Ein evolutionärer Vorteil

Eventkritik Gutes tun und darüber reden: Familienministerin Kristina Schröder freut sich wahnsinnig und feiert mit Schauspielerin Ulrike Folkerts und Sänger Peter Maffay das Ehrenamt

Man hätte sich gewünscht, Thilo Sarrazin wäre dabei gewesen. Vielleicht hätte er seine Meinung über die Neuköllner Hängemattenfraktion mit muslimischem Hintergrund im Allgemeinen und „Kopftuchmädchen“ im Besonderen revidiert. Denn unterm Zeltdach des Berliner Tipi, direkt beim Kanzleramt, hätte er Zeuge werden können, wie ein Neuköllner Star geboren wird. Die elfjährige Aleyna, die eben noch schüchtern über ihre Zahnspange lispelnd in der Erwachsenen-Talkrunde darüber Auskunft gab, wie sie zu Bollywood und indischem Tanz gekommen ist, wächst auf der Bühne über sich hinaus. Vor rund 150 Zuschauern macht sie eine Metamorphose vom pummeligen Mädchen zur Diva durch: In einen roten Rock und roten Oberteil tanzt sie über die Bühne, mit einer Ausstrahlung, die die geladenen professionellen Entertainer, Ulrike Folkerts und Peter Maffay, sowie das ganze Publikum begeistert.

Aleyna ist eines der „Neuköllner Talente“, einer Initiative, die in dem multiethnischen Kiez mit vielen sozialen Problemen Kinder ermutigen will, besondere Begabungen in sich zu entdecken. Mit Hilfe von ehrenamtlichen Talentpaten können Mädchen und Jungen austesten, welche Fähigkeiten in ihnen schlummern – ob im künstlerischen Bereich, auf dem Sportfeld oder in Handwerk und Technik. „Kein Talent darf verloren gehen“, lautet das Motto des Projektes, das exemplarisch für viele andere bei der Eröffnung der „Woche des bürgerschaftlichen Engagements“ vorgestellt wird. Zurzeit, so die Projektleiterin, sind 107 Paten registriert. In den vergangenen zwei Jahren haben 76 Paten jugendliche Talente betreut.

Ein Volk von Freiwilligen

23 Millionen Freiwillige arbeiten in Deutschland ehrenamtlich, die meisten im Sport und in den Kirchen, aber auch im sozialen Bereich, in Kulturvereinen, im Umweltschutz und in der Jugendarbeit. Das Bürgerengagement ist der Kitt, der die Zivilgesellschaft zusammenhält und es wird, wie Thomas Olk vom „Bundesnetzwerk Bürgerschaftliches Engagement“ erklärt, immer stärker wahrgenommen. Tatsächlich bekommt mit der geplanten Abschaffung des Wehrdienstes und der Diskussion um Freiwilligendienste das Ehrenamt noch zusätzliche Bedeutung. Und es macht sich für Politiker richtig gut, sich mit engagierten Bürgern ablichten zu lassen.

Daher geht es an diesem Vormittag nicht nur darum, erfolgreiche Projekte zu feiern, sondern auch Fotogelegenheiten zu schaffen. Kurz vor Veranstaltungsbeginn haben sich vor dem Tipi die Schüler der Evangelischen Schule in Berlin-Mitte aufgestellt zu einem „Generationenbaum“, an dem angeschlagen steht: Engagement macht stark. Dazwischen Familienministerin Kristina Schröder, selbst schülerinnenhaft wirkend mit ihren zusammengebundenen Haaren und dem dezentem MakeUp. Pflichtschuldig zücken die Pressefotografen ihre Kameras. Ein Bild, das mehr wert ist, als ein Auftritt vor dem Parlament.

„Willst du lang und glücklich leben, lass kein Ehrenamt dir geben“, riet Wilhelm Busch. Davon will die Ministerin jedoch nichts wissen. Wer sich für andere stark mache, verkündet sie im Zelt, lebe länger, sei gesünder und darüber hinaus auch glücklicher. „Hilfsbereitschaft ist ein evolutionärer Vorteil“, nimmt sie die Wissenschaft in Anspruch, um zu begründen, warum sich Menschen engagieren sollen: „Nur die freundlichsten Affen überlebten die evolutionäre Entwicklung.“

Was sie begriffen hat: Wer Menschen heute „zum Affen machen“ und in die Bürgerpflicht nehmen will, muss ihnen mehr versprechen als ein gutes Gewissen. Für die Engagierten muss etwas rüberkommen – nicht Geld, sondern Anerkennung, sozialer Status und Einbindung. Deshalb setzt die Ministerin vor allem auf Senioren, die den Sozialkitt liefern sollen, den der Staat nicht mehr finanzieren kann oder will. In der Politik wird schon über eine „Dienstpflicht“ diskutiert; Olk setzt dagegen auf Freiwilligkeit, von Pflichtdiensten hält er nichts.

Dann freut sich die Ministerin „waahhnsinnig“, dass mit Ulrike Folkerts und Peter Maffay so populäre „Engagementbotschafter“ gewonnen werden konnten. Über das Wort stolpert sie zwei Mal, ist ja auch ein bisschen sperrig. Folkerts, in Jeans und T-Shirt, kennt man vor allem als Tatort-Kommissarin Lena Odenthal. Als Ulrike Folkerts engagierte sie sich für die Beseitigung der Landminen im Kosovo. 2006 hat sie den Verein „kulturvoll“ gegründet, der benachteiligten Kindern Kreativferien ermöglicht. Schmuserocker Maffay unterhält eine Stiftung, die traumatisierten Kindern hilft. „Auf dem Biobauernhof“, sagt er, „lernen die Kinder Werthaltungen und einen Respekt vor der Natur, der ihnen selber vorenthalten wird.“

Pastoral und flapsig

Die beiden sind ein gutes Team, immer wenn Maffay ein bisschen pastoral zu werden droht, schiebt Folkerts eine flapsige Bemerkung dazwischen. Man merkt, dass dies nicht ganz ihr gewohnter Rahmen ist, und als wäre sie noch nie vor Publikum aufgetreten, lässt sie auch noch ihre Botschafter-Urkunde zu Boden segeln.

Aber auch sie kommt nicht an dem Klischee vorbei, von „strahlenden Kinderaugen“ zu schwärmen. Es dürfte kein Zufall sein, dass sich beide Engagementbotschafter für Kinder stark machen. Unterstützung für junge Menschen einzuwerben, ist schließlich einfacher als für alte, die nur noch wenig Zukunft vor sich haben. Pflegebedürftige Menschen sind engagementpolitisch weniger anschlussfähig als Kinderglück oder der Katastropheneinsatz in Haiti, von dem der Malteser-Freiwillige Klaus Rungaldier berichtet. Wahrscheinlich wird auch deshalb über Pflichtdienste debattiert.

Nachdem Aleyna ihren Tanz beendet hat und die Gruppe P.R. Kantate die Veranstaltung mit deutschem Dancehall ausklingen lässt, wird das stolz lächelnde Mädchen von Glückwünschenden und Fotografen umringt. Vielleicht hat sie tatsächlich noch eine Karriere vor sich. Schützend neben ihr steht ihre Mutter. Sie trägt übrigens ein Kopftuch.

12:25 21.09.2010
Geschrieben von

Ulrike Baureithel

Autorin und Vielfachbewegte in Berlin
Ulrike Baureithel
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