Die Leere des Augenblicks

Ungelebtes Leben In "An einem Tag wie diesem" träumt Peter Stamm eine männliche Midlife Crises und schafft nur ein blasses Abziehbild

Meine Erinnerung an gute Bücher, hatte Peter Stamm einmal in Bezug auf seinen Roman Ungefähre Landschaft erklärt, ist wie die Erinnerung an Träume. Wenn er sich an Bücher erinnere, dann immer nur an ein paar Bilder, an wenige Augenblicke. Er versuche, mit seiner Prosa, diese Momente einzufangen, weil auch wir, wenn wir auf unser Leben zurück blicken, nur an diese wenigen Augenblicke denken, die wichtig sind und für Jahre stehen.

In seinem 1998 erschienenen Debütroman Agnes - die Geschichte zweier Menschen, die sich zufällig in einer Bibliothek in Chicago treffen, das Kommende "eingreifend" zu gestalten versuchen und von der aufgeschriebenen, vorweg genommenen Erfahrung eingeholt werden - ist es dem in Winterthur lebenden Stamm meisterhaft gelungen, einen solchen Moment einzufangen und in Schwebe zu halten. Auch Stamms erster Erzählband Blitzeis lebt von diesen besonderen Augenblicken, die Jahre nachwirken: In Passion ist es der Abend, an dem Maria für die Urlaubsgesellschaft kochte; in Treibgut ein zufälliger Ausflug nach Block Island; in Das reine Land die Silhouette einer Tänzerin im gegenüberliegenden Haus, die die Phantasie des Erzählers antreibt. Nicht die Handlung, sondern das Atmosphärische, "Impressionistische" - in Agnes motivisch mit Seurats Gemälde Un Dimanche d´été à l´Ile de la Grande Jatte eingeführt - steht im Mittelpunkt.

So etwas Ähnliches muss dem Autor auch bei seinem neuen Roman An einem Tag wie diesem vorgeschwebt haben. Erzählt wird die Geschichte von Andreas, den es aus einem kleinen Schweizer Dorf an der Grenze zu Deutschland nach Paris verschlagen hat und der dort seit vielen Jahren mehr oder minder begabten Schülern an einem Vorort-Lycée Deutsch beizubringen versucht. Andreas gehört (wie sein Schöpfer aus dem Jahrgang 1963) der Generation Fourty-something an und lebt in einer eigenartigen Leere. Von der tagtäglichen Schulroutine abgesehen, wird sie nur gefüllt von zwei anderweitig gebundenen Geliebten (Nadine, Sylvie), die zeitversetzt in der Eigentumswohnung empfangen werden, einem Kollegenfreund (Jean-Marc), mit dem ihn wenig verbindet - und einer Erinnerung, die Ausgangspunkt - der "Augenblick" - der Geschichte ist und auf die er durch eine banale Schullektüre wieder gestoßen wird.

Denn Andreas kann Fabienne, "Butterfly", wie er sie nannte, ein französisches Au-Pair-Mädchen, das er vor vielen Jahren, noch als Schüler, in seinem Dorf kennen gelernt hat, nicht vergessen. Der Augenblick am Weiher, als er sie, die "schöne Statue", zum ersten Mal küsste, hat sich in sein Gedächtnis eingegraben und funkt immer dazwischen, wenn er mit anderen Frauen zusammen ist. Mehr als dieser Kuss ist mit Fabienne nie passiert, denn während Andreas das Dorf verließ, ist sie später zurückgekehrt und hat seinen besten Freund, Manuel, geheiratet. Es ist der Stachel der ungelebten Möglichkeiten, die sich mit diesem Kuss verknüpfen und den Protagonisten daran hindern, sich auf andere Beziehungen einzulassen.

Eine alltägliche Geschichte, von der Leserschaft wohl x-fach geteilt. Die Unbedingtheit einer ersten Liebe, die verpasste Chance und der bittersüße Blick über die Schulter: Was hätte nicht alles sein können. Dass die Hauptfigur in Stamms Roman von dieser Fiktion fast 20 Jahre nicht loskommt, dass er, um es salopp zu formulieren, die Frauen, mit denen er zusammen ist, verarscht, die im Dorf zurückgebliebene Familie meidet und aus einer Laune heraus seinem besten Freund nicht nur die Geliebte (Delphine) ausspannt, sondern auch bereit ist, mit dessen Frau (Marthe) ins Bett zu gehen, macht ihn zu einem, wenn auch nicht sonderlich originellen pathologischen Fall. Ein bisschen gönnt man es dem Dreckskerl sogar, dass er ins diagnostische Fadenkreuz gerät. Aus Angst vor der Wahrheit holt er den Befund seiner Gewebeentnahme aber gar nicht erst ab.

Vielmehr reißt bei Andreas plötzlich die dünne Leine, die ihn an Paris fesselt. Er verkauft Eigentumswohnung, kündigt den Job, rangiert die beiden Geliebten aus und fühlt sich "ballastlos" wie nie. Kurz entschlossen setzt er die viel jüngere Referendarin Delphine in einen nostalgischen ZweiCeVau und rauscht mit ihr die französische Autobahn hinunter via Schweiz, das Dorf als Ziel. Dass Delphine von Cabrets Chanson-Oldies und dem Schweizer Spielzeugdorf so wenig begeistert ist wie Andreas von Inlineskates und Grillpartys mit Spontanbekanntschaften, sprich, dass sie nicht besonders gut zusammenpassen, ignoriert das Paar vorerst.

Denn das eigentliche Ziel für Andreas ist ja nicht die "Hochzeitsreise" mit Delphine, die bei ihm vergeblich "den Funken Liebe im gefrorenen Herzen" zum Glühen zu bringen versucht, sondern das Wiedersehen mit Fabienne. Überwältigt von der plötzlichen Vertrautheit der Landschaft, des Dorfes, versucht Andreas die entgangenen "Möglichkeiten" auszumessen, obwohl er doch erklärtermaßen nicht "an die ewige Liebe" glaubt.

Sinnverlust, Burn-Out-Syndrom, die Aussicht auf eine unheilbare Krankheit, das damit verbundene Gefühl, nicht richtig gelebt zu haben und der wehmütige Blick zurück: Peter Stamm hat alle Klischees für einen fulminanten Midlife-Crises-Roman zusammengerührt und aufbereitet. Wer wüsste nicht um die "Gleichheit der Tage", die Halt geben? Wer kennt nicht das Gefühl, das Leben sei eine "immergleiche Liste"? Oder die Neigung bindungsängstlicher Männer, Frauen auf Abstand zu halten: "Andreas hatte immer darauf geachtet, nicht zu sehr geliebt zu werden. Er hatte die Verunsicherung nicht ertragen, die Abhängigkeit."

Es sind solche Plattitüden, die den Roman zum Ärgernis machen. Wer mit derlei psychologischen Allgemeinplätzen aufwartet, braucht sich nicht zu wundern, dass sein Protagonist von einer Unglaubwürdigkeitsfalle in die nächste tappt. Nachvollziehbar vielleicht, dass Andreas lebenslang von einer "Butterblume" zur nächsten fliegt; verständlich auch, dass er sich dem Wissen um die Krankheit entzieht. Aber der Aufstand dieses Kerls im Dorf, wie er sich an Fabienne heranmacht und ihr dann mit einer Art "heiterer Gleichgültigkeit" den Rücken kehrt, als sie ihm signalisiert, ihr Leben nicht ändern zu wollen (natürlich erst, nachdem sie das Verpasste nachgeholt haben)? Dass er sich einfach umdreht, in sein Auto steigt und Delphine, der er gerade den Laufpass gegeben hat, hinterherfährt, als sei nichts passiert? Und diese blöde Kuh ihn wieder in die Arme schließt?

Dass dieser Andreas eine ziemlich gewöhnliche Nummer ist, würde man ihm verzeihen; aber so durchschnittlich rücksichtslos, wehleidig und egozentrisch er auch daherkommt, er setzt das, was Stamm ihm andichtet, einfach nicht an: Da ist kein bisschen Mark in den Knochen, da fehlt das literarische Fleisch, das zu sezieren, an dem sich zu delektieren wäre. Er bleibt eine blasse Variante des Ich-Erzählers aus Agnes, der dort schillert in der Spiegelung seines weiblichen Konterparts und durch die Vagheit der Situation. Die Frauenfiguren, das zeigt auch der Roman Ungefähre Landschaft, liegen Stamm ohnehin besser.

In An einem Tag wie diesem dagegen weiß man schon zu Beginn, dass Andreas nicht wird nachholen können, was ihm jahrzehntelang nachgeht. Dass er, zurückgekehrt in die Heimat, aus der Deckung kommt, seine "Tarnung" aufgibt, ist ein mittelmäßiger Plot. Versöhnung allenthalben, und am Ende die Weite des Atlantiks, mit Andreas als winzigem, verlorenem Punkt.

Schade drum. Denn Peter Stamm ist ein fesselnder Erzähler. Doch die Mittelalterkrise ist eben kein träumerischer Moment, sondern langwierig und eine schwer erträglicher Zivilisationszustand, aus der wenig impressionistisches Feuer zu schlagen ist.

Peter Stamm: An einem Tag wie diesem. Roman. S. Fischer, Frankfurt am Main 2006, 205 S., 17,90 EUR

00:00 06.10.2006
Geschrieben von

Ulrike Baureithel

Autorin und Vielfachbewegte in Berlin
Ulrike Baureithel

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