Ulrike Baureithel
27.11.2012 | 14:30 11

Geste des Edelmuts

Medizinethik In Deutschland werden viel zu wenige Organe gespendet. Es gäbe einen Ausweg aus der Misere – doch der ist höchst umstritten

Geste des Edelmuts

Herztod als Todeskriterium oder die Widerspruchslösung sind Forderungen, um dem Organmangel in Deutschland zu begegnen

Foto: Sean Gallup/Getty Images

Zuerst der Krankenwagen. Dann die Intensivstation. Und schließlich der Schock für die Angehörigen, denen ein Arzt erklären muss: Tut mir leid, wir können nichts mehr tun. Höchstens für andere. Existiert ein Organspendeausweis? Wären Sie einverstanden, wenn wir Organe entnehmen? Überforderung auf beiden Seiten. Für den Arzt, derartige Fragen zu stellen, für die Angehörigen die Zumutung, eine schnelle Entscheidung treffen zu müssen.

So oder ähnlich muss man sich im Klinikalltag die Entscheidung für oder wider eine Organspende vorstellen. Um den Druck aus der Situation zu nehmen und das Organaufkommen zu erhöhen, wurden bereits verschiedene Wege diskutiert: Die Widerspruchsregelung, die in Österreich oder Frankreich gilt und alle Patienten, die nicht ausdrücklich widersprechen, zu potentiellen Organspendern erklärt, fand im Deutschen Bundestag keine Mehrheit.

Die Alternative: Spenden bei Herztod?

Dafür werden die Bürger neuerdings von den Krankenkassen per Brief aufgefordert, sich pro oder contra Organspende zu entscheiden. Doch selbst wenn alle hirntoten Patienten ihre Organe spenden würden, könnte das den Bedarf nicht decken. Deshalb wird darüber nachgedacht, den Kreis der potentiellen Organspender zu vergrößern. Eine Möglichkeit wäre die Rückkehr zur Organspende nach klassischem Herz-Kreislaufversagen. Bislang kommen lediglich hirntote Patienten als Spender in Betracht – meist Unfallopfer oder Komapatienten.

In anderen Ländern Europas wird bereits mit Non-Heart-Beating-Donors experimentiert, nachdem die Organvermittlungszentrale Eurotransplant 1988 mitteilte, dass der Herzstillstand nach zehn Minuten dem Hirntod als sicheres Todeszeichen gleichzusetzen sei. Nach Angaben des Schweizer Bundesamts für Gesundheit stammen in Großbritannien, wo die Organentnahme nach endgültigem Kreislaufversagen praktiziert wird, gut zehn Prozent aller Organspenden von Non-Heart-Beating-Donors. In den Niederlanden sind es um die fünfzig Prozent.

Tod nach zwei Minuten

Im März 1995 organisierte der niederländische Transplantationschirurg Gauke Kootstra in Maastricht eine Konferenz, die Organentnahme bei Herztod hoffähig machen sollte. Streit gab es unter den Fachmedizinern vor allem über die Wartezeit. Wie lange es dauert, bis ein Mensch, dessen Herz aufgehört hat zu schlagen, tatsächlich tot ist, lässt sich nämlich, wie man aus der Reanimationsmedizin weiß, nicht genau sagen: nur zwei Minuten, wie die Pittsburgher Leber- und Nierentransplanteure bei ihren Experimenten annahmen? Oder soll man doch lieber zehn Minuten warten, wie die Maastrichter Versammlung schließlich gegen den Widerstand der Bauchchirurgen durchsetzten?

Ungeachtet dieser Diskussion ist der nur Dritten nützende Zugriff auf die Organe von Menschen, die noch leben, höchst umstritten. Organerhaltende Maßnahmen vor dem Tod werden als „massive Grenzverschiebung“ gewertet, die die Würde des sterbenden Menschen mit Füßen tritt. „Der öffentlichen Erwartung auf verwertbare Organe soll der Vorrang eingeräumt werden vor anders lautenden privaten Zielen“, kritisiert der in München lehrende Bioethiker Arne Manzeschke diese Praxis.

Inzwischen sind viele Mediziner und Bioethiker der Meinung, dass sich auch der Hirntod als entscheidendes Todeskriterium nicht halten lässt, weil es nicht berücksichtigt, dass der Organismus des Menschen mehr ist als sein Gehirn. Sollte sich diese Meinung durchsetzen, käme die Transplantationschirurgie in die Bredouille. Wenn der Hirntod nämlich kein „adäquates Kriterium für den Tod ist“, wie der Philosoph Dieter Birnbacher meint, der Herztod als Kriterium für eine Organentnahme wiederum mit zu vielen Unwägbarkeiten verbunden ist (bis hin zur Angst von Patienten, sie würden im Fall der Fälle als potenzielle Organspender nicht angemessen reanimiert), dann steht das gesamte System der Organtransplantation zur Disposition.

Abenteuerliche Konstruktion

Um es zu retten, müssen ihre Verfechter, wie etwa der Rechtsphilosoph Paolo Becchi in einem Debattenbeitrag in der Neuen Zürcher Zeitung, zu abenteuerlichen Konstruktionen greifen: Er konstatiert mit dankenswerter Offenheit, dass der Patient durch die Organentnahme unter künstlicher Beatmung in gewisser Weise zwar „verdinglicht“ werde, rechtfertigt dies aber mit dem guten Zweck: Die „entfremdende Situation“ würde durch die Organspende in „eine Geste höchsten Edelmuts“ verwandelt werden. Die Organspende vor dem Tod ließe sich deshalb zu einer „Art solidarischer Sterbehilfe“ erklären.

Aber selbst in einem Land, in dem mit Sterbehilfe so großzügig verfahren wird wie in der Schweiz, braucht es dann doch eine Entlastung, um Ärzte nicht dem Verdacht auszusetzen, Hand an den Patienten zu legen: Deshalb, so Becchi, sei der Gesetzgeber aufgefordert, das „höchst bedenkliche Machtvakuum zu füllen“, das eine nicht fundierte Todesdefinition hinterlässt.

Vorstoß von Ärzteseite

In Deutschland hat die Bundesärztekammer 2007 unmissverständlich festgeschrieben, dass der Herzstillstand als uns geläufiges „intuitives“ Todeszeichen wissenschaftlichen Kriterien nicht standhält. Nur mit einer „eindeutigen“ Todesfeststellung“, so Ethikrat-Mitglied Eckhard Nagel, sei das System zu legitimieren. Er reagierte damit auf einen im Mai 2011 an das Gesundheitsministerium gerichteten Vorstoß der Deutschen Transplantationsgesellschaft (DTG), die Organspende auf das Kriterium Herztod zu erweitern, um dem „eklatanten Organmangel“ zu begegnen.

Einer der fünf Unterzeichner ist der Münchner Oberarzt Helmut Arbogast. Er ist derzeit als Nachfolger von Günter Kirste als Vorsitzender der Deutschen Stiftung Organtransplantation im Gespräch. Bei der Neuverhandlung des Transplantationsgesetzes hatte Helmut Arbogast auch für die Widerspruchslösung optiert, um so, wie er gegenüber der Berliner taz zu Protokoll gab, möglichst viele Menschen als Organspender in die Intensivstationen zu bekommen. Und er bedauert es, dass dies „in Deutschland nicht durchsetzbar ist.“

Kommentare (11)

moddestyblaise 27.11.2012 | 15:02

Liebe Redaktion

Ich sehe eigentlich nur 1 Möglichkeit hier für Gerechtigkeit zu sorgen, und das müßte folgender Maßen funktionieren.

Jeder Bürger, der im Krankheitsfalle ein Spenderorgan haben möchte, sollte einen mindestens 3 Jahre alten Spenderausweiß besitzen.

Jeder muß darüber nachdenken, ob er auch bereit ist ,im Falle eines Falles seine Organe zu spenden, um Leben zu retten.

Bejaht er dies, beantragt er einen Spenderausweiß, der gleichzeitig für ihn die Garantie ist im Falle von Krankheit in das Programm der Organspender aufgenommen zu werden, um ein Organ zu erhalten.

Menschen, die nicht bereit sind, ihre Organe zu spenden, haben meiner Meinung nach auch ein Anrecht auf ein solches.

Um Mißbrauch vor zu beugen, müssen die Organspenderausweise eine gewisse Zeit gültig sein, denn ist erst einmal ein Krankheitsfall da, kann dieser nicht mehr beantragt werden.

So gibt es einen gerechten Ausgleich zwischen nehmen und geben.

Mit freundlichen Grüßen.

S. Bischoff

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Ehemaliger Nutzer 27.11.2012 | 15:24

Zu wenige Organe- schlimm, eine echte Misere. Und Auswege gäbe es. Nur: Irgendwie passen die nicht zu unseren deutschen rechtlichen Grundwerten.

Na-das kennt man ja bei anderen Problemthemen auch:

Die rechtlichen Grundwerte sind bei gegenwärtigen sich anbietenden Problemlösungen immer irgendwie im Wege.

Zudem: Dummerweise ist man in Dtschld. nach zwei angezettelten Weltkriegen,einem veritabelem Völkermord, einem kleinerem Völkermord in einem fernem Land,zwei Diktaturen und einigem mehr an offenem Unrecht selbst in konservativsten (sind die auch noch christlich ,sind die besonders zickig; nicht mal eigene christliche Skandale um Kindessmissbrauch schrecken solche erzkonservativen christlichen Leute ab bockig zu bleiben bei Problemlösungsstrategien und würden die etwa dazu bringen, auch in diesen Bereichen kleine moralische Brötchen zu backen. Die trennen das einfach- die Problemlösungen und deren Nein -und die eigenen Verfehlungen in anderen bereichen.) Kreisen nicht bereit, rechtlich, beim Verändern,beim Anderauslegen von grundsätzlichem Recht mal Fünfe gerade sein zu lassen. Diese dumme deutsche Empfindlichkeit bei grundlegendem Recht das sich auf Ethik aufbaut und zudem auch noch in sich logisch ist ( das Blöde an Jura) -gilt doch in anderen Bereichen auch nicht (mehr),da wurde es doch obsolet gestellt, umgeformt ins Gegenteil ohne das wer etwas merkte , da kann man auch die Werbetrommel rühren für diesen Bereich.

Tja-Widerspruchslösung.

Immerhin ein Anfang.(Löst aber das Hirntodproblem nicht,Herztod muß auch noch her, damit jeder sein Herz bekommt, das sie oder er verlor irgendwann auf seinem Weg. )

Sagt keiner ausdrücklich Nein zur Organentnahme- wird Herz entfernt und zur Spende bereitgestellt. ( Hoffentlich wird bald das Transplantieren von Hirnen möglich - denn das Hirn ist Sitz des verstandes - und man sieht und liest täglich ,wieviele den Verstand verloren und das Hirntransplantationen in größerem Masstabe unbeingt nötig sind und daher rechtlich möglich gemacht werden müssen!)

Nur wer ausdrücklich Nein sagt und dies schriftlich fixiert und das Schriftstück zusammen mit dem schwer Verunfallten zusammen auf dem OP-Tisch des Unfallkrankenhauses landet -oder der Latte mit telefonnummern, um mindestens einen von denen zu erreichen telefonisch seitens des Unfallchirurgen, die Auskunft geben über den vermuteten Willen des Siechen, zu Tode Getroffenen.

Konsequenterweise müßte dann aber auch mit einer ebensolchen Widerspruchslösung die Zustimmung zum Empfang eines solchen Organs geregelt sein. Man müßte also vorher ausdrücklich JA zu einer ANNAHME einers fremden Spenderorgans geben -im Wissen und in voller Kenntnis, dass es jemandem anderen ,hirn-oder herztot, herausoperiert wurde.

Diese Absicht müsste man jedem , der andere aufschneiden lassen würde um selbst zu überleben eine kleine Weile, schon abverlangen.

Genau wie man den Egoisten es ja mit einer Widerspruchslösung abverlangen will -oder dem Eintragen auf einer schwarzen Liste bei der Krankenkasse - , ausdrücklich Nein zu sagen zu einer Organentnahme im Falle ihres Unfalltodes.

Aber mal im Ernst:

Die erste Frage , die sich die Bürger dieses Landes stellen müssten ist doch wohl die, ob sie selbst im Falle sie bräuchten med. ein Fremdorgan, so ein Organ überhaupt eingebaut, einoperiert bekommen wollen?

Das ist ja wohl die erste Frage! Es ist unseriös, wenn die befürworter von Widerspruchslösungen so tun, als sei jeder Staatsbürger erpicht darauf, im Zweifel einen fremden menschen aufschneiden zu lassen und mit dessen entnommenen Organen eine Weile weiterzuleben.

Es ist also zuerst zu fragen, ob sie ein solches Schicksal - also im Zweifel den früheren Tod (den auch eine Transplantation ja nicht dezidiert verhindern kann,höchstens aufschieben kann zumeist) nicht akzeptieren und eine Annahme eines Spenderorgans (bei Widerspruchslösung kann kaum von Spende geredet werden) nicht etwa verweigern.

Generell: Bei der Widerspruchslösung kann man nicht von Spende reden. Denn die Widerspruchslösung regelt ja ausgerechnet die Fälle, in denen KEINE ausdrückliche Einwilligung ,also Spendenbereitschaft, desjeneigen vorliegt, dem das Organ,die Organe (zumeist mehrere) entnommen werdne sollen!

Schon an dieser Stelle beginnt also die wenig ethische Wortklauberei der Entnahmebefürworter. Nichts zu sagen heißt was? Nach BGB : Nein!

Man wird also , das ist die logische Konseqenz von Widerspruchslösungen die ein Ja gern sähne aber es nicht anders erhalten, das BGB ändern müssen. Schweigen heißt nicht mehr ,Nein.

Grundlagenrecht -das einzige Recht auf das sich jeder an sich verlassen sollen könnte - gilt nur noch , wenn es den interessierten Kreisen der Gesellschaft in den Kram passt. Interessant ,interessant!

Also: Erste Frage ist, ob man überhaupt ein Spenderorgan haben willund damit dann auch -das eine bedingt das andere-bereit ist zu akzeptieren, das dafür ein anderer Mensch,womöglich nicht mal ganz tot, aufgeschnitten wird und dessen Organe entfernt werden.

Das muß man mal auf deutsch so formulieren und sich bildhaft vorstellen (etwa: auf dem OP-Tisch nebendran und man kennt den Verunfallten vom Sehen) ,damit jeder weiß worum es geht!

Und jeder der das oder die das so für sich entscheidet,das ein anderer fremder Mensch unwägbar aber endgültig aufgeschnitten wird um dem Organe zu entnehmen die einem selbst eingesetzt werden -der soll das und möge auch den Mut dazu haben ( wird ja sonst umgekeht von den Kritikern verlangt;na gut: Hannemann ,geh Du voran.Denn Du willst was von anderen, die von Dir gar nichts wollen. Also gehst Du auch voran.) auch vorher schriftlich so dezidiert aufschreiben und UNTERSCHREIBEN!

Wie sieht es mit Spezifizierungen aus? Für Ehefrau,Ehemann,Kinder,Eltern ,Geschwister - Spende Ja.Ffür Wildfremde eine Spende - natürlich Nein,weshalb denn? An sich eine rechtlich einwandfreie Haltung in einem bürgerlichem Staat , der Solidarität beim und im Leben ja seit ungefähr 2000 sehr klein schreibt. Wieso eigentlich im Leben keine Solidarität-dass wöchentliche Mittagessen für den arbeitslosen Schulfreund wird dem abgezogen in Geldeswert vom Amt - aber sein eigenes Herz soll man "lt.Amt" ,also per Gesetz, hergeben für jeden x-beliebigen Hinz und Kunz für nichts, nur weil man tot, etwaig erst halbtot ist und dann zusätzlich nicht mal bestimmen sollen, wer es bekommt,etwaig eigene Verwandte ,die mit im Auto saßen, das Organ nicht bekommen, weil lt. Liste in 5ßßkm Entfernung irgendein Schmock schon länger wartet? Piept es eigentlich? Wo lebt man eigentlich, resp. wo ist dieses Land hingekommen?

(Nur um Zeit zu sparen und dumme Repliken unnötig zu machen: Der Verf. hat all seine Verfügungen beisammen.)

eldorado 27.11.2012 | 15:25

Seien wir mal ehrlich: Ganz tot ist der Mensch erst mit der Totenstarre und wenn jede Wärmee aus ihm gewichen ist. Zu diesem Zeitpunkt ist es allerdings für jede Organentnahme für eine Ttransplantation zu spät. Ein Organ muss in einem gewissen Sinn noch lebendig sein, um überhaupt im Empfänger seine Aufgaben erfüllen zu können. Menschen die als hirn- oder herztot erklärt werden, können je nachdem noch eine recht lange Zeit mit Hilfe von Maschinen am "Leben "erhalten werden. Ist dann jemand tot, wenn er ausserstande ist zu leben ohne massive lebenserhaltende Maschinen? Micht dünkt das ist eher die Frage.

Dann sollte die Frage an den Spenter eher sein: "Bist Du bereit, wenn Dein Leben unwiderruflich vor dem Ende ist, Deine Organe zu spenden? So lebt gewissermassen ein Teil von Dir weiter im Leib eines Menschen, der ohne Deine Hilfe dem Tod geweiht wäre." Diese oder eine ähnliche Formulierung fände ich korrekter.

Mit dem Gedanken an Transplantation ist noch eine andere wichtige Frage verbunden, die dabei fast vollständig ausser aucht gelassen wird. Das ist die Frage nach dem vorgeburtlichen Leben und dem Leben nach dem Tod oder auch die Frage nach der Reinkarnation. Es bringt nichts, dass wir uns darüber streiten, ob es sowas gibt oder nicht.

Berichte von Menschen, die klinisch tot waren und dann doch wider erwarten, wieder zum Leben erwachten, können uns da Hinweise geben.

Ebenso gibt es Berichte, am meisten und stärksten von Herztransplantierten, dass sie nach der Transplantation, Veränderungen in ihrem Denken und Handeln festgestellt hatten, die ihnen vorher völlig unbekannt waren. Sie kamen wie aus dem Nichts.

Nehmen wir mal an, dass, wie in verschiedenen esoterischen Kreisen gesagt wird, der Mensch im Grunde genommen ewig lebt, dass beim Tod einfach der Leib zurückbleibt.

Nun wissen wir aber, dass bei einem Menschen, dem die Organe entnommen werden, immer noch eine Art Leben in den Organen herrscht, da andererseits die Transplantation gar nicht möglich ist. Unter diesem Gesichtspunkt kommt etwas Lebendiges vom Spender in den Empfänger. Aus diesem Gesichtspunkt wäre die Verbindung zwischen Spender und Empfänger sehr inniglich.

Ich habe ein paar Berichte in dieser Richtung lesen können. Einer ist mir besonders in Erinnerung geblieben. Dieser Mensch hatte plötzlich Todesängste wie aus heiterem Himmel. Er kam aus irgend einem Grunde an Auskünfte, wie der Spender gestorben ist. Er wurde ermordet. Das half dem Menschen dann, besser mit den Emotionen umgehen zu können. Er konnte dann besser das Eigene vom Fremden trennen.

Deshalb bin ich der Ueberzeugung, dass die Transplantation nicht allein so angeschaut werden sollte, dass der Sterbende ein "Ersatzteillager" ist und beim Empfänger ein "Maschinenteil" ersetzt wird. Das ist viel mehr.

Und wenn man auch nicht an das ewige Leben glaubt, kann mindestens als gesichert angeschaut werden, dass da auch Informationen von den Genen vom Spender zum Empfänger gehen.

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Ehemaliger Nutzer 27.11.2012 | 16:43

ja, es wird nachtürlich viel zum spirituellem und gar esoterischem Aspekt solcher Todesbestimmungen und einem "Recht" oder einer "Pflicht" auf Transplantation geredet werden, -immer im Focus der Spender, die soweiso angeblich oder tatsächlich Sterbende , von dem man , nenne man es beim Namen, ein Ersatzteil will oder in gar ausschlachten will wie ein Altauto.

Aber man wird nicht darum herumkommen, sich mit den realen und wenig spirituellen Dingen zu befassen.

Pflicht zur Solidarität und zum Edelmut? Im Lande der Tafeln, der Arbeitslosigkeit, der eingeschränkten Gesundheitsfürsorge und eingeschränkten Krankenfürsorge, der per Dekret entwerteten Rentanwartschaften und Altersarmut und vielem mehr das alles negiert wurde, verschlechtert wurde im Namen eben gerade einer angeblich NICHT existierenden Solidarpflicht und eines "jeder ist seines Glückes Schmied" und einer postulierten "Eigenverantwortung"- und ausgerechnet da soll jemand solidarisch und voller Edelmut sich in einem unwägbarem Zustand aufschneiden lassen um einem Wildfremden seine Organe zu spenden? (Während er oder sie dies dezidiert auf nahe Verwandte nicht kann?)

Extremfall: Man stelle sich den Arbeitslosen vor der verunfallt und die Organe werden nach der Widerspruchslösung entnommen, weil kein Widerspruch vorliegt -und sein Herz wird dem letzten Arbeitgeber eingesetzt, bei dem der entlassen wurde oder einem Vermieter der den kündigte oder einem Beamten im Amt der den wegen Nichtigkeit sanktionierte ,seine Wohnung verlor und deshalb monatelang gar keine Möglichkeiten hatte, sich beispielsweise zu bewerben?

Findet man das nach 12 Jahren Brutalisierungskampagne korrekt, minder wichtig -oder einen empörende Vorstellung?

Nochmal: Als erstes muß jeder mal selbst entscheiden ,ob er ein fremdes Organ will , eingesetzt bekommen möchte! Das ist doch wohl die erste und wichtigste Frage. Denn nur dann kann man den Personenkreis bestimmen, aus deren Kreis im Falle des Unfalltodes Organe entnommen werden können.

Wer keine Organe eintransplantiert bekommen möchte -die Gründe gehen doch niemanden was an- dem kann man doch nicht Organe entnehmen,das wäre eine Unanständigkeit nicht mal ethischen, sondern gar epischen Ausmaßes. (Das die Widerspruchsregelung aus ganz praktischen Gründen nicht zielführend ist , dürfte klar sein. Im OP hat niemand seine persönlichen Akten dabei. Und ob Eingeweihte so schnell erreicht werdne können, in der Lage sind Auskunft zu erteilen-sei dahingestellt)

Wer also will , das ihr oder ihm Organe einoperiert werden im Krankheitsfalle und sich das nicht verbittet - der sollte bereit sein welche abzugeben im Falle das er oder sie die nach allen Kriterien der med. Zunft nicht mehr braucht.

Aber man soll sich nicht bei Leuten bedienen, die selbst von niemandem anderem verlangen, dass man die um ihretwillen auch noch aufschneidet und ausweidet!

Wo kommen wir hin, wenn wir derlei Axiome ("Jeder will im Fall des Falles ein Organ das jemandem anderem gehört " - woher weiß man das ? Das wird so dargestellt,stimmt aber nicht, die meisten Leute würden sich das verbitten. ) für alternativlose Wahrheiten halten und darauf pseudomoralisierende Debatten aufbauen.

Erst mal klären , WER EIN ORGAN HABEN WILL .

Dann aus dem Kreis -und keinem anderem- die sich schriftlich dazu bekennen anderer Leute Organe annehmen zu wollen, die Organe entnehmen.

Alles andere wäre ein Stück aus dem Tollhaus!

Und dabei ist die familiäre Frage nicht nicht geklärt. Es ist ein Unterschied, ob jemand für seinen Ehepartner oder sein Kind natürlich spenden würde-aber eben nicht für Wildfremde und selbst durchaus erklärt, sie oder er wolle keine Organe von Wildfremden, generell keine oder im Zweifel allerhöchstens von einem nahen Verwandten in passender Situation.(Unfall mit Eheleuten, einer stirbt, einer braucht ein Organ um zu überleben oder ist zufällig schwersterkrankt. Aus einer Bereitschaft da dann zu spenden an den Ehepartner-kann kein Verwaltungsrechtszyniker der Welt eine allgemeine Verwendung der Organe für Wildfremde ableiten. Nein,das wird nicht funktionieren.)

Es scheint demnächst eine Lesung irgendwelcher diesbezüglicher Gesetze stattzufinden- und die Politik (SPD beispielsweise, ist ja mehrheitlich für die sog. Widerspruchslösung, die auch in anderen Rechtsbereichen wo sie gilt -oft in Datenschutzsachen auf Kommunalebene beispielsweise,wobei kein Mensch davon erfährt,eher durch Zufall,ohne das jemand dezidiert angeschrieben wurde- ein Skandal ist ) macht im weitesten Sinne über die diversen Stationen der "Meinungsbildung" Werbung für ihre Position des abermaligen verwaltungsrechtlichem Machtzuwachses für die Exekutiven. (Wobei dabei die Ärzte dann nur Erfüllungsgehilfen sind, es ist Sache der Ärzte, sich als solche instrumentalisieren zu lassen.)

Der erste Blogbeitrag oben war inhaltlich richtig zur kurzfristigen Lösung, soweit man den Focus herumdreht:

Diejenigen die ein Organ haben wollen im falle sie brauchen es-die sollten auch "spenden" .

Diejenigen die gar kein Organ wollen-und im Zweifel ihren Tod annehmen- denne kann man ja nun im Ernst nicht Organe entnehmen, es sei denn sie wollen das ausdrücklich.

Damit ist die Widerspruchslösung hinfällig an sich und eine Erklärung sollte beinhalten, ob diejenigen ein Organ haben wollen im Falle des Falles oder eben ausdrücklich sagen , dass sie entgegen der medialen Unterstellung jeder wolle in so einem Falle (es will eben gerade nicht jeder) eben GERADE keins wollen.
Zusätzlich können die, müssen aber nicht, Spendenbereitschaft eintragen.

Und alles andere wäre mehr als zweifelhaft.

Captain Nemo 28.11.2012 | 12:44

Das Hauptproblem ist nicht die Definition von Tod.

Das Hauptproblem ist das fehlende Vertrauen in die Institutionen -- dieses Vertrauen wurde massiv zerstört und kann jetzt nicht mit staatlichen Zwängen vorgeschrieben werden.

Ich würde meine Organe Spenden... für meine Familie, meine Freunde oder Menschen, von denen ich glaube, daß Sie es verdienen würden. Das könnte ich in einer einfachen Ja-Nein Liste definieren.

Ich will aber nicht, daß meine Organe an Privatversicherte, Beamte, Politiker oder Superreiche aus aller Herren Länder gehen.

Wir erinnern uns: Statistisch signifikant haben Privatversicherte einen größeren Anteil an Organen erhalten.

Wir erinnern uns: Der aktuelle Skandal hat mit Superreichen als Empfänger zutun -- hier hat die Presse kaum nachgehakt.

Wir erinnern uns: Fürst von Thurn und Taxis erhielt als bekannter Trinker zwei Herztransplantationen! Zwei! Damit hätte man zwei Normale Menschen retten können!

Soll das Volk also zum Ausschlachten für eine kleine Clique werden?

Wer kann dann sicher sein, daß sein Leben ausreichend "gerettet" wird, wenn sich (dank Typisierung) eine perfekte Spenderqualifikation für einen arabischen Milliardär ergibt?

So denkt das Volk! Und wer das nicht erkennen will, der hat Scheuklappen und ein Brett vor dem Kopf!

Ulrike Baureithel 30.11.2012 | 15:01

@ Eldorado

Nun wissen wir aber, dass bei einem Menschen, dem die Organe entnommen werden, immer noch eine Art Leben in den Organen herrscht, da andererseits die Transplantation gar nicht möglich ist.

Das sind keine "esoterischen" Erkenntnisse, wie Sie meinen, sondern emprische. Es gibt zahlreiche Untersuchungen/Berichte über Wesens- und Gefühlsveränderungen nach Transplantationen - vor allem solchen im Bauchbereich. Aus gutem Grund messen die Japaner dem Abdominalbereich sehr viel mehr Bedeutung zu als die Europäer.

Ulrike Baureithel 30.11.2012 | 15:05

@ Captain Nemo

Das Hauptproblem ist nicht die Definition von Tod.

Das Hauptproblem ist das fehlende Vertrauen in die Institutionen -- dieses Vertrauen wurde massiv zerstört und kann jetzt nicht mit staatlichen Zwängen vorgeschrieben werden.

Die umstrittenen Todesdefinitionen und das fehlende Vertrauen in Institutionen hängen m.E. ganz eng miteinander zusammen. Wenn ich nicht sicher bin, dass "der Arzt mein Henker wird", wie es der Philosoph Hans Jonas ausgedrückt hat, werde ich wenig Vertrauen in die Institution des Transplantationssystems - wohlgemerkt: nicht des gesamten Gesundheitssystems, in dem tagtäglich viele Menschen beweisen, dass sie kompetent und vertrauenswürdig sind - entwickeln.

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Ehemaliger Nutzer 02.12.2012 | 01:08

Die Organtransplanteure haben Hoffnungen geweckt, die sie selbst nie erfüllen konnten. Deshalb wird wohl immer wieder versucht, die Menschen weichzuklopfen.

Wie man sich dagegen wappnen kann, beschrieb Jörg Friedrich in seinem Artikel Warum Menschen sterben am 29.03.2102 hier im Freitag. http://www.freitag.de/autoren/friedjoerg/warum-menschen-sterben

Alternativen zu der einen mehr oder weniger offenen und legalisierten Organhandel voraussetzenden Transplantationsmedizin werden in diesem Zusammenhang dann auch erst gar nicht mehr geführt. Die Organtransplantation wird als alternativlos dargestellt. Das allein sollte einen schon aufmerken lassen. Die Vehemenz, mit der dieses Thema immer wieder aktualisiert wird, müsste einen ganz kritisch und misstrauisch machen.

Shandi 02.12.2012 | 12:46

Es fehlen rund 12.000 Organe in Deutschland. D.h. wenn wir pro Organspende sind, heisst das ganz konkret, dass wir auf 12.000 Todesfälle warten, bei denen ein gesunder Mensch durch tragischen Unfall o.ä. so schwer verletzt wird, dass man daran denken kann, seine Organe zu verpflanzen. Das ist eine Einstellung, die ich nicht teilen kann. Menschen sterben nicht wegen fehlender Organe, sie sterben an der zugrunde liegenden Krankheit, für die die Medizin noch keine Lösung gefunden hat.

Niemand hat ein Recht auf die Organe anderer, Organtransplantationen können nicht der Weisheit letzter Schluss sein.