Die Gewährsleute der Erinnerung sterben aus

Literatur Ein neuer Quellenband über die europäische Judenverfolgung erinnert uns an das immer schwerer zu Erinnernde
Die Gewährsleute der Erinnerung sterben aus
Der Schweizer Autor Lukas Bärfuss kurz vor der Verleihung des Georg-Büchner-Preises

Foto: Thomas Lohnes/Getty Images

Wir erinnern uns nur an das, woran wir uns erinnern wollen, an jene Dinge, die nicht wehtun, schreibt Nora Bossong sinngemäß am Ende ihres neuesten Romans Schutzzone. Das gilt für die kriegsversehrte afrikanische Gegenwart, die sie verhandelt, nicht minder als für die deutsche und europäische Vergangenheit. Beobachten kann man das auch, wenn ein oder zwei Mal im Jahr ein neuer Quellenband der Edition Verfolgung und Ermordung der europäischen Juden vorgestellt wird und die Schauspielerin Anette Daugardt Überlieferungen von Tätern und Opfern verliest wie vergangene Woche wieder im Berliner Centrum Judaicum. Betroffene, schmerzlich verzogene Gesichter angesichts des Grauens, das überspringt aus den Dokumenten dieses ambitioniertesten geisteswissenschaftlichen Unternehmens, das die Deutsche Forschungsgemeinschaft in diesem Bereich je gefördert hat. Die menschfremde Kälte selbst der funktionsniedrigsten Peiniger gegenüber der ungläubigen und herzzerreißenden Aufgestörtheit derer, die ahnen, was ihnen bevorsteht, fasst an.

Denn die, die aus den Quellen sprechen, haben keine eigene Stimme mehr, und es braucht uns, die Nachgeborenen, die ihnen Gehör verschaffen, die den vielstimmigen Echoraum in die Zukunft öffnen in dieser geschichtsvergessenen Zeit. Daran erinnert auch der Schriftsteller Lukas Bärfuss anlässlich seiner Dankesrede zum Büchner-Preis: „Falls man dem Menschen die Möglichkeit geben will, aus der Geschichte zu lernen, wäre die erste Voraussetzung, dass er sich dieser Geschichte erinnert“, mahnt er. „Aber leider vergisst er es so leicht und oft vergisst er gerade die entscheidenden Lektionen.“

Trotz aller historischen Präsenz räumt er ein, dass er auch vergessen hat. So musste ihn die Musikerin Esther Bejarano daran erinnern, dass es keine nennenswerte Entnazifizierung gegeben habe, und er wusste auch nicht, dass der Schwiegervater des ersten sächsischen Ministerpräsidenten unter den Nazis Zwangsarbeiter beschäftigt hatte, unter anderem in Auschwitz. Sie seien also nicht plötzlich wieder da, die Nazis, nein, sie seien nie weg gewesen. Aber bald werde er ohne seine Lehrer, die ihn das Erinnern gelehrt hätten, auskommen müssen. Davor habe er Angst. „Wer den letzten Krieg vergisst, bereitet schon den nächsten vor.“

Einer, der diese Erinnerung an nicht erwartbarer Stelle über Jahrzehnte hin wachgehalten hat, war der 1921 in Breslau mit jüdischen Wurzeln geborene Walter Boehlich, zwischen 1979 und 2001 Kolumnist der Satirezeitschrift Titanic: „Es darf wieder gestorben werden“, schreibt er in einer seiner Kolumnen im März 1991, „aber es sterben nicht die, die den Krieg gewollt haben.“ Nachzulesen ist das und vieles Vergessene in einer schönen Textauswahl des Verbrecher-Verlags.

Die Gewährsleute der Erinnerung sterben aus. Irgendwann werden die letzten Zeitzeugen gestorben sein, in der Hoffnung, dass wir ihr Archiv weitertragen. Nicht als museal, nicht in staatstragender oder chauvinistischer Umdeutung, sondern lebendig, schmerzend, anfassend. Wie erzähle ich meinen Kindern, fragt sich Lukas Bärfuss, dass mein Werk in weiten Teilen ein Zeugnis für die menschliche Niedertracht und Grausamkeit ist?

Unsere Mitarbeiterin Ulrike Baureithel ist Übersetzungslektorin der Edition Verfolgung und Ermordung der europäischen Juden, deren 13. Folge gerade erschienen ist

06:00 07.11.2019
Geschrieben von

Ulrike Baureithel

Autorin und Vielfachbewegte in Berlin
Ulrike Baureithel
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