale Weise zu "erlösen". Sei es, dass er in Lieb Vaterland magst ruhig sein (1965) in die Wunde der deutschen Teilung stieß, in Und Jimmy ging zum Regenbogen (1970) die neuen Massenvernichtungswaffen ins Visier nahm, zwischen die Fronten des Kalten Krieges geriet (Der Stoff, aus dem die Träume sind, 1971) oder später die Gefahren der Gentechnologie skandalisierte (Doch mit den Clowns kamen die Tränen, 1988). Immer bettete der versierte Filmmann und Drehbuchschreiber seine sensationsheischenden "Tatsachen" in ein unüberschaubares Handlungsarrangement, filetierte es mittels Schnitten und Überblendungen, die von den konzeptionellen Mängeln und der Schlichtheit der Figurenzeichnung ablenkten. Schneller Szenenwechsel, ausgiebig eingestreute krasse Sexszenen und ein sorgfältig ausgereizter Plot hielten seine Geschichten zusammen und seine Gemeinde in atemloser Spannung.

So gesehen war es nie schwer (und deshalb eine wenig lohnende Herausforderung), Simmels Romane im ideologiekritischen Sägewerk der aufgeklärten Literaturkritik zu zerlegen und die Teile auf den Scheiterhaufen der Kitsch- und Verblendungsjäger zu verbrennen; zumal schon der ökonomische Erfolg bei den konsumkritisch gestimmten Bandleadern des Feuilletons Verdacht erregte. Den Spaß an diesem Job verdarb ihnen nicht nur Simmel, der sich irgendwann gar nicht mehr um die Aufnahme in den von ihnen bewachten Olymp bemühte, sondern vor allem das Publikum, das Verstand und Sinne vor derlei Entlarvungsbemühungen verschloss und sich weiterhin lieber von seinem Lieblingsautor aufklären ließ. Dies in aller Entschiedenheit zu tun, wurde Simmel niemals müde zu betonen.

Als sich über die Jahrzehnte hinweg der Eiserne Vorhang zwischen U- und E-Literatur immer mehr als witterungsanfälliger Palisadenzaun entpuppte mit befriedeten Durchreichen für den Geschmacksaustausch, entschlossen sich schließlich auch die Hohepriester der Literaturkritik, im Fall Simmel vorsichtg die weiße Flagge zu hissen. So kam es 1987, anlässlich des Erscheinens des Clown-Romans, zu einer bizarren Debatte über die Frage, was sich von Simmel als kulturelles Erbe in den Bestand der Hochkultur retten lasse, wobei ihm auf dem E-Konto ausdrücklich die pazifistisch-aufklärerische Absicht gut geschrieben wurde. Der kurze Gefechtgang zwischen Mathias Greffrath, Frank Schirrmacher und Ulrich Greiner mündete in einer Art Waffenstillstand, durch den zwar der "Fall Simmel" nicht endgültig geklärt werden konnte, aber zumindest die ewige Schuldhaft aufgehoben wurde.

Das Verhältnis zwischen Simmel und seinen Kritikern entkrampfte sich außerdem, weil sich auf internationaler Ebene Nachfolger fanden, die wie Simmel Aufklärungsanspruch und Spannung höchst erfolgreich zu paaren wussten, bei - man denke an den jüngeren, kürzlich ebenfalls verstorbenen Michael Crichton (Freitag 46/2008) - ähnlich beschränkter ästhetischer Kompetenz. Vielleicht, weil man angelsächsischen Autoren das Unterhaltungsgenre ohnehin eher zuschreibt als alteuropäisch geprägten Geistern wie Simmel, der schon aufgrund seiner Lebensgeschichte mehr fürs tragische Fach prädestiniert schien: Ein Teil seiner Familie wurde von den Nazis ermordet, der aus Hamburg stammende jüdische Vater hatte sich nur in letzter Minute aus Wien nach London retten können.

Er habe immer nur Bücher schreiben wollen über Menschen, in denen sich seine Leser wieder erkennen, bekannte Simmel einmal. Ihm ging es um das Authentische, das er wie ein Reporter einzufangen suchte, in völliger Verkennung der Literarizität des nur Aktuellen und Faktischen. Offensichtlich haben sich die Leser in seinen Romanen dennoch wieder gefunden, und sei es nur als aufregenderes Abziehbild der eigenen ereignislosen Gegenwart.

Vielleicht ist es in den letzten Jahren um Simmel aber auch deshalb stiller geworden, weil diese Seite der Kulturfabrikation immer mehr die elektronischen Medien übernehmen und der Autor erkannt hat, dass sein humanistischer Appell in seinen Büchern verhallte und zuletzt im Öko- und Liebeskitsch unterging. Gegen Ende seines Lebens neigte er ohnehin dem Pessimismus zu, allerdings nicht ohne couragiert gegen seinen Landsmann und Scharfmacher Jörg Haider zu Felde zu ziehen. Dass dieser vor ihm von der großen Bühne abgereten ist, war kaum vorauszusehen. Am 1. Januar ist ihm Johannes Mario Simmel gefolgt.

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00:00 09.01.2009
Geschrieben von

Ulrike Baureithel

Autorin und Vielfachbewegte in Berlin
Ulrike Baureithel

Ausgabe 40/2020

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