Emanzipation oder Bürokarriere?

Frauensache Die "Zeit" behauptet, bei all dem Gerede übers Geschlecht gehe es in Wirklichkeit um etwas ganz Anderes – um Schmierstoff für den allerneuesten Kapitalismus. Stimmt das?

Oh, ist da einer genervt! Mag sich nicht mehr von Befindlichkeitsdebatten behelligen lassen. Von den Männlein und Weiblein, die tagein, tagaus auf allen Kanälen ihre Exsudate verströmen, wie Männlein/Weiblein waren, sind, immer bleiben oder werden mögen. Und sogar das eigene Blatt solchermaßen weichgespült haben mit gender-aufgeschäumter Zeilenflut! Lasst mich endlich mit eurem Geschlecht in Ruhe!

Adam Soboczynski hat seiner Crew von der Zeit den Fehdehandschuh hingeworfen. Endlich! Endlich ist innerhalb der Marshmallow-Journaille einer Manns genug, sich gegen den feminisierten Konsens zu wehren. Einer, der zu sagen wagt, dass die Quote "in der Tendenz demokratiefeindlich" und eine "riskante, im Geiste der Planwirtschaft betriebene Umgestaltung zugunsten der Frau" sei (Applaus aus der Loge: Kristina Schröder). Dass der Unterschied zwischen Männern und Frauen nur noch mikroskopisch messbar sei angesichts männlich-angepasster Durchsetzungswut und weibisch-männlicher Weinerlichkeit (Applaus von der Galerie: die Männerrechtler). Dass er es satt hat, sich in WG-Küchen zurückversetzt zu fühlen, wo ihn Frauen einst zu Abwasch und Stehpinkeln verdammten (Zuruf aus dem Parkett: Arriviertes Alt-68). Nur dass Frauen heute ins Auge des alten Adams zielen.

Wow, Marx und Freud!

Der Mann hat so recht! Mittelschichts-Malaisechen. Schierer Luxus. Darf es frau dem Dax endlich mal zeigen, nachdem sie den Dachs im Bett bezwungen hat? Und in welcher Kostümierung? Ein Adam Soboczynski formuliert das natürlich etwas gebildeter: Überdeterminierung des Geschlechts. Phänotypische Angleichung. Durch Pflichtüberfüllung entgangener Freiheitsgewinn. Und, final, das ist man sich schuldig: Das ganze Geschlechts­geblubber lenke nur vom "Unbehagen an den Produktionsverhältnissen" ab. Wow. Marx und Freud, adornitisch.

"Wer von Frauen spricht, spricht in Wahrheit von keinem Geschlecht, sondern vom neuen Menschen", schließt er. Weil das Schmierstoff für den "allerneuesten Kapitalismus" sei. Und es nicht um Emanzipation, sondern nur um Bürokarriere ginge. Ach, Adam, das wussten wir schon lange. Haben diese Erkenntnis hübsch adornitisch, poststrukturalistsch oder wie auch immer verpackt. Nur, dass es da gerade nicht chic war, vom "Kapitalismus" zu reden. Und Adams Bürokarrieren noch nicht so bedroht waren.

Die wöchentliche Kolumne Frauensache/Männersache im Alltagsressort widmet sich Genderthemen und wird abwechselnd von weiblichen und männlichen Autoren geschrieben. Zuletzt schrieb Matthias Köberlein über bin Ladens Eheleben.

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Geschrieben von

Ulrike Baureithel

Redakteurin „Politik“ (Freie Mitarbeiterin)

Ulrike Baureithel studierte nach ihrer Berufsausbildung Literaturwissenschaft, Geschichte und Soziologie und arbeitete während des Studiums bereits journalistisch. 1990 kam sie nach Berlin zur Volkszeitung, war im November 1990 Mitbegründerin des Freitag und langjährige Redakteurin in verschiedenen Ressorts. Seit 2009 schreibt sie dort als thematische Allrounderin, zuletzt vor allem zuständig für das Pandemiegeschehen. Sie ist außerdem Buchautorin, Lektorin und seit 1997 Lehrbeauftragte am Institut für deutsche Literatur der Humboldt Universität zu Berlin.

Ulrike Baureithel

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