Du bist schuld an allem

Erschöpft Beruf, Familie und Beziehung: Frauen können und wollen überall optimal sein. Sie lassen sich ausbeuten
Du bist schuld an allem

Foto: Tim Clayton/Corbis/Getty Images

Man erkennt sie am Armband, an den schicken kleinen Wearables, mit denen sie sich einem gesundheitspädagogischen Selbstversuch unterziehen. Mit Jowbone, Fitbit, Smart- oder Googlewatch am Handgelenk gehören sie zur neuen Elite der Selbstanpasser und Datenjunkies, die körperbezogene Informationen wie Pulsfrequenz und Blutdruck erheben und bereitwillig an die Medizin-Apps der Großkonzerne weiterleiten. Bewegungs- und Trinkgewohnheiten, aber auch gesundheitsabkömmliche Aufregungen flottieren unkontrolliert im Datenspace. Die individuelle Selbstvermessung ist auf dem Vormarsch.

Was als männliche Konkurrenzlust in der Kombination von Spiel und Technik begann, hat inzwischen auch die Frauen erfasst und ist – zusammen mit dem Preis für das Spielzeug – in breite Schichten abgesunken. Doch während es Männern vor allem um das Kräftemessen, um den Wettbewerb geht und sie auf diese Weise der Prävention frönen, hat das Selftracking bei Frauen eine andere Funktion.

Deren Selbstoptimierung des Körpers ist verbunden mit schönheitsorientierten Anforderungen, die jedoch kaschiert werden mit gesundheitsbezogenen Argumenten: Das Jogging ist kein Kotau vor einer perfekten Figur, sondern dient dem Wohlbefinden, der mehr oder weniger radikale chirurgische Eingriff in den Körper ist nicht der Reflex auf ein Schönheitsideal, sondern erhöht den beruflichen Marktwert.

100 Jahre Frauenwahlrecht

1918, vor einhundert Jahren, durften in Deutschland Frauen das erste Mal an die Wahlurne treten. Grund genug für die Freitag-Redaktion, zum Internationalen Frauentag die Hälfte dieser Ausgabe der Hälfte der Menschheit zu widmen: Frauen. Eine Ausgabe, die das Jubiläum von 100 Jahren Frauenwahlrecht zum Anlass nimmt, um sowohl an den Kampf von Frauen- und Wahlrechtlerinnen in Deutschland, England und der Schweiz zu erinnern als auch den Blick über die Historie hinaus zu weiten. Wir rücken den Druck, dem Frauen heute ausgesetzt sind, in den Fokus:

Wie sie es auch anstellen, irgendetwas daran ist immer falsch. Warum? Weil es kein eindeutiges Frauenbild gibt, so wie noch vor einigen Jahrzehnten? Dafür gibt es jede Menge vorherrschende, meist eindimensionale Zuschreibungen: Weibchen mit Kernkompetenz für Kinder, Küche, Vorgarten. Oder machthungrige Karrierefrauen, denen feminine Eigenschaften abhandengekommen sind.

Haben Frauen eine andere Wahl? Dürfen sie einfach so sein, wie sie nun mal sind: stark, schwach, Mutter, kinderlos, Chefin, Hausfrau? So unterschiedlich also wie das Leben selbst? Und eine Wahl jenseits der fakultativ-obligatorischen Möglichkeit, über den Bundestag, ein Kommunal- oder Landesparlament mitzuentscheiden?

Lesen Sie selbst!

Das hat, soweit sich die Selbstoptimierer nur auf dem Feld von Fitnessstudios oder unter freiem Himmel ausleben, im Ergebnis wahrscheinlich sogar positive Effekte und ist höchstens datenschutzrechtlich bedenklich oder wenn intime Zonen tangiert werden, etwa der Hochleistungssport im Bett. Doch wie steht es mit der zunehmenden Selbstzurichtung, die sich auf alle Lebensbereiche ausweitet, auf den Beruf, die Kindererziehung oder die Partnerwahl? Und was macht das mit Frauen, die schon durch ihre Sozialisation traditionell empfänglicher sind dafür, äußere Anforderungen zu erfüllen und mit Rollenkonflikten zu jonglieren?

Und eingeübt wird das schon früh. Mit digitalen Tagebüchern und Menstruationskalendern wie Natural Cycles, Mein Kalender oder Over View lernen Mädchen, ihren Zyklus zu beobachten und zu interpretieren, ihre fruchtbaren Tage zu bestimmen und ihre damit verbundene Flirtbereitschaft. Sie werden trainiert, ihre Gestimmtheit einzuschätzen, sich unablässig selbst zu kontrollieren und sich nach von außen an sie herangetragenen Vorstellungen zu modellieren.

Mood Panda, hilf!

Als Erwachsene greifen sie dann vielleicht zu Apps, die wie The Birdy ihre Finanzen kontrollieren, mit Mood Panda die schlechte Laune vertreiben oder mittels Quantified Mind zu geistigen Höchstleistungen verhelfen sollen. Digitale Coaches und Optimierer überfluten derzeit den Markt und verbreiten die Hoffnung, dass sich alle Probleme auf diese Weise lösen lassen, auch wenn Hartz IV objektiv nicht zum Leben reicht und Arbeitslosigkeit nicht durch gute Laune erledigt werden kann. Immerhin steht für die Familienplanung nun nicht mehr nur die Pille zur Verfügung, sondern auch die vorsorgliche Konservierung weiblicher Eizellen und die optimierte Auswahl des Nachwuchses, allesamt Strategien der Selbstoptimierung.

Für Susanne Ihsen, Professorin für Gender Studies in München, lauten die Botschaften dahinter: Ich bin nicht o. k., so wie ich bin. Ich kann das aber ändern (was durchaus nicht immer der Fall war), so Ihsen auf dem Frauengesundheitskongress „Selbstoptimierung bis zur Erschöpfung“. Und mehr noch wird heute auch vermittelt: Ich muss das ändern.

Wer im Beruf Erfolg haben will, das wissen Frauen ohnehin, muss besser sein als die Männer. Und dabei noch unter Beweis stellen, dass frau das „Kleinunternehmen Familie“ ohne Reibungsverluste und Betriebsunfälle zu managen weiß, eine gute Mutter ist und selbstverständlich auch eine attraktive Partnerin, allerdings nicht mehr freigestellt dafür, ihrem Gatten das Ohr zu leihen und ihn aufzurichten.

Dabei stünden sich jedoch die Optimierungsbemühungen ständig gegenseitig im Weg, analysiert die Frankfurter Soziologin Greta Wagner. Es sei unmöglich, seinen Beruf optimal auszufüllen, ein guter Familienmensch zu sein und dabei auch noch vollkommen fit und ansehnlich. Das gilt für beide Geschlechter, aber da Frauen noch stärker auf die Erfüllung von Erwartungen konditioniert werden, sind die Frusterlebnisse, wenn sie ihnen nicht entsprechen und versagen, besonders schmerzhaft.

Interessanterweise, auch darauf macht Wagner aufmerksam, sind viele der Optimierungsanstrengungen in den sozialen Bewegungen der sechziger und siebziger Jahre begründet. Die Emanzipationsbestrebungen umfassten einerseits die Arbeitswelt – unter dem Stichwort „Humanisierung der Arbeit“ – und andererseits alle sozialen Beziehungen, nicht nur die zwischen den Geschlechtern. Statt Ansagen vom Chef waren plötzlich selbstständiges Denken und Kreativität gefragt, mit dem Ziel, den Arbeitsprozess zu optimieren. Statt einer stumm dienenden Ehefrau forderten aufgeklärte Männer eine eigenständig agierende Partnerin auf Augenhöhe. Statt braver Kinder gab es erstmals aufmüpfige Gören aus Kinderläden. Die Forderung nach Selbstverwirklichung weitete sich auf die gesamte Gesellschaft aus, mit allen damit verbundenen Zumutungen. Denn die versprochene Selbstentfaltung kippte um in ein System von Selbstzwang und Selbstkontrolle.

Mit der neoliberalen Wende, die den Markt von allen Fesseln befreite und die Kommunikation beschleunigte, gerieten Frauen weiter ins Blickfeld. Ihre Ansprüche an gesellschaftlicher Teilhabe und beruflichem Aufstieg verbanden sich aufs Beste mit den neuen Anforderungen der Arbeitswelt. Mit ihren Soft Skills, ihrer in den Familien eingeübten Fähigkeit zum Multitasking, aber insbesondere mit ihrer Bereitschaft, sich an äußere Verhältnisse anzupassen und diese entsprechend zu steuern, lieferten sie das perfekte Humankapital für die entgrenzten Arbeitsmärkte. In den Wirtschaftswissenschaften nennt man diesen Schmierstoff „Diversity“. Während Männer noch an angestammten Privilegien klebten, an Hierarchien, Statussymbolen und virilen Posen, führten Frauen vor, wie sich am Computer Mensch und Maschine zur Einheit verbinden, wie man mit Anforderungen unterschiedlichster Art umgeht, sich selbst motiviert und dabei möglichst noch so fröhlich bleibt, dass abends die Familie bespaßt werden kann. Man gibt das Rauchen auf, weil es ungesund ist, verwehrt sich das Glas Rotwein am Abend, um rund um die Uhr leistungsbereit zu sein, schmeißt den Haushalt so nebenbei, optimiert Wege, spart Zeit, Energie und Muße, um auf der Leistungsautobahn mithalten zu können. Das schlechte Gewissen fährt immer mit und vor allem die Angst, nicht zu genügen.

Dabei lieferte ausgerechnet das „Vereinbarkeitsproblem“ den Unternehmen den Vorwand, die Arbeitszeit zu flexibilisieren, bis Arbeit und Freizeit konturlos ineinander übergehen mit all den bekannten damit verbundenen Überforderungen, die psychische Ausfälle und Krankheiten nach sich ziehen. Das Beste aus sich herausholen bis zum Umkippen, und wenn es passiert, ab auf die Couch, zum Yoga oder in die Selbstfindungsgruppe, denn es ist dein Problem, Baby, dass du es nicht schaffst, deine kleine Turbofabrik am Laufen zu halten. Selbstentfaltung? War einmal. Nennen wir es Selbstausbeutung.

Männliche Katharsis

Du musst dein Leben ändern, schickte der Philosoph Peter Sloterdijk vor einigen Jahren seine bildungsbürgerliche Leserschaft in die Zucht- und Übungsanstalt. Und verlieh damit dem „Fordern“ von Ex-Kanzler Gerhard Schröder metaphysische Weihen. Sloterdijk komplimentierte das in der selbstüberfordernden „Vertikalspannung“ gefangene, zur Bewegungslosigkeit verdammte Publikum in Richtung Ein- und Umkehr, zur kathartischen „Kehre“. Das Problem dabei: Die nächsthöhere Stufe wurde vor allem von Männern bevölkert. Von repetierenden Ordensschülern über den olympischen Sportskerl hin zum biopolitisch aufgerüsteten Prothesenmenschen: „Wer Menschen sucht, wird Akrobaten finden.“ Frauen scheinen in Sloterdijks „Anthropotechnik“ nicht oder nur im „Basislager“ zu existieren. Vielleicht weil sie diesem Kokettieren mit antihumanistischer Selbstoptimierung misstrauen.

Mit der von der bürgerlichen Gesellschaft hervorgebrachten Individualisierung der Leistung – und dazu zählt wohl auch die Arbeit am Selbst – sind auch die Probleme individualisiert worden, auch jene, die nicht vom Einzelnen verantwortet werden, wie das „Vereinbarkeitsproblem“, der Mangel an Arbeitsplätzen oder der Klimawandel, dem mit individueller Konsumzurückhaltung auch nicht durchschlagend begegnet werden kann. Das selbstoptimierte weibliche Ich im Wettbewerb mit Männern auf der einen und untereinander auf der anderen Seite muss scheitern, solange es daran glaubt, allein für die Problemlösung zuständig zu sein.

Widerstand tut not

Das mentale Futter für diese Alleskönnerinnen liefert ein in den letzten drei Jahrzehnten entwickelter und den neuen Erfordernissen angepasster Feminismus, der Frauen als Hochleistungsmaschinen vorstellt. „Top Girls“ wie Facebook-Managerin Sheryl Sandberg fungieren als Aushängeschilder einer „weiblich“ konnotierten Leistungsgesellschaft, in der die Gewinnerinnen hofiert, die Verliererinnen marginalisiert werden. Feministische Kritikerinnen wie Angela McRobbie oder Laurie Penny polemisieren gegen diesen „Chor erfolgreicher Karrierefrauen, die am Rande des physischen und psychischen Zusammenbruchs stehen“. Was tun?

Frauen müssten, hatte die Forscherin Susanne Ihsen auf der besagten Tagung angeregt, mehr Widerständigkeit gegen die Zumutungen der Selbstoptimierung entwickeln. Nicht zuletzt, weil sich diese „goldene Fessel“, mit der die bisherigen Anforderungen an Frauen beschrieben werden, im Zuge der sich immer mehr angleichenden Geschlechterrollen nun auch auf Männer überträgt. Also: Entziehen wir uns gemeinsam!

06:00 08.03.2018
Geschrieben von

Ulrike Baureithel

Autorin und Vielfachbewegte in Berlin
Ulrike Baureithel

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