Die Ethik-Rätin zahlt selbst

Porträt Christiane Fischer kämpft gegen Korruption in der Medizin. Inzwischen ist ihre Initiative MEZIS zehn Jahre alt

Begonnen hat es vor genau zehn Jahren in einem fensterlosen Raum im Frankfurter Hauptbahnhof. Zehn Aktivisten hatten sich dort zusammengefunden, um der Bestechlichkeit in der Medizin etwas entgegenzusetzen. „Wir waren beunruhigt“, erinnert sich Christiane Fischer, „weil das sensible Verhältnis zwischen Patienten und Ärzten wie Ärztinnen immer mehr gestört wurde.“ Inspiriert von der US-Bewegung „No Free Lunch“, einer Anti-Korruptions-Initiative in der Medizin, hoben sie MEZIS aus der Taufe. „Die Reaktionen waren gemischt, die Öffentlichkeit begegnete uns weitgehend positiv, es gab aber auch Ärzte, die um den guten Ruf der Ärzteschaft und um ihre Einkünfte besorgt waren.“

MEZIS – das ist die Abkürzung von „Mein Essen zahl ich selbst“, die manifestiert, dass die im Projekt aktiven Mediziner kein Geld und keine verdeckten Zuwendungen und Geschenke von der Pharmaindustrie annehmen. So konkret diese Ansage ist, so handfest und bodenständig wirkt auch die Ärztin Christiane Fischer. Zunächst bei der BUKO Pharma-Kampagne, führt die heute 50-Jährige nun nicht nur die Geschäfte von MEZIS, sondern ist zudem in zweiter Amtszeit Mitglied des Deutschen Ethikrats. In einem Designer-Kostüm hat man sie auch dort noch nicht gesehen, eher in weit geschnittenen Kleidern und Hosen, vielleicht eine Reminiszenz an ihre Zeit in Indien. Wenn sie spricht, macht sie Pausen, hebt wieder an, langsam und eindringlich, als wolle sie das, was sie zu sagen hat, ihrem Gegenüber ins Herz pflanzen.

Sie hat einiges zu sagen. Über Korruption und das endlich in Kraft getretene Antikorruptionsgesetz etwa. „Ich bin sehr froh, dass es das gibt“, sagt Fischer, die selbst Gutachten geschrieben und an der Debatte teilgenommen hat. Endlich sei es möglich, Ärzte strafrechtlich zu belangen, wenn nachgewiesen werden kann, dass sie sich direkt von der Pharmaindustrie bestechen lassen. „Wenn aber Geld um die Ecke fließt, etwa wenn ein Unternehmen 10.000 Euro für einen Vortrag bezahlt, kann der Staatsanwalt noch immer nicht zugreifen. Immerhin hat das Gesetz bewirkt, dass die Leute vorsichtiger geworden sind, es hat abschreckende Wirkung.“

Vom freiwilligen Transparenzkodex hält sie dagegen nichts: „Nach dem Physician Payments Sunshine Act müssen die US-Pharmafirmen offenlegen, wer wie viel Geld erhält. Das ist wirklich gut.“ In Deutschland, wo das nur freiwillig stattfinde, bringe das gar nichts: „Das ist eher ein Gesetzverhinderungspaket, so wie bei den Frauen in den Aufsichtsräten, wo man dadurch ebenfalls versucht, ein entsprechendes Gesetz zu verhindern.“

Handlungsbedarf sieht Fischer auch bei den ärztlichen Behandlungsleitlinien der Fachgesellschaften. „Da gibt es zum Beispiel eine von der Pharmaindustrie gesponserte Leitlinie der Deutschen Gesellschaft für Neurologie, die einen neuen Durchblutungsverdünner zur Prophylaxe von Schlaganfällen empfiehlt, und es gibt eine andere der Deutschen Gesellschaft für Allgemeinmedizin, die empfiehlt, diese Medikamente nur anzuwenden, wenn die Vitamin-K-Antagonisten nicht greifen, also Medikamente wie Marcumar.“ MEZIS fordert, dass in solchen Kommissionen nur noch Leute ohne derartige Interessenkonflikte sitzen.

„Korruption im medizinischen Bereich gibt es aber weltweit“, stellt Fischer fest, und als sollte diese Aussage unterstrichen werden, treffen immer mehr Vertreter aus aller Herren Länder im Haus der Demokratie in Berlin zur„No Free Lunch“-Konferenz ein, die anlässlich des zehnjährigen MEZIS-Jubiläums stattfindet. Fischer lässt sich davon nicht ablenken: Patienten bezahlten Bestechungsgelder dafür, überhaupt behandelt zu werden. Und es gebe die mittelbare Bestechung, Fortbildungspunkte für von der Pharmaindustrie gesponserte Veranstaltungen, Arzneimittelverordnungen, die via Geschenke befördert werden, kleine und größere Gefälligkeiten aller Art. „Es handelt sich um ein globales Problem.“ Auf der Pressekonferenz werden die Gäste aus Chile und Brasilien, aus Italien und Indien später erzählen, welche Auswirkungen Korruption für die arme Bevölkerung ihrer Länder hat.

Christiane Fischers Engagement geht zurück auf ihr Studium, denn neben Medizin hat sie in Heidelberg auch Theologie studiert und war in entwicklungspolitischen Zusammenhängen aktiv. „Damals sprach noch kein Mensch von Public Health, das gab es nicht. Aber ich dachte, man müsse globale Gesundheit fördern.“ Hans-Joachim Diesfeld vom damaligen Tropeninstitut Heidelberg, bei dem sie ihre Doktorarbeit über Dorfgesundheitsarbeiterinnen in Indien geschrieben hat, habe sie auf diesen Weg gebracht.

Das Menschenrecht auf den möglichst besten Gesundheitszustand für alle: Das ist die zentrale Forderung Fischers und ihrer Initiative. Die Leute sollen bekommen, was sie brauchen, nicht unbedingt das, was sie wollen. „Wenn jemand HIV hat, muss er Zugang zu den entsprechenden Medikamenten haben. Wenn jemand zu dick ist, soll er abnehmen, statt Pillen zu nehmen.“ Klingt ziemlich apodiktisch. Doch sie ist auch überzeugt, dass Arzneimittel preisgünstig produziert werden können, wenn die Forschung öffentlich ist und nicht mehr Unmengen von Geld in Marketing und Bestechungsgelder gesteckt werden. „Eine zehnwöchige Behandlung mit dem Hepatitis-Mittel Sofosbuvir kostet in den USA 84.000 Dollar, hierzulande 42.500 und in Indien 400 Euro, alles mit Gewinn. Dasselbe Medikament, dieselbe Forschung, aber in einem Land gibt der Markt mehr her als in einem anderen.“

Ob sie sich noch immer als Aktivistin verstehe? Ja, sagt sie schlicht. „Wir haben viel zu wenige“, setzt sie hinzu.

06:00 27.09.2017
Geschrieben von

Ulrike Baureithel

Autorin und Vielfachbewegte in Berlin
Ulrike Baureithel

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