Familienlotto

KINDERGELD Mit 15,339 Euro ist der Kanzler dabei

Alle sind wir erziehende Väter oder Mütter. Oder wir waren es einmal. Oder werden es einmal sein. Wenn nicht, waren wir alle doch mal Kinder und insofern betroffen von: Familie. Wenn es um Familie geht, das lässt sich in den sonntäglichen Plapperrunden bei Frau Christiansen hübsch beobachten, sind alle aufgerufen, denn Familie geht schließlich alle an und jeder ist kompetent.

Da stehen dann die mehr oder minder banalen lebensweltlichen Beobachtungen eines Theatermenschen neben den exklusiven Praxiserfahrungen des Psychologen und der anspruchsvollen Hochrechnung der Politikerin. Die sagt, dass nur 1,8 Prozent der Väter babysitten wollen, während ihr Parteifreund vorrechnet, dass noch nie eine Partei so viel für Kinder getan habe, und sein Kontrahent den dieser Partei anzulastenden Wertezerfall geißelt. Am Schluss ist man sich einig: Familie ist heilig.

Mit der Familie ist es wie mit der Liebe: Man schätzt sie erst, wenn sie gefährdet ist und sich davonstiehlt. Und wie mit der Liebe hat man mit der Familie so seine Last: Sie ist teuer, beansprucht Zeit und Zuwendung. Darüber hinaus soll sie noch fit machen für die Gesellschaft. "Paradoxal" hat der große Systemtheoretiker Parsons dieses "System Familie" mal genannt und ohne feministische Verbeugung gesehen, dass die Frauen darin das Schmierfett sind.

Jetzt hat auch der Kanzler seine Kompetenz in Sachen Familie entdeckt und in die Hosentasche gegriffen: Mit 15 Euro ist er beim Familienlotto dabei. Das sind immerhin drei Lose bei der Glücksspirale und um die zehn Kreuzchen auf dem Lottoschein. Monatlich. Und die Chance von eins zu sechs Millionen oder so. Größer also als der monatliche Glückstreffer eines Spermiums, "das" Ei zu finden (mit bekannter Folge - und so man sich nicht für eine unmittelbare Insemination entscheidet). Angesichts solcher Verteilungsgerechtigkeit darf man nicht mäkeln und auch dem Kanzler ein Kreuzchen schenken.

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Geschrieben von

Ulrike Baureithel

Redakteurin „Politik“ (Freie Mitarbeiterin)

Ulrike Baureithel studierte nach ihrer Berufsausbildung Literaturwissenschaft, Geschichte und Soziologie und arbeitete während des Studiums bereits journalistisch. 1990 kam sie nach Berlin zur Volkszeitung, war im November 1990 Mitbegründerin des Freitag und langjährige Redakteurin in verschiedenen Ressorts. Seit 2009 schreibt sie dort als thematische Allrounderin, zuletzt vor allem zuständig für das Pandemiegeschehen. Sie ist außerdem Buchautorin, Lektorin und seit 1997 Lehrbeauftragte am Institut für deutsche Literatur der Humboldt Universität zu Berlin.

Ulrike Baureithel

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