Ein Streik der Fittesten?

Kommentar Auf der Suche nach Bündnispartnern

Anfang der Woche kündigte der Ver.di-Vorsitzende Frank Bsirske in einem Interview an, seine Gewerkschaft wolle sich im kommenden Jahr verstärkt um neue Bündnispartner außerhalb der eingeschworenen Gewerkschafts-Klientel bemühen. Dazu hat er allen Grund, denn noch nie schien die deutsche Gewerkschaftsbewegung so schwach, isoliert und hoffnungslos in ihre Rituale verstrickt wie nach dem gescheiterten Kampf gegen die Agenda 2010.

Dabei liefern die protestierenden Studenten in der Hauptstadt, aber auch in vielen anderen deutschen Städten den Beweis, wie ein Streik erfolgreich "vermarktet" werden kann: Mit ausgeprägtem Sinn für den Unterhaltungswert einer politischen Aktion, mit Galgenhumor, Raffinesse und medialem Geschick führen sie der alten Mähre vor, was ein politisches Füllen ist. Dass der nun in die fünfte Woche gehende Streik von der Bevölkerung weitgehend zustimmend verfolgt wird, dass noch nicht einmal der symbolisch gekürzte Weihnachtsbaum vor dem Roten Rathaus und die im Weihnachtstrubel ständig von Protestdemonstrationen blockierten Straßen die Berliner aus der Ruhe zu bringen vermögen, ist schon bemerkenswert.

Doch auch bei den Studierenden wehte der eisige Wind des politischen Realismus in die letzten Streikversammlungen. Nicht nur die Dauer des Streiks, auch die vor der Türe stehenden Weihnachtsferien machen den AktivistInnen zu schaffen. Ob sich der Streik über die Weihnachtspause hinaus aufrecht erhalten lassen wird, ist fraglich. Spürbar weicht die Luft aus den Aktionen, an der TU ist bereits wieder der Lehralltag eingekehrt, viele Institutsbesetzungen wurden abgebrochen und die Besetzung der taz mutet wie eine missglückte Mimikry von ´68 an.

Nun rächt sich offenbar, was zunächst die Stärke dieses Streiks schien: Die Beschränkung auf (durchaus berechtigte) bildungspolitische Forderungen, die die Besitzstände von Studenten und Professoren erhalten sollen und den Campus in eine ungewohnte Allianz zusammentrieb. Doch wo bleibt der studentische Blick über den eigenen Tellerrand, auf diejenigen Generationsgenossen, die von studentischen Bildungsprivilegien nur träumen können? Wo fordern die Studierenden Ausbildungsplätze? Sie wollen "keinen Sozialabbau" und protestieren gegen bildungspolitische Rentabilitätsrechnungen - aber wenn man sich mit ihnen unterhält, steht persönliche "Chancenkalkulation" ganz oben auf dem Lehrplan.

Nicht nur die Gewerkschaften müssen sich auf die Suche nach neuen Bündnispartnern machen, auch der studentische Protest benötigt sozialer und politischer "Aufrüstung", wenn er sich nicht dem Vorwurf aussetzen will, Bildungschancen seien das exklusive Recht der Fittesten. Sonst könnten sich am Ende beide - Studierende und der übrige ausgemusterte Nachwuchs - in den zu Abstellhallen umfunktionierten Bildungsfriedhöfen wiederfinden.


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