Erhalt des kleinen Glücks

Feminismus Es ging mal um mehr als Einzelschicksale. Heute dümpelt die Debatte um Frauenrechte in der Banalität. Feminismus soll nicht mehr selbstbewusst, sondern glücklich machen

Als Rita Süssmuth 1985 ihre wissenschaftliche Karriere gegen das Amt der Gesundheits- und Familienministerin eintauschte und ein Jahr später als erste Frauenministerin der Republik reüssierte, wurde sie vom Spiegel gefragt, ob sie nicht Angst hätte, künftig als „Feministin vom Dienst“ wahrgenommen zu werden. Statt sich in mühsamen Definitions- und Abgrenzungsgesten zu verlieren, konterte Süssmuth: Da sie vor sich selbst keine Angst habe, müssten sich wohl auch andere nicht vor ihr fürchten.

Rita Süssmuth war wohl die erste Ministerin, die sich überhaupt eine solche Frage gefallen lassen musste. Feminismus war in den Mainstream-Medien damals noch kein Wald- und Wiesenbegriff und wurde höchstens in Nischenprodukten auf seine Tauglichkeit abgeklopft und ausdifferenziert. Dass ausgerechnet Kohls geistig-moralisch gewendete Republik die diversen Frauenämter hervorbrachte, verdankt sich der gleichen Logik, nach der eben nur Sozialdemokraten das Hartz-System auf den Weg bringen konnten. In der Folgezeit wanderte der solcherart konservativ aufgeladene Feminismus – übrigens durchaus mit grüner Unterstützung, man erinnere sich nur an das „Müttermanifest“ von 1986 – in die institutionellen Festungen ein, in Form von Frauenbeauftragten und Quotenregelungen, von Kita-Anspruch und Elterngeld. Und je mehr das feministische Anliegen in der Diskursmaschine weich gewaschen und entkernt wurde, desto kürzer die Amplituden der Debatten darüber, woran der Feminismus Schuld trägt: an lernunwilligen Jungs und sexentwöhnten Paaren, an wohlstandsverwahrlosten Kids und verloren gegangenem Berufsimage, am Zerfall der Familie und am aussterbenden Land sowieso.

Der gegenwärtige clash of feminisms, der selbst männliche Edelfedern auf den Plan ruft, die uns beflissen erklären, dass die feministischen Errungenschaften weniger die Frucht einer Bewegung denn Folge einer systemimmanenten Modernisierung gewesen seien, wird überlagert von einem angeblichen Generationenkonflikt, den Alice Schwarzer und Kristina Schröder stellvertretend repräsentieren. Hie die Dogmatikerin, die den Feminismus als eifersüchtig bewachtes eingetragenes Markenzeichen vor sich herträgt, dort das kamerataugliche Girlie, das kein Problem damit hat, wenn ihm ein Mann die Türe aufhält und es gar in sein Bett verschleppt. Das ist nicht so besonders neu, schon die Pionierinnen der ersten Frauenbewegung, Helene Lange oder Clara Zetkin zum Beispiel, wurden von den übermütigen „neuen Frauen“ der roaring twenties mit mildem Spott bedacht. Wie Alice Schwarzer beklagten sie deren Kumpanei mit den Männern und die aufgegebenen Ideale.

Würde aus dem zwischen „Matrone“ und „Mädchen“ rüde ausgetragenen Zickenkrieg eine differenzierte Debatte folgen über die Zumutungen der Erwerbsarbeit und über Familienrollen, über Geld und Macht und über einen Kapitalismus, in dem das Arbeitsregime voraussichtlich noch härter werden wird, ließen sich die schrillen Trompetenstöße aus dem Kölner FrauenMediaTurm ebenso ertragen wie das advent-gedimmte Säuseln der Frauenministerin.

Doch was die beiden Damen in die öffentliche Palavermaschine einspeisen, ist von strafwürdiger Schlichtheit, unter anderem weil die grobschlächtigen Vorlagen ausschließlich aus dem Hause Schwarzer stammen. Bewegungslesben versus Feuchtgebiete, Quote versus Leistung, Kultur versus Biologie. An der Neigung zur Vereinfachung steht Schröder ihrer Kontrahentin in nichts nach, und klare Feindbilder, grobe Raster und eindeutige Schlagworte sind es, die die Medien gierig aufsaugen und kolportieren.

Geburten als Erfolgsbeweis

Da soll Ursula von der Leyen Auskunft geben, ob die CDU demnächst zum „Frauen-Klub“ mutiert; die steigende Geburtenrate ist laut Schröder ein „Beweis für die Erfolgsgeschichte des Elterngeldes“ und das Schulversagen der Jungs angeblich darauf zurückzuführen, dass ihnen „Fußballgeschichten“ in den Lesebüchern fehlen; männliche Jugendliche mit muslimischem Hintergrund seien gewaltbereiter und Germanistinnen selbst daran schuld, wenn sie weniger verdienen als Ingenieure.

Über Berufswahl und Arbeitsplätze wird gesprochen, als hätte es nie eine feministische Berufsforschung gegeben, die den komplizierten Zusammenhang zwischen hausfrauisierter Arbeit, geschlechtsspezifischen Berufsfeldern und Berufspositionen, Bezahlung und Nachfrage untersucht hätte. Vergessen die langen Diskussionen über die Quote, die niemals als allein selig machende feministische Forderung aufgestellt wurde. Kein Griff zu den unzähligen Studien, die sich mit sexualisierter Männergewalt befassen. Und auch keine Erinnerung mehr daran, dass es Feministinnen waren, die eine durchaus differenzierte Vorstellung davon hatten, dass Frauen nicht einfach aus dem System aussteigen können, sondern daran mittun – und das nicht nur als Bettkomplizinnen der Männer.

Feminismus ist mittlerweile ein abgesunkenes Kulturgut, nicht, weil sich Alice Schwarzer als seine Frontfrau zelebriert, sondern umgekehrt: Dass sie als Stellvertreterin des Feminismus wahrgenommen wird, ist Ausdruck seiner medialen Banalisierung. Diese hängt nicht zuletzt damit zusammen, dass es nur noch um die Durchsetzung banaler individueller Lebenskonzepte geht: Wie bekomme ich Kinder und Beruf gebacken? Wie manage ich meine Karriere und bekomme möglichst genauso viel Geld wie mein Kollege? Wie versorge ich meine alten Eltern ohne berufliche Nachteile? Wie erhalte ich unser kleines Glück?

Das sind wichtige Fragen im Leben, gewiss. Aber der Feminismus hatte einmal mehr im Sinn, als privates Leben zu optimieren. „Die anstrengenden Feministinnen der siebziger Jahre“, an die Ferdinand von Schirach kürzlich erinnerte, und denen Frauen wie Kristina Schröder ihren Aufstieg verdanken, waren nicht nur anstrengend für ihre Partner und Freunde, sie waren eine Herausforderung für die ganze Gesellschaft. Auch wenn damals durchaus schon die Unterschiede zwischen eher liberalen und eher linken Feministinnen wahrgenommen wurden, so richtete sich die auf das „Patriarchat“ bezogene Anklage vor allem gegen ein auf Männerbedürfnisse eingerichtetes System. Dass ein „Konferenzraum voller Frauen schneller Entscheidungen trifft“, wie Kristina Schröder meint, wäre damals nicht die wichtigste Frage gewesen, sondern es wäre um den Inhalt der Entscheidungen gegangen und vielleicht auch darum, ob man sie überhaupt in einem Konferenzraum treffen muss.

Schon wieder zu spät!

Paradox an der heutigen Situation ist indessen, dass sich der liberale, an Aufstieg und Gleichheit orientierte Feminismus ausgerechnet in einer Situation durchsetzt, wo der Kapitalismus, der sogar wieder so genannt werden darf, immer stärker unter Beweiszwang gerät. Während sich alle Welt der Einsicht stellt, dass es mit seinen Selbstregulierungs- und Selbstheilungskräften vielleicht doch nicht so weit her ist, bestehen Frauen auf ihrem leistungsorientierten Markterfolg. Schon wieder zu spät gekommen!

Macht Feminismus glücklich – oder doch eher die Familie?, so schürft die derzeitige Feminismusdebatte auf dem Grund weiblichen Daseins. In die Jahre gekommene Feministinnen werden sich daran erinnern, wie lang der Weg vom bewusstlosen Unglück zum glücklichen Bewusstsein in der Frauenbewegung war. Vom Feminismus „das Glück“ einzufordern, von dem schon der große Enzyklopädist Diderot wusste, dass die Natur uns ein Gesetz nur für unser je eigenes Glück mitgegeben hat, wäre uns wohl nicht in den Sinn gekommen. Um die Optimierung des Glücks ging es damals auch nicht, sondern um ein neues Selbstbewusstsein. Auch das scheint vergessen.

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09:00 26.12.2010

Ausgabe 41/2021

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