Fiese Säue, arme Schweine

Resterampe Der Dioxin-Skandal, die gefährliche Logik der „nachhaltigen“ Materialausnutzung und die soziale Frage im Discounter-Regal

Das Mischen, Sudeln und Manschen ist dem Menschen angeboren: Was Goethe einst auf den Umgang mit Farben bezog, hat die findige Lebensmittelindustrie besonders kreativ erweitert. Da wird mit Glykol dem sauren Wein auf die Beine geholfen, mit jeder Art von Ersatzstoffen Lebensmittel gestreckt, der Schinken mit Thrombin verklebt und Tierfutter mit Nitrofen oder wie im aktuellen Fall mit Maschinenfett angereichert. Anschließend „sudelt“ der Hersteller ein Etikett zusammen, das den Namen „Verbraucherinformation“ nicht verdient.

Die kriminelle Energie, die bei dieser Art von „Veredelung“ am Werke ist, wird derzeit vielfach – und natürlich zu Recht – an den Pranger gestellt. Und selbst dann, wenn die dahinter stehende Systemlogik der industriellen Lebensmittelherstellung und -kontrolle thematisiert wird, die uns die regelmäßigen Skandale beschert, bleibt ein Aspekt häufig unterbelichtet, die Logik der „nachhaltigen“ Materialausnutzung nämlich. Denn neben den künstlich erzeugten Zusatzstoffen oder Schadstoffen, die über die Landwirtschaft (zum Beispiel Unkrautvernichtungsmittel) in die Futter- und Nahrungsmittelkette gelangen, gerät wie im Fall der Industriefette oft auch bereits Vernutztes und Wiederaufbereitetes hinein.

Am eindrücklichsten lässt sich dieser Aspekt im Fall des BSE-Skandals zeigen. Der Rinderseuche, die im Jahr 2000 in Großbritannien auftrat und europaweit die Verbraucher verunsicherte, wurde dadurch verursacht, dass bereits mit dem so genannten Rinderwahnsinn infizierte Tiere zu Tiermehl bzw. Tierfett aufbereitet und verfüttert worden waren. Die „Materiallogik“, nicht nur Milch und Fleisch zu gewinnen, sondern auch Haut und Knochen, also die gesamte Substanz eines Tieres auszunutzen, kostete vielen hunderttausend Rindern und einer nicht unbeträchtlichen Zahl von Menschen, die der Creutzfeldt-Jakob-Krankheit zum Opfer fielen, das Leben. Noch immer geht in Großbritannien die Angst um, es könnte zu einer erneuten Epidemie kommen. Immerhin hat der Skandal dazu geführt, dass die Verfütterung von Tiermehl in der EU verboten wurde.

Wurde früher Altöl einfach weggekippt oder „verklappt“, lebt heute eine ganze Industrie von aufbereitetem Ölabfall. Was umweltpolitisch sinnvoll und wogegen auch nichts zu sagen ist, wenn mit der Produktion Gewinnabsichten verbunden sind, wird gefährlich oder gar kriminell, wenn in einem solchen Betrieb Industriefette und Tiernahrungsfette nebeneinander hergestellt und bei Gelegenheit auch vermischt werden. Ist das Tierfutter erst einmal in Umlauf, helfen auch die besten nachgetragenen Kontrollen nichts mehr.

Nicht nur Betrogene

Auf der anderen Seite allerdings macht auch die Selbstgerechtigkeit, mit der sich Verbraucher derzeit in die Brust werfen und sich ausschließlich als Betrogene und Opfer sehen, nachdenklich. Wer die Zeitung nach Schnäppchen durchforstet und möglichst billige Lebensmittel selbstverständlich findet, erklärt sich letztlich einverstanden mit den Bedingungen der konventionellen Lebensmittelindustrie, die auch die Auswüchse und Gefahren der Massentierhaltung einschließen.

Anfang der sechziger Jahre musste man noch 37 Prozent seines Budgets für Nahrungsmittel ausgeben, und ein Arbeiterhaushalt kaufte nur gelegentlich Butter, viertelpfundweise, denn es gab den billigeren Margarine-Ersatz. Heute liegt der Anteil für Lebensmittel bei rund 14 Prozent und wer wissen will, was ein Produkt wirklich wert ist, muss nur in den Bio-Einzelladen gehen oder aber in die Schweiz. Würden die ökologischen Folgekosten eingerechnet werden, welche die intensive Landwirtschaft verursacht, sähe die Bilanz anders aus.

Also nur den inneren Schweinehund überwinden, auf anderen Konsum verzichten, Aldi meiden und lieber beim Öko-Bauer einkaufen? So einfach sind die Verhältnisse leider auch nicht. Die „Bedarfsgemeinschaft“ nach Hartz IV käme auch mit innerer Überzeugung nicht besonders weit, denn ihr Bedarf orientiert sich an konventionellen Lebensmitteln, ähnliches gilt für Geringverdiener, Kleinrentner oder Studierende, die auf BAföG angewiesen sind. So wie die Tiere möglichst billig gefüttert werden, sollen auch transferabhängige Menschen möglichst billig ernährt und gekleidet werden, so weit eben, dass sie ihre Arbeitskraft erhalten. Arme Schweine eben, allesamt.

Perspektive ausweiten

Die politische Aufmerksamkeit müsste sich also nicht nur darauf richten, kriminellen Elementen in der Lebensmittelindustrie das Handwerk zu legen, die Kontrollen so engmaschig und die Strafen so drakonisch zu gestalten, dass beides abschreckend wirkt, sondern es ginge um eine Ausweitung der Perspektive auf das „gute Leben“, das gute, gesunde Ernährung und, weil Menschen nun einmal auch Fleischfresser sind, artgerechte Tierhaltung mit einschließt. Der soziale Kampf gegen Hartz IV würde so um eine ökologische Dimension ergänzt. So lange die Nachfrage nach billigen Lebensmitteln quasi systemimmanent verankert ist, bestehen wenig Chancen auf eine flächendeckende umweltverträgliche und qualitativ anspruchsvolle Landwirtschaft und Nahrungsmittelindustrie.

Dass „Bio“ uns allerdings vor sämtlichem Mischen und Manschen schützen würde, ist ebenfalls eine Illusion, wie uns die einschlägigen Skandale in den letzten Jahren gezeigt haben. Menschen panschen ja nicht nur gerne, sie neigen mitunter auch zum Betrug. Dagegen ist bislang kein ökologisches Kraut gewachsen.

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Ihre Freitag-Redaktion

13:00 15.01.2011
Geschrieben von

Ulrike Baureithel

Autorin und Vielfachbewegte in Berlin
Ulrike Baureithel

Ausgabe 39/2020

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