Ganz gelb vor Glück

Lebenskunst Die Journalistin Peggy Parnass hat ein Bilderbuch für Erwachsene geschrieben – über ihre Kindheit und den Tod der Eltern

Es war einmal eine üppig-anschmiegsame Mutti und ein Papa, der Pudl hieß. Sie lebten mit ihrer kleinen Tochter Peggy in ziemlicher Armut, weil der Pudl ein Spieler war. Deshalb nannte Peggy ihn einmal „Schwein“, was ihr dann sehr leid tat, weil sie den Pudl doch lieb hatte und sie ihm das nicht mehr sagen konnte. Denn eines Tages wurde er nach Treblinka in Polen verschleppt und kam nie wieder. Die Mama folgte ihm, so sehr liebte sie ihn. Da blieben Peggy und ihr kleiner Bruder Gady, Bübchen genannt, ganz alleine zurück. Man verschickte sie nach Schweden und nach London, sie wurden getrennt und hatten doch nur noch sich. Eine traurige Geschichte. Aber auch eine schöne, denn beide leben noch glücklich bis an ihr Lebensende.

Peggy Parnass hat ein Bilderbuch über ihre Kindheit mit ihrem aus Polen stammenden Vater und ihrer Mutter, einer Halbportugiesin, geschrieben. Damit wechselt die Allrounderin Parnass, die als Schauspielerin unter anderem in Filmen von Helke Sander und Doris Dörrie mitwirkte, für die Zeitschrift konkret als vielfach ausgezeichnete Gerichtsreporterin unterwegs war, aber auch bei der Kriminalpolizei gedolmetscht hat, einmal mehr das Genre. Dabei ist sie, wie sie anhebt, eigentlich nie Kind gewesen, denn als sie 1934 in Hamburg auf die Welt kam, waren die Nazis schon allgegenwärtig.

Und bis wann ist man eigentlich offiziell ein Kind, fragt sie einleitend. Solange die Mutter lebt? Bis man zur Schule kommt? Bis man das erste Mal mit jemandem schläft? Bis man die Verantwortung für sich selbst trägt?

Schwarze Locken

Man muss ihren wunderbaren Text voller eigenwilliger Bilder und eliptischer Sätze noch gar nicht gelesen haben, um von diesem Buch gefangen zu werden. Denn die Farbholzschnitte der brasilianischen Künstlerin Tita do Rêgo Silva sind so prächtig und Fantasie treibend, dass alleine sie schon es lohnen, sich auf diese Bildgeschichte einzulassen: Viel Gelb und Locken, hatte sich die Autorin von der Freundin, die sie anlässlich eines langen Krankenhausaufenthalts kennengelernt hatte, gewünscht. Gelb, das steht für die Sonne und das Licht, die ihre Kindheit durchfluteten, bis das Grauen über die Familie hereinbrach.

http://imageshack.us/a/img696/1734/kindheit445px.jpg... wohl wissend, dass sie die Mutter nicht wiedersehen wird (Illustration: Tita do Rêgo Silva)

Die Mutter hatte wie Pudl schwarze Locken. Und Hände wie Lilien, obwohl sie so abgearbeitet war. Dazu „Beine wie Ofenrohre“ und eine große gebogene Nase. Die hat die Tochter geerbt, und es nützte gar nichts, dass sie sie immer nach oben gedrückt hat. Peggy war wissbegierig, frühreif und litt unter dem, was man heute eine Essstörung nennen würde: Was sie zu sich nahm, erbrach sie sofort wieder. Das kam vielleicht von den vielen Trennungen: Krankenhausaufenthalte, Kinderheimverschickungen, die Trennung von Pudl, der Mutter und schließlich von Bübchen. Tita do Rêgo Silva fängt einen solchen Augenblick ein: Am Bahnhof, wo sich die Mutter von ihren Kindern verabschiedet, wohl wissend, dass sie sie nicht wiedersehen wird. Mutter und Vater werden im KZ umgebracht.

Die der brasilianischen Tradition entlehnten opulenten Fabelwesen belegen Freude und Schrecken dieser Kindheit nachdrücklicher als jede realistische Abbildung es könnte. Da gibt es zum Beispiel den Nazi-Schergen mit den Verbotstafeln für Juden, nun nicht mehr in strahlendem gelb und rot, sondern in drohend-dunklen Farben gehalten. Dasselbe gilt für die Furchterregende Tante Lisa, die im schwedischen Waisenhaus über Bübchen herrscht. Pudl wird der Tochter kein Pony mehr kaufen können und kein Klavier. Die akrobatischen Kopfstände auf dem Tier, die ein Farbschnitt zeigt, fanden nur im Kopf der Heranwachsenden statt. Schon mit 14 Jahren musste sich Peggy in Schweden alleine durchbringen. Und in ihr brodelte der Hass: Auf die Nazis, auf die zahlreichen chancenlosen Pflegeeltern, auf die Waisenhaus-Tante mit dem unpassenden Namen – und irgendwie auch auf die Juden, die sich nicht gewehrt haben. Das konnte sie nicht verstehen. Wenn sie den Gespenstern ihrer Vergangenheit später begegnete, blieb ihr der Ekel aber im Halse stecken.

Aus Bübchen wurde schließlich ein Engländer, der in einem linken Kibbuz zwischen Tel Aviv und Haifa lebte; aus Peggy eine weltläufige und erfolgreiche Frau. Die Umstände, die zu diesem Bilderbuch (nicht nur) für Erwachsene führten, erfährt man aus den beiden Nachworten.

Tita teilt dort auch mit, wie gerne Peggy Parnass heute Hähnchen auf brasilianische Art isst.

Kindheit Peggy Parnass Mit Farbholzschnitten von Tita do Rêgo Silva , 48 Seiten mit 16 Originalgrafiken (12 Farbholzschnitte und vier Vignetten), Edition Klaus Raasch 2012, 48 S., 48 €

10:00 27.11.2012
Geschrieben von

Ulrike Baureithel

Autorin und Vielfachbewegte in Berlin
Ulrike Baureithel

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