Entnahme am lebenden Menschen

Organspende Die Organspende-Debatte erlebt ein politisches Revival. Neue wissenschaftliche Erkenntnisse spielen dabei keine Rolle

Wie viel Wahrheit steckt im Hamburg-Tatort?“, fragte die Boulevardpresse kürzlich vor der Ausstrahlung von „Leben gegen Leben“, in dem es um Organraub in Deutschland ging. Das Thema war stets geeignet für den nächtlichen Grusel, weshalb sich Günter Kirste, Vorstand der Deutschen Stiftung Organtransplantation (DSO), beeilte zu erklären, dass es hierzulande keinen Organhandel gebe. Der finde, so die offizielle Lesart, nur in der Dritten Welt statt und sei kriminell. Der Bayreuther Volkswirtschaftsprofessor Peter Oberender machte sich dagegen schon vor Jahren dafür stark, den Handel mit Körperorganen freizugeben: „Wenn jemand existenziell bedroht ist“, ließ er verlauten, „sollte er die Möglichkeit haben, sich und seine Familie durch den Verkauf von Organen zu finanzieren.“ Ihm schwebt eine geregelte Organbörse vor.

Der Steinmeier-Faktor

Nierenverkauf statt Hartz-IV-Transfer? Ganz so weit ist der Mainstream noch nicht. Doch die Nierenspende des SPD-Fraktionsvorsitzenden Frank-Walter Steinmeier für seine Frau hat das Thema Organspende wieder in die Schlagzeilen gebracht. Neben der Anteilnahme spielte politisches Kalkül eine große Rolle: Eine gebefreudige Sozialdemokratie positionierte sich gegen neoliberalen Egoismus. Ungeachtet der Tatsache, dass Steinmeiers Lebendspende mit dem normalen todesabhängigen Transplantationsgeschehen wenig zu tun hat, baute SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach den „Steinmeier-Faktor“ sofort in sein Polit-Design ein und startete eine fraktionsübergreifende Initiative, das seit dem 1997 geltende Transplantationsgesetz zu ändern.

Statt erweiterter Zustimmungsregelung, nach der die Betroffenen durch Spenderausweis oder die Angehörigen über eine Organspende entscheiden, will er Organspende zur Regel machen. Nur bei ausdrücklichem Widerspruch soll von einer Organentnahme abgesehen werden. Ein gemäßigterer Vorschlag, den auch Gesundheitsminister Philipp Rösler (FDP) unterstützt, läuft darauf hinaus, jeden Bürger einmal im Leben (etwa bei der Ausgabe des Personalausweises) nach seiner Organspendebereitschaft zu fragen. Flankiert von Promi-Kampagnen soll er auf sanfte Weise davon überzeugt werden, „Leben zu schenken“.

Einmal davon abgesehen, was die Vorstellung, es ließe sich beliebig über die Teile eines Individuums (was ja „Unteilbarkeit“ heißt) verfügen, für unser Menschenbild bedeutet, ist die deutsche Diskussion bemerkenswert unbeleckt von den internationalen wissenschaftlichen Debatten. Transplantationen basieren auf der Vereinbarung, dass die entnommenen Organe von toten Menschen stammen: Der Hirntod, so die 1968 vom Ad hoc Committee der Harvard Medical School verabredete, aber umstrittene Definition, ist der Tod des Menschen. Wäre dem nicht so, würden sich deutsche Ärzte strafbar machen, indem sie aktive Sterbehilfe leisten.

Über Jahre lebensfähig

Was ursprünglich die nach wissenschaftlichem Stand formulierte Begründung war, um intensivmedizinische Behandlungen abzubrechen, hat sich schnell zur unhintergehbaren Voraussetzung von Transplantationen entwickelt. Wie willkürlich diese Definition ist, lässt sich schon daran erkennen, dass in den meisten europäischen Ländern der Ausfall aller Hirnfunktionen maßgeblich ist, um den Todesschein auszustellen – in Großbritannien aber nur der Ausfall des Großhirns, das nach dortiger Rechtsauffassung die Person und damit den Menschen ausmacht.

Die Harvard-Kommission ging noch davon aus, dass die Hirntätigkeit den Organismus steuert und integriert. Fällt das Hirn aus, könne er zwar noch eine Zeitlang „am Laufen“ gehalten werden, breche dann aber unwiderruflich zusammen. In den USA allerdings ist über diese Annahme eine Fachdiskussion entbrannt, die das höchste bioethische Beratungsgremium, den President’s Council on Bioethics, auf den Plan rief. Vermehrt legen Studien nämlich nahe, dass auch hirntote Patienten noch über etliche hirnunabhängige Funktionen verfügen: Hirntote steuern selbsttätig ihre Temperatur, sie reagieren auf Schmerzreize mit Blutdruckanstieg, scheiden Körperstoffe aus, reifen geschlechtlich heran und sind sogar in der Lage, ein Kind auszutragen. Die von dem Neurologen Alan Shewmon zusammengetragenen 175 Fälle beweisen, dass hirntote Menschen noch am Leben sind und unter Umständen – wenn intensivmedizinische Maßnahmen nicht abgebrochen beziehungsweise keine Organe entnommen würden – über Jahre hinweg lebensfähig wären. Bestätigt werden diese Befunde durch neuere bildgebende Verfahren (Computertomografie, Magnetresonanztomografie), die darauf schließen lassen, dass bewusstseinsgestörte Patienten Schmerzreize wahrnehmen und Sprache erkennen, ohne dies nach außen vermitteln zu können.

Für hirntot erklärte können Fieber bekommen

Der US-amerikanische Ethikrat hat in einem ausführlichen Bericht auf diese neuen Erkenntnisse reagiert. Er stellt zwar, wie die Medizinethikerin Sabine Müller ausführt, keineswegs das Hirntodkriterium zur Disposition, erkennt aber an, dass dessen naturwissenschaftliche Herleitung widerlegt sei, und operiert nun mit neuen Begründungen. Zwar sei das Hirn offenbar nicht unerlässlich für jede Körperfunktion, doch mit dem Hirntod habe der Organismus „als Ganzes“ aufgehört zu existieren. Ausdrücklich wird das Hirntodkonzept nun mit den Erfordernissen der Transplantationsmedizin begründet: Würde man die so genannte dead donor rule, also die Regel, nach der der Hirntod den Tod des Menschen bedeutet, aufgeben, sei mit einem Organspenderückgang zu rechnen.

Ganz neu sind diese Erkenntnisse allerdings nicht. Das Pflegepersonal auf Intensivstationen und in den OP-Sälen wusste schon immer aus eigener Beobachtung zu berichten, dass für hirntot erklärte Patienten aussehen wie jeder andere bewusstlose Patient, dass sie ­Fieber bekommen können, ihr Blutdruck wechselt, oder dass sie während der Organentnahme sogar Reflexe zeigen. Um dieses Hor­ror­szenario zu vermeiden, werden Organspendern vorsorglich sedierende Medikamente verabreicht. Offensichtlich benötigt es aber technisch unterstützte Evidenz, diese Erfahrungen endlich ernst zu nehmen.

Nur wenige insbesondere bioethisch arbeitende Fachvertreter haben sich in Deutschland bislang auf dieses verminte Feld vorgewagt, neben Sabine Müller vor allem Stephan Sahm und Alexandra Manzei. Den Versuch, den Hirntod naturwissenschaftlich zu fundieren, erklärte Sahm in der FAZ für gescheitert und fordert darüber eine öffentliche Diskussion. Alexandra Manzei geht noch ein Stück weiter, indem sie einen anderen Vergleich anstellt: Jede technische Innovation außerhalb des Gesundheitssystems, sagt sie, die derart viele Ineffizienzen aufweise wie die Organspende, würde sofort vom Markt genommen. Als ineffizient gilt den Kritikern insbesondere die in Deutschland gängige Hirntodfeststellung, die auf einer klinischen Ausschlussdiagnostik beruht und zumindest bei Erwachsenen nicht zwingend durch ein EEG oder andere aufwändige Verfahren ergänzt werden muss; schon deshalb nicht, weil Letztere in vielen kleineren Kliniken nicht zur Verfügung stehen. Selbst wenn am Hirntodkriterium festgehalten wird, resümiert Sabine Müller, müsse zumindest „eine valide Hirntod-Diagnostik auf dem aktuellen wissenschaftlichen und technischen Stand“ vorgehalten werden.

De-facto-Nötigung zur Spende

Mittlerweile gestand der für die Bundesärztekammer zuständige Sachverständige Dieter Birnbacher zu, dass bei der Explantation „Organe von einem lebendem Organismus entnommen werden“. Die Konsequenzen daraus muten allerdings eher zynisch an. Um das Organaufkommen zu erhöhen, plädierte der Deutsche Ärztetag 2010 für die Widerspruchsregelung. BÄK-Vize Frank-Ulrich Montgomery reagierte skeptisch, er glaubt, das verunsichere die Bevölkerung eher. Damit „kein Organ verloren geht“, setzt er auf die Ausschöpfung der vorhandenen Reserven in den Krankenhäusern. Diese waren jedoch von jeher die Achillesferse im Transplantationsgeschehen, daran konnten weder finanzielle Anreize noch Druck etwas ändern: Im stressigen Tagesgeschäft vor Ort, konfrontiert mit Patienten und Angehörigen, ist man nach wie vor nicht scharf darauf, Organe zu entnehmen.

Wirklich dramatisch ist, dass das im Zusammenhang mit Organspende hoch gehaltene Selbstbestimmungsrecht mittlerweile geradezu ad absurdum geführt wird. Denn sowohl die Widerspruchsregelung als auch die Frage nach der Organspendebereitschaft stellt per se eine Nötigung zur Organspende dar. Wer sich dagegen entscheidet, fällt quasi aus der „Leben schenkenden“ Sozialgemeinschaft. Dass diese außerdem nicht bereit ist zu reflektieren, weshalb der Organbedarf immer größer wird, passt in den funktionalen Denkhorizont des gesamten Transplantationssystems. Organversagen in Folge von Übergewicht, Drogen- und Medikamentenmissbrauch nehmen ebenso zu wie die Retransplantationsrate, wenn das Organ erneut versagt. Ärzte klagen vermehrt über die mangelnde Disziplin transplantierter Patienten. Das heißt nicht, dass die Betroffenen in Schuldhaft für ihre Krankheit oder ihr Verhalten genommen werden sollen. Aber umgekehrt dürfen dann alle übrigen auch nicht zu potentiellen Organschuldnern gemacht werden.

Ulrike Baureithel hat ein Buch (zusammen mit Anna Bergmann, Herzloser Tod) zum Alltag in der Transplantationsmedizin veröffentlicht

11:00 13.03.2011
Geschrieben von

Ulrike Baureithel

Autorin und Vielfachbewegte in Berlin
Ulrike Baureithel

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