Ulrike Baureithel
13.03.2011 | 11:00 40

Entnahme am lebenden Menschen

Organspende Die Organspende-Debatte erlebt ein politisches Revival. Neue wissenschaftliche Erkenntnisse spielen dabei keine Rolle

Wie viel Wahrheit steckt im Hamburg-Tatort?“, fragte die Boulevardpresse kürzlich vor der Ausstrahlung von „Leben gegen Leben“, in dem es um Organraub in Deutschland ging. Das Thema war stets geeignet für den nächtlichen Grusel, weshalb sich Günter Kirste, Vorstand der Deutschen Stiftung Organtransplantation (DSO), beeilte zu erklären, dass es hierzulande keinen Organhandel gebe. Der finde, so die offizielle Lesart, nur in der Dritten Welt statt und sei kriminell. Der Bayreuther Volkswirtschaftsprofessor Peter Oberender machte sich dagegen schon vor Jahren dafür stark, den Handel mit Körperorganen freizugeben: „Wenn jemand existenziell bedroht ist“, ließ er verlauten, „sollte er die Möglichkeit haben, sich und seine Familie durch den Verkauf von Organen zu finanzieren.“ Ihm schwebt eine geregelte Organbörse vor.

Der Steinmeier-Faktor

Nierenverkauf statt Hartz-IV-Transfer? Ganz so weit ist der Mainstream noch nicht. Doch die Nierenspende des SPD-Fraktionsvorsitzenden Frank-Walter Steinmeier für seine Frau hat das Thema Organspende wieder in die Schlagzeilen gebracht. Neben der Anteilnahme spielte politisches Kalkül eine große Rolle: Eine gebefreudige Sozialdemokratie positionierte sich gegen neoliberalen Egoismus. Ungeachtet der Tatsache, dass Steinmeiers Lebendspende mit dem normalen todesabhängigen Transplantationsgeschehen wenig zu tun hat, baute SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach den „Steinmeier-Faktor“ sofort in sein Polit-Design ein und startete eine fraktionsübergreifende Initiative, das seit dem 1997 geltende Transplantationsgesetz zu ändern.

Statt erweiterter Zustimmungsregelung, nach der die Betroffenen durch Spenderausweis oder die Angehörigen über eine Organspende entscheiden, will er Organspende zur Regel machen. Nur bei ausdrücklichem Widerspruch soll von einer Organentnahme abgesehen werden. Ein gemäßigterer Vorschlag, den auch Gesundheitsminister Philipp Rösler (FDP) unterstützt, läuft darauf hinaus, jeden Bürger einmal im Leben (etwa bei der Ausgabe des Personalausweises) nach seiner Organspendebereitschaft zu fragen. Flankiert von Promi-Kampagnen soll er auf sanfte Weise davon überzeugt werden, „Leben zu schenken“.

Einmal davon abgesehen, was die Vorstellung, es ließe sich beliebig über die Teile eines Individuums (was ja „Unteilbarkeit“ heißt) verfügen, für unser Menschenbild bedeutet, ist die deutsche Diskussion bemerkenswert unbeleckt von den internationalen wissenschaftlichen Debatten. Transplantationen basieren auf der Vereinbarung, dass die entnommenen Organe von toten Menschen stammen: Der Hirntod, so die 1968 vom Ad hoc Committee der Harvard Medical School verabredete, aber umstrittene Definition, ist der Tod des Menschen. Wäre dem nicht so, würden sich deutsche Ärzte strafbar machen, indem sie aktive Sterbehilfe leisten.

Über Jahre lebensfähig

Was ursprünglich die nach wissenschaftlichem Stand formulierte Begründung war, um intensivmedizinische Behandlungen abzubrechen, hat sich schnell zur unhintergehbaren Voraussetzung von Transplantationen entwickelt. Wie willkürlich diese Definition ist, lässt sich schon daran erkennen, dass in den meisten europäischen Ländern der Ausfall aller Hirnfunktionen maßgeblich ist, um den Todesschein auszustellen – in Großbritannien aber nur der Ausfall des Großhirns, das nach dortiger Rechtsauffassung die Person und damit den Menschen ausmacht.

Die Harvard-Kommission ging noch davon aus, dass die Hirntätigkeit den Organismus steuert und integriert. Fällt das Hirn aus, könne er zwar noch eine Zeitlang „am Laufen“ gehalten werden, breche dann aber unwiderruflich zusammen. In den USA allerdings ist über diese Annahme eine Fachdiskussion entbrannt, die das höchste bioethische Beratungsgremium, den President’s Council on Bioethics, auf den Plan rief. Vermehrt legen Studien nämlich nahe, dass auch hirntote Patienten noch über etliche hirnunabhängige Funktionen verfügen: Hirntote steuern selbsttätig ihre Temperatur, sie reagieren auf Schmerzreize mit Blutdruckanstieg, scheiden Körperstoffe aus, reifen geschlechtlich heran und sind sogar in der Lage, ein Kind auszutragen. Die von dem Neurologen Alan Shewmon zusammengetragenen 175 Fälle beweisen, dass hirntote Menschen noch am Leben sind und unter Umständen – wenn intensivmedizinische Maßnahmen nicht abgebrochen beziehungsweise keine Organe entnommen würden – über Jahre hinweg lebensfähig wären. Bestätigt werden diese Befunde durch neuere bildgebende Verfahren (Computertomografie, Magnetresonanztomografie), die darauf schließen lassen, dass bewusstseinsgestörte Patienten Schmerzreize wahrnehmen und Sprache erkennen, ohne dies nach außen vermitteln zu können.

Für hirntot erklärte können Fieber bekommen

Der US-amerikanische Ethikrat hat in einem ausführlichen Bericht auf diese neuen Erkenntnisse reagiert. Er stellt zwar, wie die Medizinethikerin Sabine Müller ausführt, keineswegs das Hirntodkriterium zur Disposition, erkennt aber an, dass dessen naturwissenschaftliche Herleitung widerlegt sei, und operiert nun mit neuen Begründungen. Zwar sei das Hirn offenbar nicht unerlässlich für jede Körperfunktion, doch mit dem Hirntod habe der Organismus „als Ganzes“ aufgehört zu existieren. Ausdrücklich wird das Hirntodkonzept nun mit den Erfordernissen der Transplantationsmedizin begründet: Würde man die so genannte dead donor rule, also die Regel, nach der der Hirntod den Tod des Menschen bedeutet, aufgeben, sei mit einem Organspenderückgang zu rechnen.

Ganz neu sind diese Erkenntnisse allerdings nicht. Das Pflegepersonal auf Intensivstationen und in den OP-Sälen wusste schon immer aus eigener Beobachtung zu berichten, dass für hirntot erklärte Patienten aussehen wie jeder andere bewusstlose Patient, dass sie ­Fieber bekommen können, ihr Blutdruck wechselt, oder dass sie während der Organentnahme sogar Reflexe zeigen. Um dieses Hor­ror­szenario zu vermeiden, werden Organspendern vorsorglich sedierende Medikamente verabreicht. Offensichtlich benötigt es aber technisch unterstützte Evidenz, diese Erfahrungen endlich ernst zu nehmen.

Nur wenige insbesondere bioethisch arbeitende Fachvertreter haben sich in Deutschland bislang auf dieses verminte Feld vorgewagt, neben Sabine Müller vor allem Stephan Sahm und Alexandra Manzei. Den Versuch, den Hirntod naturwissenschaftlich zu fundieren, erklärte Sahm in der FAZ für gescheitert und fordert darüber eine öffentliche Diskussion. Alexandra Manzei geht noch ein Stück weiter, indem sie einen anderen Vergleich anstellt: Jede technische Innovation außerhalb des Gesundheitssystems, sagt sie, die derart viele Ineffizienzen aufweise wie die Organspende, würde sofort vom Markt genommen. Als ineffizient gilt den Kritikern insbesondere die in Deutschland gängige Hirntodfeststellung, die auf einer klinischen Ausschlussdiagnostik beruht und zumindest bei Erwachsenen nicht zwingend durch ein EEG oder andere aufwändige Verfahren ergänzt werden muss; schon deshalb nicht, weil Letztere in vielen kleineren Kliniken nicht zur Verfügung stehen. Selbst wenn am Hirntodkriterium festgehalten wird, resümiert Sabine Müller, müsse zumindest „eine valide Hirntod-Diagnostik auf dem aktuellen wissenschaftlichen und technischen Stand“ vorgehalten werden.

De-facto-Nötigung zur Spende

Mittlerweile gestand der für die Bundesärztekammer zuständige Sachverständige Dieter Birnbacher zu, dass bei der Explantation „Organe von einem lebendem Organismus entnommen werden“. Die Konsequenzen daraus muten allerdings eher zynisch an. Um das Organaufkommen zu erhöhen, plädierte der Deutsche Ärztetag 2010 für die Widerspruchsregelung. BÄK-Vize Frank-Ulrich Montgomery reagierte skeptisch, er glaubt, das verunsichere die Bevölkerung eher. Damit „kein Organ verloren geht“, setzt er auf die Ausschöpfung der vorhandenen Reserven in den Krankenhäusern. Diese waren jedoch von jeher die Achillesferse im Transplantationsgeschehen, daran konnten weder finanzielle Anreize noch Druck etwas ändern: Im stressigen Tagesgeschäft vor Ort, konfrontiert mit Patienten und Angehörigen, ist man nach wie vor nicht scharf darauf, Organe zu entnehmen.

Wirklich dramatisch ist, dass das im Zusammenhang mit Organspende hoch gehaltene Selbstbestimmungsrecht mittlerweile geradezu ad absurdum geführt wird. Denn sowohl die Widerspruchsregelung als auch die Frage nach der Organspendebereitschaft stellt per se eine Nötigung zur Organspende dar. Wer sich dagegen entscheidet, fällt quasi aus der „Leben schenkenden“ Sozialgemeinschaft. Dass diese außerdem nicht bereit ist zu reflektieren, weshalb der Organbedarf immer größer wird, passt in den funktionalen Denkhorizont des gesamten Transplantationssystems. Organversagen in Folge von Übergewicht, Drogen- und Medikamentenmissbrauch nehmen ebenso zu wie die Retransplantationsrate, wenn das Organ erneut versagt. Ärzte klagen vermehrt über die mangelnde Disziplin transplantierter Patienten. Das heißt nicht, dass die Betroffenen in Schuldhaft für ihre Krankheit oder ihr Verhalten genommen werden sollen. Aber umgekehrt dürfen dann alle übrigen auch nicht zu potentiellen Organschuldnern gemacht werden.

Ulrike Baureithel hat ein Buch (zusammen mit Anna Bergmann, Herzloser Tod) zum Alltag in der Transplantationsmedizin veröffentlicht

Kommentare (40)

RAJmue 13.03.2011 | 18:41

Liebe Frau Baureithel,

ganz großen Dank für diesen Artikel.

Er sollte auch und vor allem von denen gelesen werden, die "auf der anderen Seite" die Hände ringen wegen des Mangels an geeigneten Organen und der daraus resultierenden Tatsache, dass inzwischen selbst Organe in einem bislang als mangelhaft erachteten Zustand transplantiert werden oder Organe der Größe wegen zurechtgestutzt werden müssen, wie aus dem Bereich der Lungentransplantation bekannt. Auch sind die teils absurden und kontraproduktiven Zuweisungsregeln für die Empfänger eine Folge des Mangels. Hat man primär den Empfängerkandidaten im Blick, dessen klinischer Zustand sich ohne Transplantation laufend und irreversibel verschlechtert, so neigt man leicht dazu, die ganz elementaren Betrachtungen, die Sie anstellen, aus dem Auge zu verlieren.

Wo die Lösung liegt und ob es überhaupt eine gibt, weiß ich nicht. Vielleicht ist es tatsächlich so, dass Menschen bewusst die Entscheidung treffen können, in (noch) lebendem Zustand als Spendelager zu dienen und sich somit definitiv umbringen zu lassen. Das müsste ja nicht zwingend verwerflich sein, solange es eine rein persönliche Entscheidung darstellt, so wie man sein Leben ja auch bei der Rettung eines anderen aufopfern kann (auch wenn die Abstraktheit des Bezuges zum „Nächsten“ nicht vergleichbar ist).

Allerdings ändert ein in eben diese Richtung weisender sozialer Zwang, den Sie andeuten, die Sachlage gravierend, und die Auslassungen des Herrn Oberender stellen nur eine von mehreren möglichen Verlängerungen dieses Zwangs dar. Nichts spräche ja dagegen, im kapitalistischen Kalkül Armen die Organspende als ihr letztes verbliebenes „Humankapital“ durch Entzug der finanziellen Unterstützung zur Pflicht zu machen, auch wäre es nur logisch, sie im Interesse einer hohen Qualität der Spenderorgane zu überwachen, kasernieren usw.

Noch einmal Dank für diesen Artikel, ich werde ihn weiterempfehlen.

rolf netzmann 13.03.2011 | 20:28

Organspende ist eben nicht nur ein medizinisches, sondern auch ein zutiefst menschliches Problem. Ein Organspender setzt sich mit der Endlichkeit des eigenen Seins auseinander, damit, dass Organe von ihm anderer Menschen Leben verlängern können.
Das hat nichts mit dem Menschen als Ersatzteillager zu tun, auch überhaupt nichts mit dem sozialen Status eines Menschen. Wenn man weiss, dass nur 3 % aller Toten als Spender in Frage kommen, legt man wissenschaftlich fundierte Kriterien an, dann wird das Ausmass des "Defizites" deutlich. Auf der einen Seite eine wachsende Zahl an Kranken, die auf eine Spende dringend angewiesen sind, auf der anderen zu wenig Spender.
In einer nur auf Gewinnmaximierung fokussierten Gesellschaft führt dieser Zustand dann dazu, dass Gedanken auftauchen, welche nicht ethisch-moralisch vertretbar, ja sogar zutiefst unmenschlich und , nur mal by the way, auch grundgesetzwidrig sind. "Die Würde des Menschen ist unantastbar" heisst es dort, wer sozial Schwächere als potentielle Organspender einkalkuliert, nimmt diesen Menschen das letzte bisschen Würde, das sie noch haben.

Als jemand, der selber einen Organspendeausweis immer mit sich führt, plädiere ich immer noch für Freiwilligkeit. Über den eigenen Körper selber entscheiden, gerade in einer Situation, in der ein Mensch noch organisch lebt, unabdingbare Vorraussetzung für eine Organspende, aber nicht mehr über sich entscheiden kann, das halte ich für wichtig.
Es ist aus meiner Sicht mit der Menschenwürde nicht vereinbar, in einer solchen Frage Menschen unter Druck zu setzen, nur weil sie damit anderen Menschen helfen können.
Der Zweck heiligt hier nicht die Mittel.
Eine Aufklärungskampagne, sachlich gehalten und informativ, mit Menschen, deren Leben durch Spenderorgane verlängert wurde, mit Menschen, welche sich bereit erklären, im Falle des Falles zu spenden, dies wäre viel effektiver und im übrigen würde es der Brisanz des Themas auch gerechter werden.

MrsSinclair 14.03.2011 | 10:39

Ein sehr interessanter Artikel, vielen Dank.

Kann man denn "nur" mit besagter klinischer Ausschlussdiagnostik den Hirntod zuverlässig feststellen? Mich hat jetzt schon die Aussage überrascht, dass standardmäßig kein EEG gemacht wird. Aber ich hab auch wenig bis keine Ahnung davon. Weiß jemand mehr?

Die Aussage von Prof. Oberender habe ich letztens bei der Guttenberg Geschichte schon mal aufgeschnappt und war echt schockiert. Das ist einfach nur wiederlich, was der Mann da vorschlägt.

Zur Widerspruchsregelung: Ich denke auch, dass das viele Menschen verunsichern würde. Aber mind. einmal im Leben sollte man mit dieser Frage schon konfrontiert werden, da finde ich die Sache mit dem Personalausweis nicht schlecht. Ich persönlich (möglicherweise geht das vielen so?) hatte lange keine Ahnung, dass es sich beim Organspendeausweis "nur" um ein selbst auszufüllendes Pappkärtchen handelt, bis ich mich dann endlich mal aufgerafft und deren Homepage besucht habe. Ich denke, dass könnte man auch durchaus etwas bekannter machen, wie simpel der Vorgang ist, denn der Mensch ist nun auch einfach mal sehr faul.

Ulrike Baureithel 14.03.2011 | 11:12

Das deutsche Transplantationsgesetz sieht das EEG verbindlich nur bei Kindern und in Streitfällen vor; in der Praxis ist es allerdings so, dass meist ein EEG gemacht wird - die sog. "Nulllinie" entscheidet dann darüber, ob ein Patient als hirntot eingestuft wird. Allerdings ist auch ein EEG interpretierbar. Und man muss den Alltag in den Kliniken berücksichtigen: Vielleicht ist gerade Wochenende, sodass aufgrund fehlenden Personals keine abschließende Hirntoddiagnostik vorgenommen werden kann: Ist ein Patient dann tot oder lebt er noch? Mein Artikel wollte darauf abzielen, wie willkürlich Grenzziehung zwischen Leben und Tod ist - eben auch zeitlich.
Was die Frage bei der Ausstellung des Personalausweises betrifft: Der wird in vielen Fällen schon mit 16 Jahren ausgegeben, spätestens mit 18. Ich glaube, dass viele junge Menschen sich in diesem Alter nicht wirklich mit dem Tod auseinandersetzen und die Tragweite einer Organspende beurteilen können - und dazu sollten sie auch nicht gezwungen werden. Die Nötigung zur Auseinandersetzung mit dem Tod wird uns schon qua Patientenverfügung ect. auferlegt - ich fände es besser, die Gesellschaft befasste sich mehr mit dem Sterben als mit dem "nützlichen" Tod.

Ulrike Baureithel 14.03.2011 | 11:21

Vielen Dank. Über die Zuweisungsregelungen konnte ich aus Platzgründen überhaupt nichts schreiben. Wir gab in der Vergangenheit ja entsprechende Skandale in deutschen Kliniken.
Von "umbringen lassen" habe ich allerdings nicht gesprochen, es ist komplizierter. Ich fand es immer am "sprechendsten", dass Ärzte und Personal immer relativ wenig Interesse daran zeigten, potentielle Spender zu melden. Nicht nur wegen der Umstände, die das nach sich zieht, sondern wegen der aktiven Rolle, die sie dabei spielen müssen, die dann eben gar nicht mehr "abstrakt" ist, sondern konkret.
Und ich mag mir nicht vorstellen, in einer Gesellschaft zu leben, in der arme Menschen irgendwann - ob genötigt oder nicht - Organe "verticken", als Leihmütter herhalten müssen oder was der medizinische Markt sonst noch so im Angebot hat.

MrsSinclair 14.03.2011 | 12:40

Danke für die Info. Ein wirklich schwieriges Thema...

Mit dem Alter haben Sie natürlich Recht, das ist problematisch. Und es soll ja auch niemand zu einer Auseinandersetzung mit dem Thema oder gar Entscheidung gezwungen werden. Wenn sich jemand partout nicht damit beschäftigen möchte, ok. Aber etwas mehr Information (Info-Broschüre in die Hand drücken o. ä.) wäre m. M. n. nicht verkehrt und würde die erreichen, die zwar offen für eine Auseinandersetzung sind, aber sich aus welchen Gründen auch immer noch nicht näher damit befasst haben.

Jan Fremder 14.03.2011 | 13:12

Zitat: "Aber etwas mehr Information (Info-Broschüre in die Hand drücken o. ä.) wäre m. M. n. nicht verkehrt"

Für mich macht es den Anschein, wirkliche Aufklärung ist nicht erwünscht.
In D gibt es massive Werbekampagnen für Organsspende (hier in Berlin in fasst jedem S-Bahnhof und an einigen Gebäuden).
Der "offizielle" Ausweis mit Erklärung zur Organsspende ist als "Organspendeausweis" deklariert, auch wenn man ankreuzt, dass man gegen Organ- und Gewebeentnahme ist. Vertreter der Politik machen auch eindeutig Werbung dafür.

Ganz anders in der Schweiz. Dort wird an die Bevölkerung appeliert eine Erklärung zu machen, egal wie diese im Endeffekt ausfällt.

Eine "informierte Entscheidung" setzt Auseinandersetzung mit dem Thema voraus.
Und dies wäre den Spenderraten vermutlich abträglich.
Von freier Entscheidung kann hier keine Rede sein, es gibt sogar Firmen, die von sich Werben "Wir sind Pro und Du?".

Es wäre interessant zu erfahren, wieviel die Spenderausweisbesitzer tatsächlich über
A) Die Hirntoddiagnostik als Voraussetzung und B) Das Prozedere der Organ- und Gewebeexplantation wissen.

Und das hat mit der Werbung "Werde Lebensretter!" und "Edler Spendebereitschaft" nicht mehr viel zu tun.

Jan Fremder 14.03.2011 | 13:42

Zitat: "Weißt du denn, wie die Spendenbereitschaft in der Schweiz aussieht?"

Glaube mich zu erinnern, dass die Spendebereitschaft geringer war.

Zitat: "Verstehe ich das richtig, dass dort besser und umfassender aufgeklärt wird als bei uns?"

Das vielleicht nicht, aber die "Werbung" war nur für eine Erklärung also dass die Leute schriftlich festlegen ob sie bereit sind oder nicht. Die eigentliche Entscheidung wird ihnen selbst überlassen und zugetraut.
Hierzulande setzt man mehr auf sozialen Druck als auf Argumente. Und da muss man sich auch fragen woran das liegt. Anscheinend kann nicht erklärt werden, warum der Hirntod so sicher ist, außer "bisher hat sich nachher noch keiner beschwert".

Mario H. 14.03.2011 | 14:10

Letzten Endes stellt sich doch die Frage, was Leben für den Menschen ist. Bin ich lebendig, weil mein Organismus irgend etwas tut oder weil ich - im weitesten Sinne - denken, agieren, reagieren kann.
Mir scheint das hirntote Leben, das im Artikel erläutert wird, eher auf der Basis unterhalb einer Amöbe zu sein, unwesentlich lebendiger als ein Auto.
Wenn ich nicht bereits seit vielen Jahren einen Spenderausweis hätte, würde ich ihn nach der Lektüre dieses Artikels ausfüllen. Und zwar, weil ich eben nicht so enden möchte.

Jan Fremder 14.03.2011 | 15:21

Zitat: "Letzten Endes stellt sich doch die Frage, was Leben für den Menschen ist. Bin ich lebendig, weil mein Organismus irgend etwas tut oder weil ich - im weitesten Sinne - denken, agieren, reagieren kann."

Die Frage ist, bist Du lebendig, weil andere Dein Denken, agieren und reagieren erkennen und als solches interpretieren können/wollen.

Zitat: "Und zwar, weil ich eben nicht so enden möchte."

Wie enden? Nach Feststellung des Hirntods kann man die Maschinen abstellen lassen und in einigen Minuten konventionell versterben oder noch einige Stunden oder Tage auf die Transplantation vorbereitet und während vieler Stunden explantiert werden.

RAJmue 14.03.2011 | 16:05

Vielen Dank für Ihre Antwort. Die Zuweisungsregeln sind ja nicht nur ein Feld für Skandale, sondern wirklich extrem problematisch. Transplantiert man denjenigen zuerst, der in nächster Zeit (2-4 Wochen) ohne Transplantation versterben würde, der aber dann aufgrund seines damit einhergehenden schlechten Allgemeinzustandes auch nach Transplantation nur eine verringerte Lebenserwartung im Vergleich zum Mittel hat? Oder transplantiert man den, der noch in relativ gutem klinischem Allgemeinzustand ist und ein längeres und besseres Überleben nach Transplantation zu erwarten hat? Diese Fragen stellen sich täglich auf den Wartestationen neu. Zumindest bei Lungentransplantationen fällt die Entscheidung primär zugunsten der Ersteren. Mit „umbringen“ meinte ich, dass im Lichte der heutigen medizinischen Möglichkeiten, organische Funktionen zu erhalten, und sei es mit externer Unterstützung, die Ränder dessen unscharf werden, was man unter "leben" versteht. Und die Entnahme lebensnotwendiger Organe heißt eben einen, sei es auch noch so unterstützungsbedüftigen Organismus, aktiv umbringen, da sollte man das Wort nicht scheuen.

merdeister 14.03.2011 | 22:07

Liebe Frau Baureithel,

einen Organspendeausweis habe ich seit ich 16 bin in der Tasche. Mir persönlich(!) machen die Erkenntnisse keine Bauchschmerzen. Wenn ich (mein Körper?) außer zum regulieren meiner Temperatur, meines Blutdrucks und meiner Verdauung zu nichts mehr in der Lage bin, kann hoffentlich jemand anders mehr mit meinen Organen anfangen. Informieren muss man natürlich darüber, erforschen muss man es auch.

Was ich von Ihrem Text halten soll, weiß ich nicht wirklich. Wenn Sie schreiben:

Das Pflegepersonal auf Intensivstationen und in den OP-Sälen wusste schon immer aus eigener Beobachtung zu berichten, dass für hirntot erklärte Patienten aussehen wie jeder andere bewusstlose Patient, dass sie ­Fieber bekommen können, ihr Blutdruck wechselt, oder dass sie während der Organentnahme sogar Reflexe zeigen.

steckt da für mich zum einen die Aussage drin, ÄrztInnen würden diese Beobachtungen nicht machen oder sie wären ihnen egal.

Zum anderen müsste es heißen während der Organentnahme lediglichReflexe zeigen, denn die Reflexe von denen Sie schreiben spielen sich im Rückenmark ab, das Gehirn hat damit nichts zu tun (außer mein Wissen ist veraltet).

Jan Fremder 14.03.2011 | 22:26

Zitat: "Zum anderen müsste es heißen während der Organentnahme lediglich Reflexe zeigen, denn die Reflexe von denen Sie schreiben spielen sich im Rückenmark ab"

In diesem Trainingsmaterial für Pfleger stand:
„spontan oder auf äußere Reize auftretende Bewegungen … Phänomen spricht nicht gegen den Hirntod, sondern gerade zu typisch dafür“ (www.intensive-care-power.at/J%C3%BCrgen%20Haslinger.pdf)

Also Vorsicht beim Reagieren mit Bewegungen auf spontane oder auf äußere Reize!
Man könnte für Hirntod gehalten werden :)

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Ehemaliger Nutzer 14.03.2011 | 23:12

Danke, sehr schöner Artikel ...
Ich habe noch eine Variante aus China: 1 - 5 Delinquenten werden aus ihren Zellen geführt, gleichzeitig klingelt das Handy bei einem bärtigen Mann. Er nickt. "Du musst gehen, es ist so weit." Sie ging, mit einem sterilen Arztkoffer ... später habe ich sie wieder gefunden, im Internet, als Mitarbeiterin in einer Clinic for Kidney deseases. Man höre, man staune. Im übernächsten (~) Blog aus China kommt dazu etwas.
Die Ethik, die hier eine grundlegende Rolle in der Gestaltung des Handelns spielt, erfährt in anderen Weltgegenden eine unterschiedliche Wertschätzung.
Auf jeden Fall, und das sage ich ganz ohne irgendeine moralische oder ethische Wertung, ist ein immens lohnendes Geschäft. Die Organe mussten eisgekühlt spätestens 24 Std. später vor Ort sein. Das erfordert, egal wo auf der Welt, eine exakte Logistik, die kann nicht ohne Wissen und Unterstützung – mithin Bakschisch – für die/den bewilligende(n) Behörde(n) installiert werden … inkl. Tatütata Begleitung. Die sich selbst übertäubende Geldgier, die jegliche Bedenken zur Seite wischt hat mich an diesem Volk stets erstaunt. Den Gipfel dieser Haltung habe ich vorher definitiv nicht für möglich gehalten.
In diesem Sinne … ein aufschlussreicher Artikel

Heimatloser 14.03.2011 | 23:25

Ich bin ähnlich zwiespältig hinsichtlich des Artikels. Einerseits weiß ich um das Leid von Kranken, die auf ein Spenderorgan warten. Andererseits weiß ich aber eben auch von Untersuchungen an 'Hirntoten', die noch Aktivität im EEG hatten, wenn man die Elektroden direkt auf das Gehirn setzte und dann den Sauerstoff abdrehte.
Für mich ist es wichtig, die Menschen ehrlich und umfassend aufzuklären, Mißbrauch durch entsprechende Prozeduren weitestgehend zu verhindern und keinen zwecks eines bestimmten Verhaltens moralisch oder sont irgendwie unter Druck zu setzen. Nur so kann eine bewußte, freie Entscheidung getroffen werden, die mittelfristig hoffentlich auch zu einem höheren 'Angebot' an Organen führt. Ich persönlich habe Merdeisters Variante (Spenderausweis) gewählt, allerdings erst mit 30 :-)

Jan Fremder 14.03.2011 | 23:43

Hallo Heimatloser,

ich habe ja auch Bedenken meine Bedenken allzu öffentlich zu diskutieren.
Weil eben auch nicht wenige auf ein Spenderorgan warten / darauf angewiesen sind. Und deren Dilemma verstehe ich auch.

Überlege die Punkte nochmal als Blogeintrag kurz einzustellen und nach paar Tagen wieder zu löschen.
Mich schreckt ziemlich viel an der Materie ab und bin momentan eher dafür, im Falle des Falles, weder zu empfangen noch zu spenden.
Sterben ist Mist. Aber im Fall des Falles mein Leben auf zweifelhafte Dauer zu verlängern und dafür jemand anders explantieren zu lassen - mit all dem Beigeschmack und der Zweifel an Abläufen und Definition von Voraussetzungen für den andern Sterbenden und seiner Angehöriger - will ich nicht. In erster Linie aber wahrscheinlich, weil man nicht umhin kommt sich selbst in die Situation des andern zu versetzen. Und ich hab auch erhebliche Zweifel, dass die Mehrheit weiß, wozu sie da zustimmt.
Ansonsten würde ich aber alle sonstigen Register ziehen, um am Leben zu bleiben.
Und wenn Lebendspende von Verwandten hülfe auch das machen. Ansonsten hat sich das Thema mit der Stammzellenforschung und der Züchtung von Organen in der Petrischale hoffentlich in naher Zukunft gegessen.

Heimatloser 15.03.2011 | 00:11

"Im Normalfall reicht so ein Spenderausweis u.U. nicht, die Angehörigen werden trotzdem gefragt."
Das ist richtig. Manchmal muss man sagen: leider. Weil es nicht selten vorkommt, dass Angehörige trotz vorliegendem Spenderausweis die Organentnahme verweigern. Und den Fall, dass man sich über deren Votum hinwegsetzt, habe ich noch nicht erlebt. Ich glaube, unsere vereinigte Juristenschar würde sich auf die Prozesse freuen, schließlich sind die Angehörigen ja die Erben der 'Sache' Leiche.

Jan Fremder 15.03.2011 | 00:38

Zitat: "Ich glaube, unsere vereinigte Juristenschar würde sich auf die Prozesse freuen, schließlich sind die Angehörigen ja die Erben der 'Sache' Leiche."

Kennen Sie denn ein Beispiel wo es zu einer Klage kam?
Eigentlich sind die gesetzlichen Regelungen doch klar und es gibt weitaus zweifelhaftere Fälle, wo es zu keinen negativen juristischen Konsequenzen kam.

Nehmen wir die Österreichische Widerspruchsregelung. Da kann es vorgekommen, dass man als Deutscher Tourist ohne Spenderausweis oder Einwilligung von Verwandten explantiert wird. Ist geltendes Recht.

Ulrike Baureithel 15.03.2011 | 10:41

"Nehmen wir die Österreichische Widerspruchsregelung. Da kann es vorgekommen, dass man als Deutscher Tourist ohne Spenderausweis oder Einwilligung von Verwandten explantiert wird."

richtig ist, dass in Österreich die Widerspruchsregelung gilt und bis vor zehn, 15 Jahren war es tatsächlich so, dass auch Ausländern ohne weiteres Organe entnommen werden. Inzwischen sind die Österreicher von dieser Praxis jedoch abgerückt und es wird nachgefragt.

Jan Fremder 15.03.2011 | 14:09

Hallo Frau Baureithel,

Zitat: 'allerdings sollte sich diese Entscheidung nach dem "mutmaßlichen Willen" des Betroffenen richtig.'

das ist eine sehr schwammig formulierte Regelung. Wie soll das denn im konkreten Klinikalltag aussehen?

Die Spenderaten in Spanien sind u.a. so hoch, weil dort intensiv auf "Beratung" der Angehörigen gesetzt wird. Und das Ziel ist vorwiegend die Spenderaten zu erhöhen, nicht den Willen der Betreffenden detektivisch herauszufinden.

Jan Fremder 15.03.2011 | 14:12

PS: Zitat: "Berater der Angehörigen
Die andere Aufgabe des Koordinators besteht darin, die Angehörigen des Verstorbenen taktvoll anzusprechen und ihr Einverständnis zur Organentnahme zu bekommen. Da die spanischen Koordinatoren eine besondere Fortbildung zu den psychologischen Aspekten dieses schwierigen Momentes absolviert haben, erzielen sie im Allgemeinen gute Ergebnisse: 84% der Familien stimmen zu - gegenüber 60% in Europa."

(Arte Journal Artikel )

MrsSinclair 15.03.2011 | 14:29

Auf der einen Seite klingt das FAST ein bisschen wie bequatschen (ist denk ich ein sehr schmaler Grat), auf der anderen Seite doch sehr sinnvoll. Wenn man die Angehörigen in so einer schweren Zeit alleine lässt und sie kaum bis gar nicht aufklärt, ist es schon nachvollziehbar, dass viele Nein sagen. Gerade, wenn sie sich noch nie mit dem Thema auseinandergesetzt haben. Warum wird das bei uns nicht so gehandhabt? Wieder mal kein Geld? Oder hat niemand "Lust", das bestehende System zu verändern? Ist ja mit Sicherheit auch erstmal mit großen Schwierigkeiten verbunden.

Jan Fremder 15.03.2011 | 15:29

Hallo MrsSinclair,

die Koordinatoren in den Kliniken werden in Spanien von der Organspendebehörde gestellt.
Deren erklärtes Ziel ist es, die Spenderate zu erhöhen.

Wieviel Spielraum für neutrale Aufklärung und Entscheidungs-Unterstützung bleibt da Ihrer Meinung nach?

Auch hierzulande gibt's ja Berichte von Angehörigen, wie das abläuft.
(Gut die KAO z.B. ist sicher auch nicht gerade was man neutral oder aufgeklärt nennt, aber Erfahrungen sind Erfahrungen)

Aber was das für die Sterbenden und Angehörigen wirklich bedeutet - das kann man ja ausblenden.

"Ihr_e Sohn / Tochter war doch ein sozialer Mensch, der/die gerne anderen geholfen hat?"

Man macht den eigentlichen Vorgang so abstrakt, dass es nichts mehr mit den tatsächlichen Abläufen zu tun hat.

Was der Hirntod ist und das diese Bezeichnung auf ganz verschiedene Zustände zutreffen kann. Dass keineswegs das ganze Gehirn tot sein muss - oder wie viele annehmen bereits verwest, sich damit richtig auseinanderzusetzen ist gar keine Zeit.
Wir vertrauen Medizinern, wie wir Politikern vertrauen, die werden schon die Kompetenz haben das richtig zu Beurteilen.
Wozu man den Angehörigen da übergibt, was es für die Leute drumherum bedeutet (Schwestern, Pfleger, Bestattungspersonal) - das alles tritt zurück.

Was wird denn an Schulungen unternommen, damit Ärzte auf das gesundheitsschädliche / organschädigende Verhalten von Patienten Einfluss nehmen? Gibt's da auch Koordinatoren an jeder größeren Klinik?

Ulrike Baureithel 15.03.2011 | 15:47

"steckt da für mich zum einen die Aussage drin, ÄrztInnen würden diese Beobachtungen nicht machen oder sie wären ihnen egal"

egal sicher nicht, aber sie werden in ihrem Alltag tatsächlich nicht in gleicher Weise damit konfrontiert. Es gab dazu einmal ein eindrucksvolles Buch: "Ich pflege Tote", in dem von Pflegenden in den unterschiedlichen Bereichen über ihre Erfahrungen berichten.

Jan Fremder 16.03.2011 | 15:00

Am Rande ist mir aufgefallen, wie passend sich das Thema in die Rubrik „Machtphilosophie“ einfügt. Deklariert Hirntote sind im Sinne des Wortes ohnmächtig. Ihre Interessen können maximal durch Stellvertreter und Angehörige gewahrt werden.
Ansonsten werden alle Äußerungen oder ihr Fehlen vorwiegend im Sinne sonstig beteiligter Interessengruppen gedeutet. Das hat mich ein bisschen an die Nicht-Wähler-Problematik erinnert. Nach einigen Medienstimmen seien die Nichtwähler eben mit dem zufrieden, was als Regierung gegeben ist und wollten sich deshalb nicht äußern. Wählten aus Zufriedenheit, mit dem was ist, also bewusst nicht.

Kurzum, wer sich nicht äußern kann, der äußert sich im Sinne derer, die über ihn verfügen. Und hier sieht man ein Extrem klar anschaulich vorliegen. Geht diese Ohnmacht ins Absolute, geht auch die Art der Verfügung ins Absolute. Die Wirkung gegen die Interessen der äußerungsunfähigen Person hinsichtlich für die Interessen der verfügenden Gewalt wächst ins beinahe nicht mehr steigerungsfähige Ausmaß. Es lassen sich kaum Situationen vorstellen, in denen ein Prozess einer Seite so derartig zusetzt und dann noch als ihr Wille deklariert wird, während sie vornehmlich anderen Beteiligten nutzt.

Gut, sie nutzt der Gruppe der potentiellen Organspender und Empfänger, die einen Organ-Pool bilden insgesamt. Es ist unglaublich schwierig, da eine Entscheidung für oder wider zu treffen.

Von den Leuten, die auf ein Organ warten, bekommt man Feedback über das Leid und den Zustand, fortdauernd und mit Sicherheit. Und dass diese verzweifelt sind und Hilfe brauchen ist mehr als einsichtig.

Die Leute, die als hirntot deklariert sind, können selbst kein Feedback geben, außer dem was Apparate aufnehmen oder Bewegungsreaktionen und das wird dann interpretiert. Die Argumentation der Spendebefürworter änderte sich überhaupt nicht, wenn die Spender noch empfindungsfähig wären. Es geht mehr um das „kein Weg zurück“ und die Unbezweifelbarkeit des Hirntodkriteriums.
Wenn man die Interessen ein Stück weit hin zum Spender verschöbe, z.B. in dem man nicht nur hinsichtlich des Organerhalts „therapiert“, sondern beispielsweise eine Narkosepflicht einführte, also von den drei Anästhesie-Aufgaben Schlafförderung, Schmerzausschaltung und Muskelrelaxans
eben alle drei und nicht nur maximal letzteres anwendete, stiege auch die Zahl der vorher noch zweifelnden Spendebereiten. Aber es soll ja alles möglichst „rein“ sein. Wahrscheinlich haben sich schon irgendwelche Pillenzähler ausgerechnet, dass das im Endeffekt schlechter wäre (zwar mehr Spender, aber weniger gute erhaltene Organe). Dummerweise ist es auch da schwierig zu kontrollieren, ob der vermerkte Wille tatsächlich eingehalten wird.