Eine moderne Seuche

Plakativ Aids hat eine wahre Bedeutungsepidemie ausgelöst. Im Dresdner Hygienemuseum untersucht eine Schau das Phänomen

Alle wollen es, viele machen es, scheinen sich die Kampagnen-Entwickler gedacht zu haben. Seit einiger Zeit kann man sich das Warten auf Berliner U-Bahnhöfen als Voyeur vertreiben und schauen, ob „es“ einer „einfach“ macht oder „mit allem Drum und Dran“ oder eine etwas angejahrte Frau es lieber „mit Erfahrung“ tut. Machen sollen Mann und Frau „es“, ob „ehrlich“, „lustvoll“, „gemütlich“ oder „endlich“, jedenfalls nur „mit Latex“. „Es“ steht natürlich für Sex. Dass solche angestrengt witzigen Plakate überhaupt im öffentlichen Raum tapeziert werden können, hat eine lange Geschichte.

Für die nach 1965 Geborenen ist es nur noch schwer vorstellbar, dass es einmal ein Leben ohne Aids und die damit verbundene Aufforderung zum Safer Sex gab. Für Generationen ist die ursprünglich spontanste Angelegenheit der Welt in eine Sicherheits- und Vermeidungszone gerückt. Die Versprechen der sexuellen Revolution sind blamiert, auch wenn die Angst im Wissen um die enormen Fortschritte in der Therapie der Immunschwäche inzwischen nicht mehr vorherrschend, sondern nur noch latente Begleiterin ist. In der neuesten Kampagne von „mach’s mit“ der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung figurieren jetzt erstmals reale Personen.

Das ist keine Selbstverständlichkeit. 1986 engagierte eine Aids-Hilfsorganisation in Baltimore zwei Männer aus New York, die für das Aufklärungsplakat „You won’t believe what we like to wear in bed“ modeln sollten. Sie dachten, es ginge um Unterwäsche und erfuhren erst am Set, wofür sie werben sollten. Um nicht mit Aids in Verbindung gebracht zu werden, drohten die Models das Shooting abzusagen. Am Ende erschien das Plakat dennoch.

Die Geschichte dieses Plakats ist eine von vielen, die der Kunsthistoriker Vladimir Čajkovac im Rahmen des Forschungsprojekts „Aids als globales Medienereignis“ recherchiert hat. Er konnte auf die umfangreiche Sammlung des Deutschen Hygienemuseums Dresden zurückgreifen, die rund 10.000 Plakate zum Thema Aids weltweit umfasst; eine Auswahl ist ab kommendem Samstag in einer Ausstellung zu sehen. Das Museum setzt damit eine Tradition fort, die kurioserweise damit begann, dass es, damals noch eine DDR-Einrichtung, anlässlich des Welt-Aids-Tags 1988 einen Aufklärungsslogan aus Westdeutschland entlehnte: „Gib Aids keine Chance.“

Die Krankheit der Anderen

Das Akronym Aids ist jedenfalls zu einer Chiffre geworden, die in der ganzen Welt verstanden wird. Denn nicht nur die Krankheit hat sich viral verbreitet, sondern auch die mit ihr verbundenen, sich im Laufe der Zeit verändernden Bedeutungen. Als die Krankheit 1981 erstmals beschrieben wurde, war das Virus noch nicht entdeckt, doch die tödliche Bedrohung schürte sofort Ängste und provozierte moralische Wertungen und Vorurteile: Der Mythos Blut spielte dabei ebenso eine Rolle wie die Geisel oder Strafe Gottes und der Hass auf das Andere. Die US-amerikanische Theoretikerin Paula Treichler spricht 1989 von einer Bedeutungsepidemie, die der realen nicht nachstünde.

Weltweit sind mehr als 36 Millionen Menschen an den Folgen von Aids gestorben und auch heute sind 35 Millionen Menschen HIV-positiv, darunter 3,2 Millionen Kinder. 70 Prozent der HIV-infizierten Menschen leben in der afrikanischen Subsahara-Region, in Südostasien 3,8 Millionen, in Deutschland etwa 80.000.

Das sind die Fakten. Für die große Erzählung über Aids wiederum haben die Macher aus dem riesigen Bestand 240 Plakate aus 47 Ländern ausgewählt und sie mit thematisch einschlägigen Kunstobjekten, Videos und Filmen ins Gespräch gebracht. In Conspiracy Theory listet der Künstler Allen Grubesic eingangs auf einer Leinwand Akronyme wie NSA, DNA, CIA, HIV, JFK und so weiter auf, die auf die vielen Verschwörungstheorien verweisen, die die Krankheit seit ihrem ersten Auftreten begleiten.

Als sich herausstellt, dass das HI-Virus über Geschlechtsverkehr übertragen wird und sich insbesondere homosexuelle Männer infizieren, wird der Einbruch der Seuche zum Lackmustest für den Umgang mit Randgruppen und Kranken. In den ersten Jahren wird die Bedrohung mental noch abgewehrt, indem sie zur alleinigen Krankheit der Anderen, der Schwulen, Drogenabhängigen und Prostituierten, erklärt wird. Repressalien gegen Aids-Infizierte sind trotz aller frühen Aufklärungsbemühungen an der Tagesordnung. Doch spätestens mit dem Fall des jugendlichen Bluters Ryan White, der sich durch eine Blutkonserve ansteckt und später stirbt, wird diese Strategie obsolet, die Krankheit rückt bedrohlich in die Mitte der Gesellschaft. „Silence = Death“ (siehe Titelbild) proklamieren New Yorker Schwulenaktivisten auf einem berühmt gewordenen Plakat, um darauf aufmerksam zu machen, dass nicht nur die Krankheit, sondern vor allem ihr Beschweigen tödliche Folgen hat.

Die seit Mitte der 80er Jahre zunächst in Amerika, dann auch in Europa anlaufenden, teilweise staatlichen Aufklärungskampagnen berühren dann erstmals Tabuthemen: „My boyfriend gave me AIDS“, heißt es auf einem Plakat, „I was only worried about getting pregnant“ auf einem anderen. Der Zusammenhang von Krankheits- und Empfängnisverhütung fordert nicht nur im amerikanischen Mittleren Westen die herrschenden Moralvorstellungen heraus. Die Abbildung eines Präservativs oder eines mit einem Kondom bekleideten erigierten Penis („Kleide dich dem Anlass entsprechend“) vertragen sich nicht mit wertkonservativen Anschauungen, weshalb die Kampagne beispielsweise in Oregon auf heftige Widerstände stieß.

Als die Krankheit in den 90er Jahren normalisiert wird, spiegeln sich in den Plakaten aber nicht nur kulturelle Einstellungen zu Sexualität, sondern auch Vorstellungen über Rasse und Geschlechterverhältnis. Eine Kampagne in den USA richtet sich beispielsweise an die jeweiligen Ethnien: „Sie hat die Augen vom Vater und Aids von der Mutter“, heißt es mit unmissverständlicher Schuldzuweisung auf den Plakaten, auf denen wahlweise ein weißes oder ein schwarzes Baby zu sehen ist. Wenig bekannt ist, dass Aids auch ein Anlass war, das Neugeborenen-Screening durchzusetzen.

Aids ist eine moderne, auf globale Mobilität und Zirkulation zurückzuführende Seuche, mit der jedoch im Rahmen unterschiedlicher kultureller Traditionen umgegangen wird. Die Darstellung eines männlichen Geschlechtsakts wie in Finnland oder eine witzige Indienstnahme des Kamasutra, das auf individuelle Verantwortung insistiert, wäre in Ländern des Südens undenkbar. Sambia oder Niger rücken die Familie in den Mittelpunkt, in Simbabwe sogar verbunden mit der Aufforderung zur Sterilisation, und in Kulturen, in denen nicht offen über Kondome gesprochen werden kann oder soll, treten Regenschirme oder Gummistiefel an deren Stelle, wie etwa auf einem Plakat aus Venezuela.

Auch die Ungleichheiten in der medizinischen Versorgung werden auf den Plakaten virulent. Seit der Entwicklung der Kombinationstherapie mit antiretroviralen Medikamenten ist Aids behandelbar, wenn auch nicht heilbar. Doch nur 37 Prozent der infizierten Menschen in Afrika haben überhaupt Zugang dazu. „Vorsicht bei der Verwendung von Aids-Medikamenten“, warnt ein Plakat aus Tansania, auf dem ein schwarzer junger Mann zu sehen ist, der offenbar im Begriff ist, ein Scheinprodukt zu schlucken. Die Angst vor dem Tod ist immer dabei – noch 2008 plakatiert die Deutsche Aids-Stiftung: „Nicht alle Verkehrstoten hatten einen Unfall. Manche hatten einfach kein Kondom.“

Monsterwesen

Um die vielschichtigen Plakate inhaltlich zu erschließen, wurden die Bildinhalte mittels einer international gültigen Bildklassifikation codiert. Sie können mit 300 verschiedenen Schlagworten erschlossen werden zu einem Bedeutungsnetzwert, das die Ausstellungsmacher auch visuell übersetzt haben. Es ist der – vielleicht hilflose – Versuch, das sich per se entziehende, auf Entgrenzung angelegte Virus einem Ordnungskonzept zu unterwerfen. Die Künstler wiederum nähern sich dem kollektiv Imaginären metaphorisch, indem sie es als Zeitbombe, Aids-Wurm, Minenfeld oder Monsterwesen darstellen oder in Form der volkstümlichen und gleichzeitig fremd wirkenden Holzfiguren von Zephania Tshuma aus Simbabwe. Auch dies ein Sinnbild für das Fremde im Eigenen, als das wir das Virus wahrnehmen.

Info

AIDS – nach einer wahren Begebenheit Hygienemuseum Dresden , bis 21. Februar 2016

06:00 14.10.2015
Geschrieben von

Ulrike Baureithel

Autorin und Vielfachbewegte in Berlin
Ulrike Baureithel
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