Eine Endemie ist kein Ende

Corona Im dritten Jahr der Pandemie gibt es für Deutschland immer noch keine verlässliche Datengrundlage. Es bleibt also weiter ungewiss, was die Omikron-Mutation für uns bedeutet. Ob es je gewiss werden wird, ist zweifelhaft
Eines ist ja bekannt: Viele Pflegekräfte haben den Job gekündigt, weil alle Rufe um Hilfe nichts an ihrer Arbeit ändern
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Illustration: der Freitag

Stringentes Erklären, das forderte der neu geschaffene Expertenrat in seiner ersten Stellungnahme kurz vor Weihnachten. Eine „umfassende Kommunikationsstrategie und nachvollziehbare Erklärungen“ seien essenziell in der neuen Risikosituation, die die Virusmutation Omikron heraufbeschworen habe. Welche Rolle die neue Bundesregierung ihrem Beraterteam beimisst, wurde deutlich, als vor den Feiertagen so gut wie nichts von den zeitnah geforderten Maßnahmen – insbesondere strenge Kontaktbeschränkungen – umgesetzt wurde. Und die stringente Kommunikation?

Wer es nicht lassen konnte und sich trotz aller Ermüdungserscheinungen über den Jahreswechsel Corona-Nachrichten reinzog, fühlte sich dazu verdammt, auf einem brodelnden Vulkan die frohe Botschaft zu lesen. Die Weltgesundheitsorganisation warnte vor einem „Tsunami von Fällen“, das Robert-Koch-Institut (RKI) rechnete mit einer „schlagartigen Erhöhung“ der Infektionsraten, Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD) sorgte sich „sehr sehr“ um die nicht Geimpften, unterstützt von Christian Drosten, der erklärte, für diese Gruppe werde es nun „richtig gefährlich“. Wenn sich die Infektionszahlen in zwei bis drei Tagen verdoppelten, so das Szenario, dann würden, selbst wenn die Krankheit milder verlaufe, die Krankenhäuser überlastet und darüber hinaus die kritische Infrastruktur gefährdet werden, weil zu viele Menschen gleichzeitig erkrankten oder sich in Quarantäne befänden. Mit Verweis auf Großbritannien, wo die Inzidenz im Dezember hochgeschossen war und man vereinzelt stundenlang auf einen Rettungswagen warten musste, stimmten Lauterbach und Co. die Bevölkerung Ende Dezember auf härtere Coronaregeln und die baldige Impfpflicht ein.

Gleichzeitig jedoch schoss der Gesundheitsminister in den sonst fast dunklen Silvesterhimmel über Berlin per Video eine hoffnungsfrohe Leuchtrakete ab. Die Formel vom „Licht am Ende des Tunnels“ für 2022 erinnerte an Jens Spahn, der ein Jahr zuvor das Impfen als „Schlüssel zur Überwindung der Krise“ an den Silvesterhorizont malte. Aber auch prominente Virologen oder der Präsident des Verbands leitender Krankenhausärzte, Michael Weber, prophezeiten die „realistische Wahrscheinlichkeit“, dass nach Omikron „die Pandemie hierzulande zu einer Endemie“ werden könnte. Wie oft haben wir uns das eigentlich anhören müssen in den vergangenen beiden Jahren, „noch einmal die Ärmel hochkrempeln, dann sind wir durch“? Wie überzeugend sind solche Durchhalteparolen angesichts der Tatsache, dass die Impfung bei Weitem nicht das hält, was die Hersteller versprochen haben, und sich selbst Gutwillige fragen, warum sie sich jetzt noch boostern lassen sollen, wenn absehbar ein auf Omikron abgestellter Impfstoff zur Verfügung steht? Und wie lange wird ein Handeln ins Ungewisse noch akzeptiert, wo immer deutlicher wird, dass es oftmals auf einer nicht evidenten Datenlage basiert?

Mal harmlos, mal heftig

Denn selbst Optimist:innen dürfte nach Auftreten der Omikron-Variante gedämmert haben, dass das Virus nicht „zu überwinden“ ist in dem Sinne, dass es aus der Welt verschwindet. Deshalb lernen wir neben all den anderen Pandemie-Vokabeln nun auch noch den Begriff Endemie. Er bedeutet, dass wir den Erreger ebenso dauerhaft am Hals haben werden wie das jedes Jahr verändert auftretende Grippevirus, welches mal harmloser daherkommt oder mal heftiger zuschlägt. Seine genetische Veränderlichkeit und die Tatsache, dass nicht alle infizierten Menschen Symptome ausbilden, sind zwei von mehreren „virulenten“ Gründen, weshalb das Coronavirus nicht, wie etwa die Pocken, ausgerottet werden kann. Da es allerdings wie der Mensch von seinen Umweltbedingungen abhängig ist und entweder gute oder schlechte Chancen zur Vermehrung hat, sind präventive Infektionsmaßnahmen das Mittel, es in Schach zu halten. Denn eine Illusion hat sich mittlerweile auch erledigt, die so genannte Herdenimmunität. Selbst wenn alle Menschen, die dies können, sich impfen ließen, unterliefe ein Mutant wie nun Omikron diesen Schutz immer wieder, auch wenn er für Geimpfte weniger gefährlich wäre. Das kennen wir ebenso von der Grippe.

Was im Moment also abzuwägen wäre, ist die Übertragungsgeschwindigkeit von Omikron im Verhältnis zur Schwere des durch ihn verursachten Krankheitsverlaufs, der Widerstandsfähigkeit einer Population und ihrer medizinischen Sicherungssysteme beziehungsweise der sensiblen Infrastruktur einer Gesellschaft. Dass sich der Mutant viel rascher ausbreitet als die Delta-Variante, ist schon seit seinem ersten Auftreten in Südafrika bekannt, und es gibt keinen Grund, anzunehmen, dass dies hierzulande anders verliefe als in den USA oder Großbritannien, wo er seinen Vorgänger Delta bereits verdrängt hat.

Allerdings weisen inzwischen mehrere Studien darauf hin, dass er geringeren Schaden anrichtet. Eine qualifizierte Studie aus Südafrika belegt relativ milde Krankheitsverläufe. Das kann darauf zurückzuführen sein, dass die dort lebende Bevölkerung jung ist und bei der Infektion einen höheren oder anderen Immunstatus hatte als Menschen im globalen Norden. Viele Südafrikaner:innen haben die Krankheit bereits hinter sich und wurden mit der Beta-Variante infiziert, die in Europa kaum eine Rolle spielte.

Bisher noch keine Triage

Ein britisches Forschungsteam, das Omikron an Labortieren testete, stellte fest, dass das Virus offenbar nur die oberen Atemwege befällt, weniger die Lunge. Klinische Beobachtungen und erste Daten, die das RKI jüngst veröffentlicht hat, scheinen dies zu bestätigen. Seit Ende November werden 35.515 Omikron-Fälle ausgewiesen. Davon mussten nur 361 Betroffene im Krankenhaus behandelt werden, es gab neun Todesfälle zu beklagen. Soweit Informationen hierzu vorliegen, verliefen die Infektionen meist symptomfrei oder mit milden Symptomen. Der Anteil der Infizierten nach Impfstatus entspricht in etwa dem in der Gesamtbevölkerung; über die Schwere der Krankheit bei nicht Geimpften gibt es keine Aussagen.

Bei einer Hospitalisierungsrate von einem Prozent stellt Omikron – zumindest im Moment – keine Überlastungsgefahr für die Krankenhäuser dar. Das könnte sich natürlich ändern, wenn die Variante massenhafte Infektionen auslöst, weil nur die absolute Zahl behandlungsbedürftiger Patient:innen zu Buche schlägt. Ob es zu der wieder einmal heraufbeschworenen Triage kommt, ist deshalb eher hypothetisch. Bisher jedenfalls mussten hierzulande Ärzt:innen noch nie entscheiden, ob Corona- oder andere Intensivpatient:innen beatmet oder aus Kapazitätsmangel ihrem Schicksal überlassen werden.

Das im Dezember vom Bundesverfassungsgericht gefällte Urteil zur Triage hat zumindest klargestellt, dass diese Entscheidung in einen gesetzlichen Rahmen eingebettet werden muss. Geklagt hatten mehrere zum Teil schwerstbehinderte Menschen, die seit Ausbruch der Pandemie befürchten, bei solchen Entscheidungen durchs Raster zu fallen.

In den apokalyptischen Zukunftsszenarien ist derzeit aber noch viel mehr von dem Fall die Rede, dass viele Menschen – auch symptomlos – in Quarantäne geschickt werden müssen und die kritische Infrastruktur – Krankenhäuser, Feuerwehr, Energieversorgung – nicht mehr aufrechterhalten werden kann. Zuerst aus der bayerischen Staatskanzlei wurde deshalb die Forderung laut, die Quarantänezeiten für symptomlose Infizierte zu verkürzen. Zunächst sah die Bundesregierung keinen Handlungsbedarf, dann wollte Karl Lauterbach „prüfen“. In Israel erlaubt ein negativer PCR-Test nach fünf Tagen Quarantäne die Teilhabe am öffentlichen Leben, in den USA wird nach dieser Frist konsequentes Maskentragen verordnet. Inzwischen hat Lauterbach für die diese Woche anstehende Ministerpräsidentinnenkonferenz Veränderungen für die Quarantäneregelung angekündigt.

Gretchenfrage Quarantäne

Wie die Maskenpflicht scheint die Quarantäneregelung eher politischen und ökonomischen Opportunitäten zu folgen. Denn lässt sich eine medizinisch gebotene Isolierung einfach nach Gusto verkürzen? Oder ist die Quarantänedauer selbst willkürlich? Die Expert:innen sind sich darin uneinig, die meisten plädieren für strenge Regeln: „Einfach so zu verkürzen, weil man sagt, sonst fallen zu viele Leute aus, dann lassen wir lieber Leute nach sieben Tagen raus, mit oder ohne Test – das würde ich für fahrlässig erachten“, erklärte etwa der Immunologe Carsten Watzl. Weltärztechef Frank Ulrich Montgomery ist ebenfalls skeptisch, während sich Watzls Kollege Drosten eine Quarantäneverkürzung vorstellen kann, auch wenn dann „einige wenige Fälle“ übersehen werden könnten. Der Virologe Martin Stürmer spricht von „Risikoabwägung“.

Risikoabwägung – auch so ein Schlüsselwort der Pandemie. Ein Risiko kann aber nur abgewogen werden auf einer verlässlichen Datengrundlage. An dieser Misere – schon 2020 skandalisiert, als beispielsweise die Schulen wieder öffneten und man immer noch nichts wusste darüber, wo sich das Virus ausbreitet – hat sich anderthalb Jahre später nichts geändert. Noch immer gibt es keine Studien darüber, ob ein Bauarbeiter oder eine Verkäuferin eher an Corona erkranken als ein Homeoffice-Worker, höchstens Vermutungen. Keine genaue Auskunft kann das RIKI geben über die tatsächliche Zahl der Geimpften, weil es kein geregeltes Meldewesen gibt und Daten verloren gehen. Da werden dann Menschen mit unbekanntem Impfstatus statistisch einfach den Ungeimpften zugerechnet wie in Bayern oder kürzlich in Hamburg.

Nichts Genaues ist auch bekannt über das Verhältnis von Impfstatus und Krankheitsschwere, siehe Omikron. Bei der Zahl der verfügbaren Intensivbetten muss sich die Regierung auf die Daten der DIVI verlassen, die aber nicht wirklich belastbar sind, denn wer weiß schon, welche Betten eine Klinik meldet, um Freihaltepauschalen zu kassieren, sie im Ernstfall aber nicht bewirtschaften kann? Gar nicht zu reden vom verfügbaren Impfstoff, den Bestellmengen und Dosen, über die Auskunft zu geben Lauterbach auf einer Pressekonferenz vor Weihnachten in die Bredouille brachte. Was wir aber recht genau wissen, ist, dass viele Pflegekräfte seit vergangenem Jahr ihren Job quittiert haben, weil sie ausgepowert sind, sich mit ihren Forderungen nicht ernst genommen fühlen und deshalb die nötigen Intensivbetten nicht betreuen können.

Das Coronavirus indessen vermehrt sich aufgrund günstiger Umweltbedingungen. Werden Menschen immun, muss es sich verändern, bis es sich genetisch erschöpft und irgendwann ein anderes vom Tier auf den Menschen überspringt. Das ist angesichts unserer Lebensweise und Wirtschaftsform, dem engen Mensch-Tier-Verbund auf einer überbevölkerten Erde, kaum zu vermeiden. Es gibt aber verschiedene Immunisierungsstrategien, von der das auf das Individuum bezogene Impfen nur eine ist und als besonders „deutsch“ gilt, weil das Modell auf Robert Koch zurückgeht und im expansionistischen Deutschen Reich gewährleisten sollte, dass Waren und Güter weiter freizügig verkehren konnten. Das kommt uns vielleicht bekannt vor. Impfstrategien in Bezug auf ein veränderliches Virus sind, siehe Grippe, jedoch begrenzt. Das sollten wir uns vor Augen halten, wenn an diesem Freitag „neue Maßnahmen“ und demnächst die Impfpflicht im Bundestag verhandelt werden und von einer vierten Impfkampagne im Sommer die Rede ist, wie sie nun in Israel bereits stattfindet.

Was man, bevor eine Impfpflicht verordnet wird, aber fordern kann, das sind verlässliche Daten. Und zwar über alle die Pandemie betreffenden Ereignisse – Daten, die auch ohne Verletzung des Datenschutzes erhoben werden könnten.

Dringend zu fordern wäre außerdem, der globalen Ökologie der Seuche mehr Beachtung zu schenken, statt immer noch den Glauben zu verbreiten, sie technizistisch „ausmerzen“ zu können.

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