Es wird Zeit, alle in die Pflicht zu nehmen

Rente Die Gerechtigkeitslücke zwischen Beitragszahlung und Wohlstand muss geschlossen werden, indem man die Lasten auf mehr Schultern verteilt
Ulrike Baureithel | Ausgabe 17/2016 3
Es wird Zeit, alle in die Pflicht zu nehmen
Das Alter zu genießen ist schwer, wenn die Rente nicht ausreicht

Foto: Sean Gallup/Getty Images

Was ist ein gerechter Lohn? Und was ein gerechtes Entgelt für die Lebensleistung? Wer keine Ahnung von der Rentenformel habe, sagte Walter Riester kürzlich mit Blick auf seine Nachfolgerin Andrea Nahles, solle aufhören, das Rentensystem umzumodeln und falsche Versprechungen zu machen. Der unter Gerhard Schröder vier Jahre amtierende SPD-Sozialminister wäre vergessen, wenn sein Name nicht für eine Rente bürgte, die die Gerechtigkeitslücke zwischen Beitragszahlung und Wohlstand im Alter schließen sollte. Inzwischen steht die Riester-Rente trotz nachdrücklicher Dementi in dem Verdacht, die Versicherten betrogen zu haben.

Rente ist Leistung im Verhältnis zu Zeit. Wer durchschnittlich viel verdient und relativ lange in die Rentenkasse eingezahlt hatte, konnte bis vor zehn, zwanzig Jahren noch auf ein halbwegs auskömmliches Altersruhegeld hoffen. Seither ist die Anrechnung von Ausbildungszeit gestrichen, der staatliche Zuschuss für Arbeitslose fast auf null gekürzt und das Renteneintrittsalter erhöht worden. Gar nicht zu reden von der Absenkung des durchschnittlichen Rentenniveaus, eine mathematische Transaktion, die der Tatsache Rechnung tragen sollte, dass in Zukunft immer weniger Einzahler immer mehr Rentner finanzieren müssen.

Deshalb macht nun die Furcht vor der Altersarmut wieder die Runde, eine Armut, die nun nicht mehr nur marginalisierte alte Frauen mit Kriegserfahrung trifft, sondern den breiten Bauchring der Rentner. Die demnächst in Ruhestand gehende Babyboomer-Generation bringt viele Stimmen in die Wahlurnen und sie sind wehrhaft. Leute, die sich dauerhaft in der Politik halten wollen, können sie kaum ignorieren.

Nicht zuletzt deshalb soll die Bundestagswahl im Herbst 2017 vom Thema Rente bestimmt werden, hat SPD-Chef Sigmar Gabriel verkündet und seiner Partei damit den letzten Rettungsring in die brandenden Wogen der politischen Mitte zugeworfen. Das ist immer noch besser, als nebulös über Digitalisierung zu schwadronieren wie die FDP oder Gerechtigkeit nur für die Mittelschicht zu reklamieren wie die Grünen. Dennoch ist es grundsätzlich falsch.

Denn wer von „Lebensleistungsrente“ redet, darf von auskömmlichem Lohn für gute Arbeit nicht schweigen – und zwar nicht nur für das immer weiter schrumpfende Stammpersonal in den Industriebetrieben. Er muss darüber sprechen, dass die heutigen Rentenanwärter unverschuldet arbeitslos waren und Ältere kaum eine Chance hatten, einen neuen Job zu ergattern. Er muss eingestehen, dass das Lohnniveau in den letzten Jahrzehnten relativ gesunken ist, dass in den (weiblichen!) Dienstleistungsberufen weniger verdient und mehr Teilzeit gearbeitet wird und dass die jungen Leute heute immer später einen Job bekommen und deshalb als Beitragszahler ausfallen. Und er muss durchsetzen wollen, nun endlich alle in die Solidaritätspflicht zu nehmen: Banker und Ärzte, Unternehmensabwickler und Bundestagsabgeordnete.

Würde dies alles auf die politische Tagesordnung gesetzt, ließe sich auch darüber reden, wer später in Rente gehen kann und – nebenbei gesagt – auch darf. Renten, das stimmt, sind anders als Krankenversicherungsleistungen davon abhängig, wie viel und wie lange einbezahlt wurde. Aber dafür müssen die Ausgangsbedingungen stimmen, die oft nicht von den Versicherten kontrollierbar sind. Bis dahin ist die Gerechtigkeitslücke zu füllen, indem die Lasten auf mehr Schultern verteilt werden.

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06:00 25.05.2016
Geschrieben von

Ulrike Baureithel

Autorin und Vielfachbewegte in Berlin
Ulrike Baureithel

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