Gegen die Copy-and-Paste-Generation

Plagiate Baden-Württemberg will Abschreiber künftig exmatrikulieren. Doch originelles Denken lässt sich mit Druck kaum fördern

Moses Pelham darf; ob Bushido darf, muss der Bundesgerichtshof erst noch entscheiden. Ganz sicher dürfen es aber demnächst Studierende nicht mehr.

Seitdem das Internet aus der Kunst- und Wissensproduktion nicht mehr wegzudenken ist und ein kurzer Klick der eigenen Kreativität auf die Sprünge hilft, gehört der Urheberstreit zum Tagesgeschäft. Die zwei Sekunden, haben die obersten Eigentumshüter nun erklärt, durfte Pelham von der Gruppe Kraftwerk abkupfern ("sampeln"). Ob Dark Sanctuary aber Bushido einen Plagiator nennen darf, steht noch zur Entscheidung.

Was aber ist mit den vielen Studierenden, die aus Zeit- oder Gedankenmangel ihre Seminar- oder Diplomarbeit kurz mal durch den Gang ins Internet aufpeppen? In Baden-Württemberg kommt ihnen das, wenn sie auffliegen, künftig teuer zu stehen. Wollte ein angehender Politologe seinen Prof mit einem megastarken Zitat aus einer im Netz veröffentlichten Arbeit beeindrucken und "vergaß", den Urheber zu nennen oder bezog eine Literaturwissenschaftlerin ihr Referat energiesparend aus hausarbeiten.de, konnten ihm oder ihr bislang zwar die "Credits" verweigert oder die Prüfung aberkannt werden, doch nicht das Recht, die jeweilige Arbeit zu wiederholen. Einmal davon abgesehen, dass dem überlasteten Uni-Personal der Schwindel meist ohnehin nicht auffiel, riskierten die Fälscher im Falle ihrer Entdeckung nicht viel, außer vielleicht dem verpfuschten Ruf.

Damit soll ab dem Sommersemester 2009 zumindest im Südwest-Staat endgültig Schluss sein. Dort wird das Hochschulgesetz gerade dahingehend geändert, dass Plagiatoren, gleichgültig, ob sie bei Referaten, Hausarbeiten oder Qualifikationsarbeiten schummeln, die Exmatrikulation droht. Damit solle, so das Wissenschaftsministerium, ein Signal gesetzt und Studierende vom Plagiieren abgeschreckt werden.

Ob Studierende tatsächlich verstärkt dazu neigen, Scheine und Prüfungsleistungen per Mausklick zu erschleichen, lässt sich mit offiziellem Zahlenmaterial nicht belegen. Umfragen in Großbritannien lassen vermuten, dass fast alle Studenten schon mal das "Copy-and-Paste"-Verfahren angewandt haben, ohne auf die entsprechenden Quellen in ihrer Arbeit hinzuweisen. Eine Studie von Sebastian Sattler unter Leipziger Soziologiestudierenden geht in die gleiche Richtung. Doch welches Ausmaß der Gedankenklau im Einzelfall annimmt, ist ebenso wenig bekannt wie es verlässliche Hinweise auf die angeblich dramatische Steigerung der Täuschungsversuche gibt. Häufen sich die Plagiatsfälle in den letzten Jahren, weil tatsächlich mehr abgekupfert wird oder weil interneterfahrene Dozenten Plagiatoren häufiger auf die Spur kommen?

Mittlerweile gehen die Universitäten nach amerikanischem Vorbild auch dazu über, ihre Mitarbeiter mit einer entsprechenden Fahndungssoftware auszustatten und sie darin auszubilden, Täuschungsmanöver zu erkennen. In Salzburg hat sich Stefan Weber so den Ruf eines "Plagiatjägers" erworben, der sogar den österreichischen Wissenschaftsminister des Mogelns zeiht. Auch die legalistische Schweiz ist vor studentischen Betrügern nicht gefeit, kürzlich hat die Universität Zürich fünf Studierende zwangsweise exmatrikuliert.

In den deutschen Bundesländern fehlte bisher eine Handhabe, die Sünder wirkungsvoll zu belangen. Deshalb begrüßen baden-württembergische Universitäten den juristischen Vorstoß. Die Sprecherin der Uni Freiburg etwa betont, es sei "Zeit gewesen" für diesen Schritt. Die Universität unterstütze die geplante Verschärfung, denn man müsse, so Eva Opitz auf einer regionalen Internetplattform, "den Fälschern Einhalt gebieten". Auch der Prorektor der Stuttgarter Universität, Wolfgang Schlicht, begrüßt die "Stärkung unserer rechtlichen Position".

Ob mit Spionen und rechtlichen Sanktionen der so genannten "Copy-and-Paste"-Generation zu begegnen ist und die nicht unbeträchtlichen finanziellen und zeitlichen Investitionen in diesem Bereich der Alma Mater zur Ehre gereichen, mögen die Universitäten selbst entscheiden. Die Empörung von Dozenten und ehrlichen Studierenden gegenüber denjenigen, die mit wenig Aufwand ein maximales Ergebnis zu erzielen versuchen, ist moralisch und sachlich sicher gerechtfertigt. Doch folgen die Betrüger nicht genau jenem ökonomischen Prinzip, in das keineswegs nur Betriebswirtschaftler eingeübt werden, sondern alle, die sich auf dem Markt bewegen? Und kultiviert die wieder erstarkte Ordinarienuniversität nicht ihrerseits die Ausnutzung des wissenschaftlichen Nachwuchses, wenn Professoren mit den Forschungsfrüchten ihrer Assistenten unter eigener Flagge hausieren gehen?

Die Humboldtsche Universität war als Ort von Bildungslust und Forscherfreude konzipiert. Tausende unabhängige Geister sollten hier miteinander wetteifern um "die Wahrheit". Die Wahrheit heutiger Hochschulen besteht darin, dass sie den Markt mit möglichst hohem, in so genannten "Modulen" zugerichtetem Output versorgen sollen. Selbst wer die Uni heute noch mit hohen Erwartungen ansteuern sollte, wird in knapp portionierten Zeit- und Lehreinheiten auf stromlinienförmigen Maximalerfolg getrimmt. Das studentische "Copy-and-paste" reagiert nur auf diesen von oben verordneten Druck. Wer sich also gegen diesen Trend stemmen will, muss bei den Studierenden wieder die Wissensfreude fördern - und eine Zeitökonomie, die Raum für die Ausbildung eigenständiger Gedanken lässt.

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00:00 27.11.2008

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