Die Austreibung des Schicksals aus der Poesie

Zwitter-Literatur Jeffrey Eugenides Familienepos "Middlesex" versöhnt den "gesprungenen Zusammenhang" und führt ins 21. Jahrhundert

Eigentlich verdankt Calliope ihr Leben der Gnade einer frühen Geburt. Würde sie nicht 1959, sondern im Jahre 2000 gezeugt worden sein, gäbe es sie möglicherweise gar nicht. Ihre Mutter Tessie wäre dann vielleicht in einen genetischen Check up geraten, bei dem das sehr seltene 5-alpha-Reduktase-Mangel-Syndrom diagnostiziert worden wäre. Es ist dafür verantwortlich, dass Callie zwar in einem anscheinend normalen weiblichen Körper heranwächst, in der Pubertät jedoch eigentümliche morphologische "Abweichungen" ausbildet und aus Callie am Ende einen Cal werden lässt.

Was also noch vor 40 Jahren "Schicksal" war - in diesem Fall die Folge inzestuöser Heiratspraktiken, durch die das 5. Chromosom mutiert und oft erst nach Generationen dafür sorgt, dass körperliches und hormonelles Geschlecht nicht identisch sind -, würde heute im Rahmen des Risikodenkens wenn schon nicht vorab vermieden, so doch nachträglich verändert, zugunsten eindeutiger Bestimmung "angepasst" oder auch als unerwünschtes Produkt entsorgt werden. Was ein Mann oder eine Frau biologisch "ist", soll bei allem gender trouble doch unterscheidbar sein! Weshalb Dr. Philobosian, der die kleine Callie auf die Welt holt, beim Blick zwischen ihre Beine nachdrücklich versichert: Ein Mädchen.

Doch vor der ärztlichen Entscheidung und ihrem folgenreichen Irrtum liegt eine Auswanderer-Odyssee, die Jeffrey Eugenides, mittlerweile auch hierzulande gefeierter Autor-Star, in zahlreichen Rückblenden filmisch aufrollt. Sie handelt von dem griechisch-stämmigen Geschwisterpaar Desdemona und Lefty Stephanides, das nach dem türkischen Überfall auf Smyrna (dem heutigen Izmir) aus Kleinasien flieht und nach Amerika auswandert. Ihre verwandtschaftliche Beziehung "spielend" verleugnend und sich damit eine neue Identität aneignend, heiraten die beiden noch auf der Überfahrt.

Ihre erste Anlaufstation ist Detroit, dort bleiben sie bei ihrer Cousine Sourmelina und Zizmo hängen. Lefty schlägt sich als Fließbandarbeiter, Alkoholschmuggler und Gastwirt durch und legt die Grundlage für den späteren Aufstieg seines Sohnes. Desdemona, die um das Orakel und die bösen Folgen des Inzests weiß, zieht sich von ihm zurück. Doch bei Sohn Milt, dem Prototyp des aufsteigenden Einwanderers der zweiten Generation, geht alles gut. Nur dass er ausgerechnet seine Cousine Tessie heiraten muss, bereitet Desdemona Alpträume.

All dies erzählt der mittlerweile als Kulturattaché in Berlin lebende Cal aus der Perspektive des Jahres 2001: allwissend, vorausschauend, stets den Überblick wahrend und den Leser fürsorglich in den Seidenfaden schnürend, den seine Großmutter, die Seidenspinnerin, aus der Alten in die Neue Welt gerettet hat. Schnittsicher und gefällig koloriert, liefert er (respektive sein Schöpfer) Bilder der aufstrebenden Autostadt, in der Ford selbstbewusste Arbeiter in Maschinenanhängsel verwandelte, Ansichten aus der Prohibitionszeit und Einblicke in die Rassenunruhen der sechziger Jahre, als die mavros Detroit kurzzeitig in den Ausnahmezustand versetzten. Wir werden Zeuge der arroganten Verständnislosigkeit der Weißen und ihrer Status erhaltenden Flucht an die städtischen Peripherien. Auch die Familie Stephanides zieht es an den Rand, an den Middlesex-Boulevard, an dem auch der Autor aufgewachsen ist.

Doch im Haus ohne Wände und mit den vielen Fenstern blüht kein amerikanischer Traum, sondern ein dunkles Omen hängt über ihm. Denn Callie, gerade in die Pubertät gekommen, entdeckt zunächst noch ganz unbewusst, dass sie "anders" ist, einen "falschen Körper" bewohnt. Dass sie "wie ein Mann funktioniert", kann Callie erst viele Jahre später, schon zu "Cal" geworden, sagen. Damals, am Middlesex in den siebzigern, gibt es die anfängliche Irritation, das Schamgefühl, das Versteckspiel, die erste, "falsch" gepolte Begierde. Das rezessive Gen hat sich durchgesetzt: Nicht Fisch, nicht Fleisch. Nur dieser knospende Krokus zwischen den Beinen, der "das Herz auf der Zunge" trägt - und die Eugenidesche Lesegemeinde ab sofort ausgiebig traktiert.

Nachdem sich ihr Zustand nicht mehr verleugnen lässt, wird Callie zu einem interessanten medizinischen "Fall", zu einem "Kaspar Hauser" der Sexualmedizin: "Meine Genitalien waren das Bedeutsamste, was mir je widerfahren ist". Was heute das Gen, war damals die "Umwelt", die Callie zu einem Mädchen "gemacht" hat. Ihr ist Tribut zu leisten, um den Preis der Lustfähigkeit und der sexuellen Identität.

Hier hätte die Leidensgeschichte der vielen Intersexuellen beginnen können, die nach gutachterlichem Gutdünken eindeutig "hergerichtet", operativ zugerichtet wurden und werden. Doch die 14-jährige Callie entzieht sich, wenig glaubhaft übrigens, der ärztlichen Allmacht durch Flucht: aus dem Krankenhaus, der Stadt, der Familie, die nur "ihr Bestes" will. Sie "desertiert" aus ihrem weiblichen Körper, "lernt, männlich zu sein". Nichts passt zueinander, die Teile sind gespalten, doch der Unterscheidungszwang ist rigide, am schlimmsten dort, wo die Bedürfnisse am ursprünglichsten sind: "In Restaurants ging ich nun auf die Herrentoilette. Das war wahrscheinlich die schwerste Anpassung."

Wissenschaftlich durchaus informiert nimmt Eugenides seine Leserschaft an die Hand, doziert, klärt auf, dokumentiert in schönster neusachlicher Manier Gutachten, führt durch das zur Schwulenmetropole aufsteigende San Francisco, in die einschlägigen Etablissements, wo Callie, nun Cal, die Besonderheit ihres Körpers in (Über-)Lebensmittel ummünzt. Auch wenn dabei Inter- und Transsexualität ("falsche" Geschlechtsidentität in einem eindeutigen Körper) gelegentlich durcheinandergeraten und nicht alle diesbezüglichen Theorien so holzschnittartig daher kommen, wie Eugenides glauben machen will, bleiben die zahlreichen medizinischen, sexologischen, zeithistorischen und mythologischen Exkurse doch immer leichtschüssig eingewebt in den Erzählstoff. Meist ernsthaft, mitunter auch ironisch, zum Beispiel wenn Milts "Temperaturmethode", die schließlich zur Zeugung Callies führt, vorgestellt wird. Eine leichte, durchaus bekömmliche Lektüre, kaum theoretische Verdauungsbeschwerden befördernd.

Warum ausgerechnet die US-amerikanische Literatur des 21. Jahrhundert das Familienepos wieder belebt - vor einem Jahr hat bekanntlich Jonathan Franzen in seinen Korrekturen dem amerikanischen Mittelwesten seine Reverenz erwiesen - wäre ein Thema für sich; vielleicht sind die "gesprungenen Zusammenhänge" (wie Bloch sagen würde), die die Globalisierung zeitigt, nur noch genealogisch aufzuarbeiten und zu versöhnen.

Allerdings ist der Eugenideschen Familien-Saga ein Subtext unterlegt, der den traditionellen bürgerlichen Familienroman konterkariert. Middlesex kann nämlich auch als Geschichte gelesen werden, die von der Vertreibung des Schicksals aus der Poesie handelt. Hätte nämlich Tessie Desdemonas Pendel vertraut, dann hätte sie gewusst, dass da in ihrem Bauch ein Junge wächst, ganz gleich, was die Ärzte behaupten. Und wäre Milt, Callies Vater, nicht so ein wissenschaftsgläubiger Narr gewesen, dann hätte sich vielleicht ein anderes Samenkorn seinen Weg gesucht und aus Calliope wäre ein "richtiges" Mädchen geworden oder eben ein Sohn.

Aber nichts geschieht im Jahre 1959 noch aus innerer Notwendigkeit, an der sich das Schicksal misst: Nicht die Heirat zwischen Desdemona und ihrem Bruder Lefty; nicht die Wiederholung des Inzests durch Tessie und Milt, nicht die Begegnung von Cal und Julie im Nachwende-Berlin, das in heutigen Romanen offenbar nicht fehlen darf. Völlig unmotiviert ist gar die actionheischende Verfolgungsjagd durch Detroit, die mit Milts Tod im Fluss endet. An solchen höchst überflüssigen, den ansonsten eher dahin plätschernden Erzählfluss stauenden Schwellen spürt man den cineastischen Verwertungsblick des Autors, dem es allerdings an der routinierten Raffinesse eines Michael Crichton mangelt.

Wo der Zufall schicksalhaft zuschlägt, wie bei der nicht vorhersehbaren Chromosomenmutation, sucht eine aufgeklärte Generation Hilfe bei der Wissenschaft: Schnittfreudige Sexualmediziner versprechen Abhilfe, ebenso wie Genetiker, die das "Malheur" von vornherein auszuschließen suchen. Wer sich nicht auf den OP-Tisch legen mag, kann sich auch der Intersexuellen-Bewegung anschließen, die ihr Zwitter-Schicksal chiliastisch aufpeppt: "Wir sind das, was als nächstes kommt".

Insofern Schicksal handhabbar und verfügbar vorgeführt wird, ist Eugenides Familiendrama also durchaus modern. Wer vorgibt, seinen "Körper verlassen" zu können, um "andere zu bewohnen", wie Cal eingangs formuliert, hat sich fest ans Rad der Zeit gekettet und baut sich seinen eigenen Tempel, in dem es keine Fallhöhe mehr gibt. Musste sich Desdemona bei ihrer Einreise in die USA noch gefallen lassen, dass man sie ihrer Haare beraubte, wird sich Callie 50 Jahre später ganz freiwillig dazu entschließen, mit dem Haarschnitt auch ihre sexuelle Identität zu ändern.

When Biology becomes Destiny - was einmal die Frauenbewegung umtrieb, scheint überwunden. Was literarisch dabei herauskommt, wenn das biologische Schicksal in tragikfreien, modischen Erzählstoff umgearbeitet wird, lässt Eugenides durch Cal mitteilen: "Es ist mir gleich, ob ich ein großes Buch schreibe, es soll nur eines sein, das, mit welchen Schwächen auch immer, als Dokument meines Lebens Bestand hat." Understatement? Eher Zustandsbeschreibung der neuesten Zwitter-Literatur.

Jeffrey Eugenides: Middlesex. Deutsch von Eike Schönfeld. Rowohlt Verlag, Hamburg 2003. 733 S. 24,90 EUR

00:00 06.06.2003
Geschrieben von

Ulrike Baureithel

Autorin und Vielfachbewegte in Berlin
Ulrike Baureithel
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