Dunkel

Leben im Koma Ein berührender Erfahrungsbericht

Das Ereignis gehört zum Alltag. Es kann jeden treffen, zuhause, auf dem Weg zur Schule oder Arbeit, beim Sport: "Ungeschickt" gefallen, mit großer Wucht mit dem Kopf gegen einen Gegenstand geschleudert, so dass die Energie nicht mehr abgefedert werden kann und auf die im Schädelinneren liegenden Strukturen wirkt. Das Hirngewebe wird gequetscht, blutet ein und drückt gegen das Schädeldach. Die Nervenzellen werden nicht mehr versorgt, es kommt zum Zusammenbruch, zum Koma, und wenn keine Entlastung geschaffen werden kann, tritt der Hirntod ein.

300.000 Menschen erleiden in Deutschland jährlich ein Schädel-Hirntrauma, davon verlaufen 100.000 schwer. Sie leben nicht nur Tage, sondern Wochen und Monate in einem Zustand der Bewusstlosigkeit und Nichtansprechbarkeit, mitunter fallen sie in das so genannte Wachkoma, das wie im berühmt gewordenen Fall Schiavo, viele Jahre dauern kann. Während die medizinische Seite des Schädel-Hirntraumas relativ gut erforscht ist, ist relativ wenig bekannt über die psychische Seite von Komaerfahrungen: Was fühlt ein Mensch, der in eine tiefe Bewusstlosigkeit gefallen ist? Empfindet er Schmerzen? Was nimmt er aus seiner Umgebung wahr und wie wirkt es auf ihn?

Ein dunkles Loch ... verschlungen werden ... unheimlich still ... schrecklich kalt ist es ... keine Orientierung ... gibt es einen Weg aus diesem Dunkel ...? Hilfe, warum bemerkt mich niemand ...! Mit solchen Erinnerungs- und Empfindungsfetzen leitet Susanne Rafael (Pseudonym) ihr Buch mit dem vieldeutigen Titel Kopfzerbrechen ein. Über ein Vierteljahrhundert hat es gedauert, bis sie ihre Erfahrungen als Komapatientin aufschreiben und anderen mitteilen konnte. 1973 wurde die 21-Jährige durch einen Autounfall schwer hirnverletzt und lag sechs Wochen im Koma. Sie hatte das Gefühl, "irgendwo zu sein, vielleicht auf dem Mond, umgeben von totaler Finsternis". Sie empfindet Höllenangst in dieser Welt ohne Geräusche, ohne Licht, ohne Farben. Schrecklich ihr Gefühl, alleine zu sein. Sie sucht einen Ausgang, versucht vergeblich, Kontakt aufzunehmen. Fühlt sich ausgeliefert: Unstillbarer Durst, quälender Juckreiz und unerträgliche Kälte. Ans Bett festgebunden, kann sie sich nicht wehren. Die Angst, nie mehr aufzutauchen, die Verlockung, endgültig abzugleiten in das große dunkle Loch, das sich vor ihr auftut.

Langsam, sehr langsam taucht Susanne Rafael aus ihrer Bewusstlosigkeit auf, nimmt Geräusche wahr, die ihr wehtun, Farben, Formen, Menschen. Doch noch immer hat sie das Gefühl, hinter einer Glasscheibe zu leben. Sie kann sich an nichts erinnern, ist orientierungslos, weiß nicht, wer sie ist, lebt in einem Dämmerzustand. "Wenn ich heute an die Zeit meiner Bewusstlosigkeit denke", schreibt sie rückblickend, "dann ist die Erinnerung daran, wonach ich mich sehnte, noch ganz lebendig: Ich wollte jemanden erreichen, wollte berührt werden, jemanden spüren. Die absolute Vergeblichkeit meiner Bemühungen, in Kontakt mit anderen zu kommen, war so sehr quälend."

Als Susanne Rafael die Intensivstation verlassen kann, ist sie stark geschwächt und linksseitig gelähmt. Vor ihr liegt eine lange Rehabilitationsstrecke. Und mit ihr beginnt das quälende Fragen: Warum gerade sie? Fällt sie anderen zur Last? Das Komaerlebnis, erklärt der Oldenburger Neurochirurg Andreas Zieger in seinem profunden Nachwort, ist eine so grundlegende Erfahrung, dass sie häufig mit einer existenziellen Krise verbunden ist. Susanne Rafael muss nicht nur die Abwendung des Lebensgefährten verkraften, sondern sich auch mit ihrem lebenslangen Handicap, der Lähmung der linken Hand, auseinandersetzen. Auf dem langen Weg in ein "normales" Leben gibt es Rückschläge und Phasen der Depression. Verändert hat sich ihre Einstellung zum Leben, immer häufiger stellt sie sich die Frage, wofür etwas wichtig ist.

Susanne Rafaels Erfahrungsbericht geht unter die Haut, weil er einen Zustand vergegenwärtigt, den viele vor Augen haben mögen, wenn sie über die Abfassung eines Patiententestaments nachdenken. Hilflosigkeit und Ausgeliefertsein ist ein Zustand, der nicht zu unserer Vorstellung von Autonomie passt. So wenig spektakulär der Fall Rafael sein mag, ist er doch außergewöhnlich im Hinblick auf die Authentizität der vermittelten Erfahrung, die nicht nur von wissenschaftlichem Interesse ist, sondern auch ein neues Licht auf das mögliche Empfinden von Wachkomapatienten wirft, wenn sie wie Terri Schiavo "abgestellt" werden und langsam verdursten.

Susanne Rafael: Kopfzerbrechen. Notizen aus meinem Koma und der Zeit danach. 124 Seiten. Mabuse-Verlag, Frankfurt 2006. 15,90 EUR


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00:00 13.10.2006

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