Großer Sprung auf der Stelle

KOMMENTAR UN-Sonderversammlung "Frauen 2000"

Eigentlich könnte ich den Kommentar von vor fünf Jahren abschreiben. Man müsste nur einige Ortsnamen und Daten austauschen, etwa Kairo durch Peking ersetzen und für den deutschen Polithorizont Claudia Nolte mit Christine Bergmann. Denn schon in Peking hieß es, dass man (respektive frau) keinesfalls hinter die Beschlüsse der Weltbevölkerungskonferenz in Kairo zurückfallen dürfe; vergangene Woche in New York beschworen die Delegierten auf der UN-Frauenkonferenz "Peking + 5" die Pekinger Beschlusslage als unhintergehbare Sollmarke.

Dem allgemeinen Gedächtnisschwund anheim gefallen ist, dass bereits in Kairo lediglich ein globaler Minimalkonsens ausgehandelt wurde, der in Peking zur Disposition gestellt und - bereits mit Einschränkungen - noch einmal bestätigt wurde. In gut sozialistischer Tradition dann ein Fünfjahres(aktions)plan, und dieser Tage das Resümee auf dem UN-Sondergipfel: Der große Sprung nach vorn hat nicht stattgefunden.

Die bemerkenswerte Unübersichtlichkeit an der Geschlechterfront bleibt aufgespannt zwischen den Ansprüchen des alten Marktes und den Zumutungen der weltweiten Neofeudalisierung. Die Pauperisierung der Frauen mit Kindern, der Alten und Kranken hat die postindustrielle Demarkationslinie längst überschritten: Wer wie viel Geld, Bildung, Rechte, sprich: Entwicklungsmöglichkeiten erhält, ist nicht nur ein Streitfall in den sogenannten Entwicklungsländern, wo weibliche Föten gegebenenfalls abgetrieben werden, sondern davon künden auch deutsche Sozialhilfeakten.

Sieben Minuten Schönredezeit für die Frauenpolitik eines jeden Landes, vorgetragen vor der Weltgemeinschaft. Sieben lange und peinliche Minuten, wenn man die substanziellen Erfolge seit Peking vor die Richterinnen aus den NGO-Organisationen zitiert; sieben kurze Minuten, gemessen an der politischen Weltzeit, die "Frauen-und-Belange" eben nur im Ausnahmefall zur Kenntnis nimmt.

In gewisser Hinsicht allerdings wurde in New York die Welt wieder zurechtgerückt: Konnte man in Peking ahnen, dass die westliche Welt durchaus kein feministisches Mekka hervor gebracht hat, bestätigt der Widerstand islamischer und katholischer Staaten gegen das diesjährige Abschlussdokument, in dem unter anderem die rituelle Klitorisbeschneidung als Menschenrechtsverletzung geächtet wird, liebgewordene Vorurteile. Sexuelle Selbstbestimmung, Abtreibung, Aufklärung? Im Westzeitalter von Autosex und laborerzeugter Nachkommenschaft kaum mehr ein Thema! Ewig gestrige Lustfeinde, die ihre Frauen verstümmeln oder zu ungewollter Mutterschaft zwingen!

In fünf Jahren also auf ein Neues. Vielleicht, denn eine Folgekonferenz wurde nicht beschlossen. Doch wie dem auch sei, sicher wird es heißen: Wir dürfen nicht zurückfallen hinter New York. Damit alles bleibt, wie es ist.

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Geschrieben von

Ulrike Baureithel

Redakteurin „Politik“ (Freie Mitarbeiterin)

Ulrike Baureithel studierte nach ihrer Berufsausbildung Literaturwissenschaft, Geschichte und Soziologie und arbeitete während des Studiums bereits journalistisch. 1990 kam sie nach Berlin zur Volkszeitung, war im November 1990 Mitbegründerin des Freitag und langjährige Redakteurin in verschiedenen Ressorts. Seit 2009 schreibt sie dort als thematische Allrounderin, zuletzt vor allem zuständig für das Pandemiegeschehen. Sie ist außerdem Buchautorin, Lektorin und seit 1997 Lehrbeauftragte am Institut für deutsche Literatur der Humboldt Universität zu Berlin.

Ulrike Baureithel

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