Ulrike Baureithel
09.09.2010 | 12:00 25

Deutsche! Denkt wilders!

Rechtsintellektuelle Die Kampfschrift Thilo Sarrazins steht nicht allein. Amalgamiert mit elitären Erweckungstraktaten birgt sie Sprengkraft

Wir pflegen und hegen, was uns abhanden kommt: Bedrohte Arten, bedrohte Wörter, Behinderte oder die Familie. Folgt man den Debatten der letzten Zeit rückt nun sogar „das Bürgertum“ auf die rote Bestandschutzliste. „Echte“ Citoyens wie Joachim Fest und Wolf Jobst Siedler sahen das Ende der bürgerlichen Epoche allerdings schon vor Jahren besiegelt. Die Überwältigungsängste und Bedrohungsszenarien sind mit der Finanzkrise nicht geringer geworden und das Personal erlebt die Globalisierung ebenso wie Fest und Siedler als einen „Naturprozess“, dem es wie einem Tsunami ausgeliefert ist.

Willkommen sind da Volksaufklärer und intellektuelle Zuchtmeister, die in der rasant beschleunigten Zirkulation den Überblick zu behalten und der gefühlten materiellen und symbolischen Enteignung etwas entgegenzusetzen versprechen. Gleichgültig ob sie „nur“ als so genannte Tabubrecher auftreten oder als anstiftende Herausforderer, verlangen sie ihrem Publikum etwas ab: Es muss sich in Stellung bringen, sich für eine Seite entscheiden und unter Umständen sogar den „inneren Schweinehund“ überwinden, wenn es an der Erweckungs- und Distinktionsbewegung teilhaben will. Peter Sloterdijk und Thilo Sarrazin sind im vergangenen Jahr die beiden zufälligen, aber wirksamsten Exponenten dieser Aufmerksamkeit fordernden „Es-muss-Schluss-sein“-Propaganda. Wobei sich Ersterer mit seinem angemessen verklausulierten Askese-Raunen an ein absetzungsgewilltes Bildungsbürgertum wendet, Letzterer mit seiner pseudowissenschaftlich grundierten und statistisch gesättigten Kampfschrift an ein technophil-faktengläubiges Mittelschichtspublikum, dem er den scheinbar positiven Nachweis existenzieller Bedrohung liefert.

Überlebensfabrik Familie

„So kann es mit Deutschland nicht weitergehen “, sagt der eine, „Du musst dein Leben ändern“, der andere. Thilo Sarrazin geht es um eine Grenznutzenrechnung: Wie viel Fremdheit hält Deutschland aus, bis es sein „Wesen“ verändert? Wie viel bildungsunfähige und –unwillige muslimische Transferempfänger verkraftet es, ohne sich am „Substanzverlust zu verzehren“? Und nicht zuletzt: Wo liegt der Grenznutzen des Erwerbsbürgers? Bei 60 Prozent der mittleren Arbeitsproduktivität, rechnet Sarrazin vor. Der Rest ist unproduktiv, überflüssig. Sloterdijk hat dagegen eher die Eliten im Blick, die er „auf Augenhöhe mit der Weltlage“ bringt, aus der ignoranten „Frivolitätskultur“ reißt und einem Realitätsdruck aussetzt, der sie in selbst überfordernde „Vertikalspannung“ bringt. Wer in die neue „immunologische“ Gemeinschaft aufgenommen und sich der „Ethik des Unmöglichen“ gewachsen fühlen will, muss sich resistent machen gegen die Angst, darf Mitleid nur zeigen, wenn es opportun ist.

Zwischen beiden scheint es zunächst wenig Verbindendes zu geben, doch sie treffen sich, wo es um den Unwillen der Leistungsträger geht, das „unrentable“ System weiter zu alimentieren. Sloterdijk wollte mit der „Revolution der gebenden Hand“ den Steuerstaat zugunsten einer Caritas erledigen, die die Bedürftigen der Willkür der Besitzenden überlässt. Sarrazin argumentiert als Technokrat und beziffert den „Armutskomfort“, den eine Hartz IV-Bedarfsgemeinschaft mit zunehmender, aber absehbar unproduktiver, weil „dummer“ Kinderschar generiert. „Staatlicher Transfer verführt zu einem bequemen Leben“; deshalb lohne es sich für die „Unfähigen und Faulen nach Deutschland einzuwandern, sofern sie in ihrem Heimatland arm genug“ seien. Auf jeden Fall, so ließe sich mit Sloterdijk folgern, hebt der „versorgende Sozialstaat“ die Betroffenen gerade nicht aufs „gespannte Seil“ einer asketischen Leistungsgesellschaft. Obwohl sich Sarrazin primär mit dem gefürchteten Niveauabfall durch die angeblich besonders „fruchtbaren“ Einwanderer-Communities befasst, ist ihm elitäres Denken nicht fremd. Die Transferempfänger zwingt er in ein kleinbürgerliches Tugendkorsett – Sparsamkeit, Ordnungsliebe, Pünktlichkeit und ein puristisches Verständnis von Lebensqualität –, das kompatibel mit den Anforderungen der Erwerbswelt ist. Doch die besonders Begabten, die genetisch determiniert sind und sich seiner Ansicht nach folgerichtig aus den Mittel- und Oberschichten rekrutierten, will er nicht mit der Masse lernen lassen, sondern in Privatschulen. Die Leistungen eines Goethe oder Humboldts, so die Begründung, wären „in einer integrierten Gesamtschule in Rüsselsheim oder Duisburg“ gewiss nicht hervorgebracht worden.

Dass es nicht nur darum geht, die Kinder aus bildungsfernen Schichten „gegen ihre Eltern“ zu erziehen und sie ihrem „anregungsarmen Milieu“ ganztägig zu entziehen, sondern die Elternhäuser auch fürsorglich zu belagern mit „Hausbesuchen“, passt zum kleinbürgerlichen Paternalismus Sarrazins, der gemessen am „immunologischen Aufstufungsprogramm“ Sloterdijks antiquiert wirkt. Beide konzentrieren sich auf die Schule als letzte verbliebene Instanz disziplinarischen Trainings, „üben, üben, üben“. Das Kloster steht für diese Zurichtung nicht mehr zur Verfügung; nun entfällt wohl auch noch das Militär. Auch unter diesem Aspekt ist die Debatte um soziale Pflichtdienste zu sehen.

Ihre militante Aufrüstung erfährt Sarrazins naive Leistungsideologie allerdings erst durch die aggressiv vorgetragenen Thesen zur Bevölkerungspolitik. Der Boden ist gut vorbereitet mittels eines liberal sich kostümierenden Biologismus, der das Schicksal der „Überlebensfabrik Familie“ (Frank Schirrmacher) in die Verantwortung der gebildeten Frauen stellte.

Der Geist der Gebärprämie

Bedroht ist diese deutsche Schicksalsgemeinschaft nun angeblich von der muslimischen „Bevölkerungsbombe“. Diese Spur zieht sich von Samual P. Huntingtons Clash of Civilizations über Gunnar Heinsohns Söhne und Weltmacht bis hin zu Thilo Sarrazin, der die Vorstellungen vom Krieg der Kulturen und dem Fight der jüngeren Söhne um soziale Anerkennung banalisiert und ihn als innere Front im eigenen Land aufbaut. Bei ihm kriecht der „youth bulge“, der Jugendüberschuss, dann nicht mehr „aus den Gebärmüttern der palästinensischen Frauen“, um im Heiligen Krieg verheizt zu werden (Heinsohn), sondern aus dem der Muslima in Neukölln, die möglichst viel Sozialgeld abzocken will. Dagegen hilft nur qualitativ gesteuerte Migrationsauswahl und Begrenzung des Familiennachzugs.

Müßig, an dieser Stelle das krude islamophobische Weltbild Thilo Sarrazins noch einmal aufzurufen. Seltener kommt allerdings zur Sprache, dass hier offenbar auch die Ängste älterer Männer gegenüber der „Flut“ junger, „fremder“, potenter Männer den Diskurs antreiben. Gleichzeitig ist Sarrazins Verteidigung gegen die „Kopftuchmädchen“ antifeministisch legiert, indem er die jungen deutschen Frauen mit einer Gebärprämie bestechen will: 50.000 Euro für den Nestbau stellt er in Aussicht.

Was allerdings die Sarrazin vorgeworfene positive Eugenik betrifft, die ihn exkommuniziere, sollte die deutsche Mainstream-Gesellschaft darüber nachdenken, ob sie nicht in ähnlichem Fahrwasser treibt, wenn sie Hartz IV-Empfängern das Elterngeld vorenthält oder wenn künftig geschädigte Embryonen im Reagenzglas ausgesondert werden sollten. Ob „deutsches Wesen“ oder „gesundes Wesen“, es handelt sich in beiden Fällen um ein Qualitätsurteil.

Immerhin würden 18 Prozent der deutschen Bevölkerung, sagen Umfragen, eine neue Partei unter Sarrazins Führung wählen. Sein auf Abschottung, Disziplinierung und Regression orientiertes Programm mobilisiert die Stammtische und noch etwas darüber hinaus. Doch um eine neue rechte Sammlungsbewegung zusammenzuführen, müsste der Tugendterror für die Massen angereichert werden durch einen Elitismus Sloterdijkscher Prägung. Das „Tabu einer rechten Partei“, ließ der in diesen Gefilden strauchelnde Medienwissenschaftler Norbert Bolz kürzlich wissen, sei nämlich nur durch ein „Coming out der Starintellektuellen“ zu brechen. Deren „Hofnarrenstatus“ beklagen auch die einschlägigen rechtsintellektuellen Plattformen: „Wer wird der deutsche Geert Wilders?“, fragt ein User etwa und spielt mit anderen das mögliche Personal durch: Martin Hohmann? Friedrich Merz? Aber die, beklagt ein „Hans Freyer“ (!), kriegen ja „ihre fetten Ärsche“ nicht hoch.

Die nun scheinen, um im Bild zu bleiben, den etablierten Parteien allmählich auf Grundeis zu gehen. Auch wenn Sarrazin gewiss kein Geert Wilders wird, setzt er die SPD doch unter Entscheidungszwang und treibt die Union vor sich her. So ließ Angela Merkel am Wochenende wissen, dass sie den Einsatz von Hartz IV-Empfängern im Pflegebereich für durchaus möglich hält. Man muss nicht Thilo Sarrazins Vorurteile teilen, um bei dieser Idee zu schaudern. Und bei der Vorstellung, was uns diese Debatte noch alles bringen wird.

Kommentare (25)

Querdenker 09.09.2010 | 16:35

Frau Baureithel, nach so viel geballter Thilophobie: Skizzieren Sie doch mal grob, wie Ihre Welt von morgen aussieht. Wie wird sich Deutschland in den nächsten Jahrzehnten wirtschaftlich, kulturell, gesellschaftlich entwickeln? Wie wird sich die Bevölkerung entwickeln? Was machen Sie in Zukunft mit Millionen von Arbeitslosen und Hartz IV-Empfängern, Tendenz steigend? Welche Einwanderungspolitik schlagen Sie vor? Wird der Wohlstand, wie von Sarrazin befürchtet, in Deutschland dahinschmelzen?

Leon 09.09.2010 | 17:00

ja rassische und geld-"eliten" verkünden ihre "begründeten" ansprüche darauf in jedweder hinsicht "besser" zu sein. vielerorts in europa. kommentare bestätigen die ansichten oder verteidigen die "minderwertigen". bla- ausländer hier, bla-nazis dort, bla-gut, bla-schlecht...
jedes jahr im herbst als eins der ersten themen: "denkt doch mal über problemem mit ausländern nach...ganz intensiv. streitet! ihr seit so meinungsfrei, so informiert... es ist doch soooo wesentlich die unterschiede zum zigsten mal zu klären und festzustampfen wer auf wessen kosten lebt! zeigt her WIE klug ihr alle seit".

lasst uns weiter über die farbe und oberflechenbeschaffenheit streiten, während das schiff darunter aus mangel an "zuwendung" vermodert.

RAJmue 09.09.2010 | 23:07

Sehr geehrte Frau Baureithel,

herzlichen Dank für diesen schönen Beitrag, in dem Sie die gespenstische Debatte, die bis in die Details und emotionalen Tremoli in der Essenz als schwach rationalisierter Wiedergänger völkischer Erregungen des vorigen Jahrhunderts erscheint, in einen weiteren Rahmen stellen. Dazu möchte ich mir drei Ergänzungen erlauben.

Sehr richtig finde ich, dass Sie nicht nur die biologistische, sozialdarwinistische Komponente des „Diskurses“ hervorgehoben haben, sondern auch dessen offenkundigen Triebgrund. Der ist ja bei solchen Themen immer sexuell konnotiert, und in der Tat konnte man das Testosteron in vielen Kommentaren geradezu riechen. Eine angemessene Integrationsdebatte hätte man auf der Basis der bekannten Probleme, verfügbaren seriösen Informationen und Lösungsansätze längst führen können, wäre man wirklich an einer nachhaltigen Verbesserung interessiert (vermutlich sind diese Bevölkerungsgruppen wie ihr „Unterschicht“-Pendant aber bereits "abgeschrieben"). Man muss dazu nur Personen fragen, die in diesem Bereich seit langem arbeiten und die anstehenden Aufgaben kennen. Gerade die vorgeblich nur ganz unvölkisch auf die Probleme Weisenden werden vermutlich zu den ersten gehören, die sich gegen die mit den notwendigen Verbesserungen einhergehenden Kosten wenden.

Interessant erschien mir vor allem der Umgang mit „Wissenschaft“ als Legitimationsreservoir, die scheint ja die Religion abgelöst zu haben. Als das Hanebüchene der Thesen zur Genetik bekannt wurde, hieß es, das sei ja nebensächlich oder der Protagonist sei von Journalisten in die Falle gelockt worden usw. Im Anschluss wurde jedoch auf dem Umweg über die „Kultur“ eine Argumentation skizziert, die im Ergebnis auf das Gleiche hinauslief (und die Vulgärgenetik saß erneut mit im Boot). Phänomenal war wieder, wie Scharen von prä-propädeutischen Kommentatoren sich zu recht gewissen Urteilen über komplexe wissenschaftliche Befunde berufen fühlten und offenbar kenntnisfrei über Erblichkeitskoeffizienten, gar in Analogie zu monogenetisch determinierten Merkmalen, urteilten, obgleich diese Koeffizienten als Quotienten zur Gesamt- und d. h. auch umweltbedingten Variabilität bekanntlich stark kontextabhängig und für praktische Belange von sehr begrenztem Wert sind usw. Wenn dann Fachwissenschaftler etwa die Genetik in diesem Rahmen für nachrangig erklärten oder für potenziell relevant nur unter de facto unrealistischen Szenarien prolongierter Generationenfolgen in praktisch kompletter Segregation, so wurde daraus von Kommentatoren sogleich abgeleitet, „irgendwie“ gäben sie dem Protagonisten ja doch recht usw. Man glaubt diesen Habitus beispielsweise aus der Umwelt- und Klimaforschung zu kennen und fühlt sich an das Beispiel eines Menschen erinnert, der von der Idee besessen ist, einer seiner Gartenzwerge könne von einem Meteoriten getroffen werden. Ein Wissenschaftler wird ihm zwar sagen, dass dies ganz außerordentlich unwahrscheinlich ist, zugleich aber grob abschätzen können, um wieviel das Risiko von Null verschieden ist und beispielsweise mit der Tageszeit und geographischen Lage variiert. Und der Adressat wird sich dann im Falle hinreichend starker mentaler Fixierung sagen, dass „irgendwie“ seine Befürchtung „also doch“ berechtigt sei. Dass die moderne Forschung zur Humangenetik sich generell woanders befindet als „diskutiert“, wurde ja auch durch den Verband der Biowissenschaften (Vbio) in einer Stellungnahme deutlich gemacht (Übersicht zum Thema: Barbujani G Colonna V: Human genome diversity: frequently asked questions. Trends in Genetics 2010;26:285-295).

Vielleicht sollte man dieses Spiel auch in einem weiteren Rahmen sehen. Offenbar gehen wir einer Zeit entgegen, in der einerseits Ressourcen knapper werden oder aufwendiger zu erschließen sind, andererseits die Nachfrage nach ihnen steigt. Die Probleme werden durch Umweltzerstörung und Klimawandel verschärft. Zugleich sind die Potenziale des Gewalteinsatzes so groß wie nie zuvor. Da die sog. Eliten haupsächlich damit beschäftigt scheinen, sich selbst in (relative) Sicherheit zu bringen, und die Politik der organisierten Unverantwortlichkeit (in der die gegenwärtige Regierung besonders zu brillieren scheint) bei dem großen „Rest“ ebenfalls primär den Egoismus zu aktivieren scheint, sind eine soziale Desintegration und Enthemmung auf allen Ebenen zu befürchten. Wenn es darum gehen wird, im Ressourcenkampf „überzählige junge Männer“ massenhaft sterben zu machen, sei es direkt oder mit Stellvertreterkriegen, oder halbe Kontinente für Wohlstand und Gewinn verhungern zu lassen usw., dann tragen „philosophische“ oder „wissenschaftliche“ Rationalisierungen ohne Zweifel zum energischen Handeln, kraftvollen Augenverschließen und guten Gewissen bei. Hat man einmal den „Mut zur Wahrheit“ à la Boulevard und assoziierter sog. Elite aufgebracht, so bietet es sich auch an, Massen von Menschen, die hier oder anderswo zur zukunftsgefährdenden ökologischen Belastung der Erde beitragen, allerdings von minderem Humanwert sind, da sie keine hinreichende „Vertikalspannung“ aufbringen, dem ewigen Gesetz der Notwendigkeit zu opfern, das schon Vorsokratiker formulierten. Der für den Vulgär-Nietzscheanismus nach wie vor attraktive Rekurs auf die Antike und ihre Gesellschaftsordnung lässt in der Kombination mit einer technisierten, globalisierten Moderne nichts Gutes erwarten. Ich glaube daher, dass man das Verbalmaterial, das seit 10 oder 15 Jahren „intellektuelle“ Aristokratisten liefern, auch im Sinne einer Akkumulation mentaler Zurichtungen für Kriege und Vernichtungen der Zukunft sehen muss. Vom „Minderbegabten“, der als solcher bereits in der sog. Leistungsgesellschaft weniger „wert“ und gegebenenfalls „überflüssig“ ist, über den „Untermenschen“ zum „unwerten Leben“ dürfte der Weg kürzer sein, als man sich wünscht. Wenn diese Attribute Gruppen statt Individuen beigegeben werden, gewinnen sie noch an Potenz. Und einem Gutteil des sog. Bürgertums darf man m. E. nach wie vor zutrauen, bei akutem Bedarf die passende Beleuchtung für Alles und Jedes zu finden.

Mit freundlichem Gruß

Columbus 09.09.2010 | 23:50

Liebe Frau Baureithel,

Dichter gepackt, kann man die schon etwas gräuliche, neue deutsche Waber- und Laberhochkultur und ihre Apologeten nicht analysieren.

Die Herkünfte sind benannt oder bekannt (z.B. Freyer und sei es nur als "Nick", Forsthoff, Schmitt, Heinsohn, Sloterdijk). Auch die "hormonellen" Lüste einer zunehmend älter werdenden Mediengesellschaft (Bolz, Broder, Henkel, so manche Talk- und Quiz-Größe), irgendwie Ordnung, Formierung und kommunikative Macht zu erhalten, sind derzeit gewachsen.

Sie schreiten also zur pseudointellektuellen Taten, auch wenn dazu erheblicher Aufwand an Verbiegeleistung notwendig ist.

Allerdings machen die Kanzlerin, und in stiller Vorbereitung, wie schon in der Vergangenheit, die SPD, unter dem nicht unerheblichen Rest an treuen Müntefering und Clement- Anhängern, ebenfalls die Politik der so genannten Eliten mit, was mit großer Sicherheit zu einer weiteren Spaltung der Gesellschaft führen wird.

SPD und CDU/CSU, verbunden mit der FDP, hatten schon in der letzten Legislatur die Weichen so gestellt, dass die angestellten, arbeitenden und eben auch die arbeitslosen Schichten, sowie alle kleinen Selbstständigen in Zukunft für jedes persönliche soziale und familiäre Problem, insbesondere für jede ökonomische und zu versicherende Grundversorgungsleistung, grundsätzlich selbst aufkommen müssen.

Selbst die Bildungsanstrengungen werden nun Zug um Zug privatisiert, von der Hochschule, bis zum Frühkindergarten.

Die neuen Eliten, es ist eigentlich vornehmlich nicht eine produzierende Unternehmerelite, sondern eine der geschickten Kaufleute, der Großkonzerne und Banken (Provisions und Profitnehmer) und des Eigentums, sowie noch dreier großer Medienhäuser, werden hingegen schuldenfinanziert (Steuerzahler und kommende Generationen), in jeder Eurohöhe abgesichert.

Der Staat deckt die faulen Geschäfte und eine günstige Option, neue faule Geschäfte zu tätigen, praktisch mit einer Ewigkeitsgarantie, ohne eine wirkliche Gegenleistung in Form von Transparenz und möglichen staatlichen Eingriffen.

„Systemrelevant“, schallt es, daher unbedingt notwendig.

Steuererleichterungen, Subventionen, Bürgschaften, wurden für diese Kreise, in Stufen und seit 1998, in zig Milliarden Euro-Höhe gewährt. So, wie für keinen anderen gesellschaftlichen Bereich.

Derzeit schenkte die Kanzlerin vier großen Stromerzeugern konservativ geschätzt, 50-100 Milliarden € über die nächsten 14 Jahre und kann froh sein, wenn das Land 30 Milliarden für eine andere Energiewirtschaft zurück erhält. - Wie gnädig!

So macht man auf diesem Niveau ein großes Geschäft, gewinnt sogar aus einer Abgabe oder Steuer. Doppelt, vielleicht sogar dreifach, weil natürlich die "Zusatzlast", mit dieser Begründung an die Kunden mit einem höheren Strompreis ausgereicht wird und eventuelle Nachforderungen des Bundes, weil er sich nicht ausreichend beteiligt sieht, ebenfalls in den Strompreis gehen.

Was es so nicht geben wird, das ist eine schmalere Rendite im Finanz- und Anlagebereich und beim globalen Börsenhandel mit Ressourcen! Auch nicht, eine Rückkehr zum Prinzip, dass ein Energieversorger oder Mobilitätsunternehmen hierzulande, nicht als Global-Player weltweit auftreten sollte, weil dahinter dann ganz andere, überhaupt nicht allgemeine, gesellschaftliche Ziele, sondern vorwiegend das Interesse von Aktionären an Gewinn steht.

Die großen Verlagshäuser bekamen zuletzt die Zusicherung, die meisten Inhalte der öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten, mit hohem Personalaufwand erzeugt, zudem meist mit Leuten in gesicherter Stellung produziert und von einem Heer an Intendanten und Verwaltungsabteilungen kontrolliert, müssten nach 7 Tagen in der Versenkung verschwinden.

Sie werden weitere Gesetze erhalten, die das Internet, auch da wo es informativ und nicht rein unterhaltend ist, weitgehend in eine ausschließlich werbewirtschaftlich und medienrechtlich gesicherte Sonderwirtschaftszone verwandeln.

Wir wissen, was die Kernkraftwerksbetreiber gestern per „Letter of intent and consent“ noch erhielten. Wir wissen allerdings, dass in Zukunft bei neuen pharmazeutischen Produkten nicht mehr so genau nachgeprüft und überprüft wird. Wir wissen, dass die Kanzlerin und ihr Kabinett gerade bei Hartz-IV Empfängern massiv Leistungen kürzte.

Wir wissen, dass in Zukunft nur noch der vereinzelte Versicherungsnehmer seine Grundsicherung tragen soll, geht es mit dieser Art Elitepolitik noch ein wenig weiter.

MfG
Christoph Leusch

B.V. 10.09.2010 | 14:43

Bei denen die der Thilophobie (gefällt mir der Begriff!) verfallen sind wird man da wohl lange auf Antworten warten dürfen, dieses Minenfeld betreten sie nicht, da kommen dann allenfalls Allgemeinplätze des Gutmenschentums hervor oder man beschränkt sich auf die Kritik an praktischen Vorschlägen (von "Technokraten") was dann immer negativ besetzt ist.

Als Technopolit, also Praktiker Befürworter von staatlichen, gesellschaftlichen sozialen Reformen für die fortschrittliche Weiterentwicklung der Moderne, sind mir diese Meinungsmachen herzlich zuwider.

Ulrike Baureithel 10.09.2010 | 15:01

Was ist an meiner Analyse - und das war in diesem Fall mein Job, nebenbei gesagt, nicht die von poltische Alternative, die Querdenker einfordert, der ich aber durchaus nicht ausweichen will - "Meinungsmache"?
Ist es, Herr Querdenker, nicht ohnehin schon ein offensichtlicher Widerspruch, dass auf der einen Seite Deutschlands "Selbstabschaffung" mangels Geburtenrate beklagt wird und gleichzeitig viele Menschen überflüssig erscheinen für den Kapitalvewertungsprozess. Mir ging es in diesem Beitrag u.a. um die Frage der Qualitätsauswahl des "Humankapitals" und eine inhumane gesellschaftliche Kostennutzenrechnung, die nicht nur bei Sarrazin durchschlägt, sondern letztlich auch die Mainstream-Politik bestimmt.

goch 10.09.2010 | 15:50

@Ulrike Baureithel:Und nicht zuletzt: Wo liegt der Grenznutzen des Erwerbsbürgers? Bei 60 Prozent der mittleren Arbeitsproduktivität, rechnet Sarrazin vor. Der Rest ist unproduktiv, überflüssig.

Das ist sicherlich der Sinn dieser Diskussion.
Wie reduziert man den Anteil , der für den Unterhalt der mehrwertproduzierenden Bevölkerung gebraucht wird? Ganz ohne die geht es ja nicht wirklich.

Zum einen, indem man Löhne absenkt unter das Existenzminimum und vom Staat bezuschussen lässt, zum anderen, indem man die unproduktiven nicht mehrwertschaffenden Teile der Bevölkerung reduziert.
Die neoliberale Offensive, deren alten Argumente (Arme /HarzIV-Empfänger sind zu ungebildet, zu faul, unfähig am Arbeitsprozess teilzunehmen) wird durch die „neue“ Argumentation , die an die Diffamierung der islamischen Bevölkerung anknüpft, zur Integrationsdebatte aufgeblasen. Es müssen sich die vorher Gebashten nicht mehr angesprochen fühlen, sondern sie können sich einreihen bzw. mitmachen auf der Seite der „Guten“.
Logischerweise wird als „Lösung“ schwarze Pädagogik angeboten.
Buschkowky – Kindergeld halbieren, Eltern, die ihre Kinder nicht zur Schule schicken, Kindergeld entziehen, kein Elterngeld für Harz-IV-Bezieher.
Geschickt werden wie immer die Verursacher dieser Situation ausgeblendet und daraus ein individuelles Versagen konstruiert, dem mit Geboten und Verboten gegengesteuert wird.
Eine neue Runde im Ringen um neoliberale Hegemonie ist eingeleitet. Die alte Hegemonie ist durch die Weltwirtschaftskrise z. T. ihrer Wirkung beraubt oder hat sich selbst wiederlegt, eine neue stärker emotionalisierende an bestehende Vorurteile anknüpfende Argumentation muss die Hegemonie über die alte neoliberale Politik begründen, damit es so weiter gehen kann mit den Profiten 25 % Plus.

Diskutand 10.09.2010 | 17:26

Allein den Titel finde ich tendenziell in Richtung "Meinungsmache" gehend und überhaupt polemisch aufgezogen: "Deutsche! Denkt wilders!", und dies unter dem Stichwort: Rechtsintellektuelle. Liebe Frau Baureithel, muss das denn sein? Steht T. Sarrazin denn für die Deutschen? Wäre es nicht sinnvoller, durch Deutschland zu reisen und sich ein differenzierteres Bild von der Integrationssituation zu machen? Oder über die Integrationsprobleme allgemein (auch in anderen Ländern) zu schreiben? In diesem Sinne finde ich, könnten Sie, anstelle Ihre Aufmerksamkeit in intellektuelle Strohfeuer zu investieren, zur Aufklärung der einzelnen pathologischen Phobien und Ängste beisteuern und als Journalistin ein realistischeres Bild der Thematik zeichnen. Überhaupt ist es doch sehr ungeschickt, einen Philosophen und einen Politiker (mit verschiedenen Amtstätigkeiten) in einen Sack zu schmeißen, genießen sie doch unterschiedliche Freiheiten und Ansprüche in ihren Aussagen, Werken und öffentlichen Auftritten. Sie mischen in demselben aufgeblasenen Brei mit, der ohnehin zuviel Aufmerksamkeit erhält - ich schließe mich aus mehreren Gründen Herrn Querdenker an und würde mir von einer journalistischen Berichterstattung (oder Kommentar oder ...) ein wenig mehr Inhalt und politischen Gehalt wünschen. Gehen Sie doch mal auf die Fragestellungen ein? Denken Sie mal über die aufgeworfenen Probleme nach? Kritisieren kann jeder - nur darf man sich am Ende auch nicht wundern, wenn die Ausgaben für Kultur gekürzt werden. Ich hoffe in diesem Sinne, dass uns die Debatte mehr bringen wird als Ihre leere Meinungsmache. Mein Tipp: Gehen Sie doch mal zu den Türken, die um sie herum sind, wohnen oder arbeiten und sprechen Sie mit ihnen. Vielleicht bekommen Sie dann andere Einfälle und Gefühle zur aufgeblasenen Debatte um T. Sarrazin.

Diskutand 10.09.2010 | 17:39

Wenn ich Sie allerdings in Ihrer Kritik an der Elite und den Gefahren eines Machtwandels der Regierungstechniken hin zum Elitären ernstnehme, dann würde ich mir einen neuen Artikel genau zu diesem Aspekt wünschen. Eine Reduktion auf "Rechtsintellektuelle", auf Sarrazin, Sloterdijk und Bolz scheint mir dann allerdings zu wenig zu sein. Aber hierin würde ich die wirkliche Potenz subversiver Kritik einer Journalistin erkennen, die durch die aufgeblasenen Debatten hindurch das 'ruhende', 'stille' und 'harte' Problem in den Blick zu nehmen vermag.

Ulrike Baureithel 10.09.2010 | 17:46

Ich könnte mich jetzt hinter der Redaktion verstecken, denn den Titel stammt nicht von mir. Tue ich aber nicht: Ich finde ihn zwar etwas polemisch, aber das ist in Ordnung. Nachdem ich heute morgen der Pressekonferenz der neu zu gründenden Partei "Die Freiheit" beiwohnen durfte, finde ich ihn übrigens gar nicht mehr so polemisch...
Was die Reportagereise durch Deutschland betrifft: Nichts lieber. Nur wird mir das diese Redaktion nicht finanzieren (können). Aber Sie können gerne mal den Klingelbeutel rumgehen lassen. Und übrigens spreche ich durchaus mit "den" Türken um mich herum. Meine Erfahrung ist: Es gibt "DIE" Türken eben nicht. Genaus das aber will Sarrazin uns weismachen.

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kilton 10.09.2010 | 19:21

Ja, wo bleibt das Positive im kritischen Zeitungsartikel, wo bleibt es nur, Herr "Quer"denker?
Sie finden also einen hanebüchenen Weg verqueren Denkens zukunftsweisender als die Kritik eines Zusammenhangs, der auf dem Rücken der sowieso schon Abgekoppelten weiter ausgetragen werden soll? Mit ganz altem deutschen Unterton?
Zur Ideologie gehört eine starke Waffe: die Aufforderung zum Positiven! Dann mach doch. Ja, Du.

Diskutand 11.09.2010 | 13:33

Ein Postulat bleibt aber doch in jedem Falle bestehen: Setzen Sie sich mit den von Sarazzin aufgeworfenen Fragen und Problemen auseinander! Darin liegt ja das Aufgeblasene an der Debatte, dass alle kritisieren und entlarven und empört sind und... Aber wer traut sich, sich den benannten Probleme und Fragestellungen diskursiv und konstruktiv zu stellen? Es gab da mal eine Strömung in den akademischen Geisteswissenschaften, den Dekonstruktivisumus, der, weil er nur entlarvte und de(kon)struierte, bald aus der Mode gekommen ist - sollte in der journalistischen Praxis sein Dasein weiterfristen können und ein heimliches Zuhause gefunden haben?

Ulrike Baureithel 11.09.2010 | 15:26

Das Problem bei Thilo Sarrazin ist, dass er die Probleme, die es zweifelsfrei gibt, verquer, vereinfachend und weitgehend ohne eigene Anschauung vorträgt - das ist aber schon oft geschrieben worden. Sarrazins Welt ist eine statistisch verkürzte. Das wird am besten an dem Neukölln-Kapitel deutlich, wo der den Neuköllner Bürgermeister Buschkowsky als Bauchredner auftreten lässt. Ich glaube nicht, dass es Sarrazin tatsächlich um die Betroffenen und ihre Probleme geht, sondern er macht sie zum Objekt und insofern mit ihnen Politik, so wie mit unsäglichen Demographiediskurs u.ä. Politik gemacht wird.
Das zu benennen, hat m.E. nichts mit Dekonstruktivismus zu tun.

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Ehemaliger Nutzer 12.09.2010 | 18:43

Ein hervorragender Artikel. Inzwischen habe ich allerlei verharmlosende Kommentare überall im Internet gelesen. Sobald mal einer eine Satire mit O-Tönen aufschreibt (wie Thomas Assheuer in der ZEIT) - kommen sogleich Szenegelangweilte, und reden vom angeblichen "Angstschweiß" des Autors. "gähn", und "wie gestrig" alles wäre, das reicht als Argument. (Seite 3 in den Leserbriefen zu Assheuers Artikel, von einem "schrägoben". In der ZEIT gab es immerhin neben solchem Modegerede noch die meisten nicht angstvoll-islamophoben Lesermeinungen. Immerhin...).
Poser haben die Argumente längst nicht mehr nötig.
Dabei ist ja nicht neu, wie neo-konservativ viele Szenen seit vielen Jahren sind. Wie Feuilletons tatsächlich a la "FR" ab 1997 immerzu nur auf "Gutmenschen" und "political correctness" hauen. Wobei selten gesagt wird, was denn jeweils gemeint ist^^.
In der FAZ schäumten LeserbriefschreiberInnen, und manche fordern direkt eugenische Debatten! (den wüstesten Haß habe ich in Leserbriefen auf einen Artikel zu Sigmar Gabriels in der FAZ gefunden. Nur weil er in irgendeiner talkshow nicht wie Thea Dorn oder andere pro-Sarrazin argumentiert hat. "Gabriels Sternstunde nach Sarrazins Abgang", FAZ 10.9.2010 - dort sind die Leserbriefe oft unglaublich...)

Perlentaucher, Kultursendungen, viele Feuilletons - inzwischen ist eine Szene-Routine da. Man nimmt gleich welches Thema. Und kritisiert nur die, die Leute wie Sarrazin, Bolz, Sloterdijk, achgut.de usw nicht zustimmen. Medienerregungen sind für diese Szenen dazu gut, ein abertausendstes Mal wie der BR2-Zündfunk Leute, die man z.B. "80er-Schlaffis" nennt, niederzumachen.(Zitat Bruckmaier; ähnlich war es täglich im "Szeneradio" zu hören, mehrere hunderte Male). Niemand merkte, daß "fashion rulez"- Gerede, Phantasien von "Demos in Designeranzügen" (Zündfunk, 2003 im März) oder die "flachen Hierarchien" - einfach nicht in der Wirklichkeit jenseits von coolness vorkommen....Man übersah komplett die Bildung von Niedriglohnsektoren, zum Beispiel.

Neu ist, daß diesmal eine verunsicherte Mehrheit unter den Lesern nicht nach 2 Wochen mit dem Spuk aufhören wird. Manche Intellektuelle, die heute überall "Hypermoral" wittern - das wiederholt, mit Arnold Gehlen, im Grunde nur "Gutmensch", um es etwas flotter sagen zu können - könnten sich, falls tatsächlich eine weit rechte Partei a la Hamburger Schill-Partei gegründet würde, noch wundern.
Nicht alle islamophoben neocons erledigen sich von selbst. Noch weiß man nicht, ob das Geschrei bald nicht doch wieder aufhören wird. Aber die Mehrheit in den Kulturszenen kämpft noch immer gegen "die Gutmenschen", weil es so herrlich cool und wohlfeil ist, und Punkte bringt. Und das seit mehr als 15 Jahren. Kurz - wir haben erstaunlich viele indifferente, coole Gegner, denen sogar Sarrazins Gerede lieber ist als eine soziale Politik. Auf die selbsternannten "Starintellektuellen" in neurechten Parteien wär ich aber gespannt. Das Wort ist sehr witzig. Bolz als "Starintellektueller". Wohl ein bißchen viel im alten Cicero gelesen (der Chef ist ja jetzt bei Focus), mit Sloterdijk, Rainald Goetz, Maxeiner/Miersch und allen, denen es dort gefallen hat.