Eisbärpfote wühlt in Puppenfrau

Volksbühne „John Gabriel Borkman“ ist ein spielintensives Übertreibungstheater, maß- und formlos, und gerade hieraus sinnschöpfend. Wer es überlebt, wird gestählt in die Welt ziehen

„Vattär!“, wimmert Erhart, die Treppen heraufstolpernd und sich an das Knie des väterlichen Pappkameraden hängend. „Errharrrt!“, plärren im Stockwerk darunter die beiden um den Jungen buhlenden Zwillingsschwestern Gunhild und Ella. Im Obergeschoss haust Borkman, Pleite-Bankier in Welterlösungs-Wahnsinn: „Das ist der Fluch, der auf uns Ausnahmemenschen ruht“, lässt Ibsen ihn noch sagen. Und: „Wenn die Stunde der Genugtuung für mich schlägt...“

Doch den Schrei nach „GENUGTUUNG“, „RACHE“, übernimmt in der Version des 21. Jahrhunderts Gunhild, die alte, von einem Mann verkörperte Vettel, die in sprachloser Symbiose mit Borkman im Souterrain herrscht. Mit der systemischen Familienaufstellung à la Ibsen hat diese zweite, im Prater spielende Episode des John Gabriel Borkman, mit der die Berliner Volksbühne ihren Ibsen-Zyklus fortsetzt, allerdings kaum mehr etwas zu tun. Was Thomas Ostermeier anlässlich des Banken-Crash vor fast drei Jahren noch ziemlich realistisch als Krisen-Sinnstück auf die Schaubühne hob, kommt in der Inszenierung von Vergard Vinge und Ida Müller (in Kooperation mit der Nordwind Platform) nur noch grotesk daher. Aus dem geschliffenen Ibsen-Text verbleiben lediglich Text-Rudimente, die expressiv-musikalisch unterlegt und verzerrt aus dem Off eingespielt werden, während die hinter Masken verborgenen Charakter-Chargen bei vollem Körpereinsatz – schreiend, wütend, heulend, tretend, scheißend, onanierend, erstarrend – das Stück über Liebesverrat und Pleite vor sich hertreiben.

„Schande!“, brüllt die unablässig tobende, mit Borkmans Sinnmauern um sich werfende Gunhild; „Liebe!“, sekundiert ihre Zwillingsschwester Ella, die wie versteinert im Separée vor sich hin leidet. „Es war ja nur Geld!“, verhöhnt Gunhild ihren Mann und klagt: „Die Leute reden über uns.“ Derweil defilieren „die Leute“ in grotesker Formation, aufgezogen wie Puppen und sich halb totlachend an ihnen vorbei. Im Oberstübchen hat der einst omnipotente Borkman seine Kettensäge bereits abgegeben an „das Gesetz, das keine Ausnahme kennt“. Dafür vertrimmt er nun der halbwüchsigen Frida den nackten, naturalistisch rot anlaufenden Hintern. Worüber man ebenso rätseln kann wie darüber, warum sie und ihr Vater Foldal ein Jahrhundert nach Ibsen in den schwarzen Hautfarbtopf gefallen sind.

Das Ganze ist ein spielintensives Übertreibungstheater, maß- und formlos, und gerade hieraus sinnschöpfend. Dass es, ganz entgegen Ibsens Absicht, gerade nicht analytisch operiert, sondern den „Gang ins Eis“ bereits als „Vorspiel auf dem Theater“ inszeniert und dabei alle noch bestehenden Ekelschwellen überbietet, gehört zur Logik des Spiels. Die „kalte Hand“, die bei Ibsen nach Borkman fasst und die entfesselten Mächte des aufsteigenden Kapitalismus symbolisiert, greift nun in Form einer wühlenden Eisbärpfote in die Gedärme einer auf einer Eisscholle liegenden Puppenfrau, die das Publikum stöhnend und verblutend auf das Kommende – sei es die eiskalte Herrschaft des Kapitals oder die eines langen erkältenden Theaterabends – einstimmt. Denn „Leben ist Arbeit“ weiß Borkman aus seinem Maschinenraum zu verkünden, und auf einen Normalarbeitstag sollte der Zuschauer in diesem Fall nicht rechnen. Doch wer die ohrenbetäubende Geräuschkulisse ohne Dämmung und das grelle Bildpotpourri ohne Sehstörung überlebt, der wird aus dem Dunkel gestählt in die „kleinliche, schnöde, erbärmliche“ Welt ziehen.

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Geschrieben von

Ulrike Baureithel

Redakteurin „Politik“ (Freie Mitarbeiterin)

Ulrike Baureithel studierte nach ihrer Berufsausbildung Literaturwissenschaft, Geschichte und Soziologie und arbeitete während des Studiums bereits journalistisch. 1990 kam sie nach Berlin zur Volkszeitung, war im November 1990 Mitbegründerin des Freitag und langjährige Redakteurin in verschiedenen Ressorts. Seit 2009 schreibt sie dort als thematische Allrounderin, zuletzt vor allem zuständig für das Pandemiegeschehen. Sie ist außerdem Buchautorin, Lektorin und seit 1997 Lehrbeauftragte am Institut für deutsche Literatur der Humboldt Universität zu Berlin.

Ulrike Baureithel

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