Hausarbeitslohn heißt jetzt Betreuungsgeld

Frauensache Das Betreuungsgeld soll etwas Neues sein? Unsere Kolumnistin erinnert es an Debatten der 70er, in denen Feministinnen stritten, wie Hausarbeit entlohnt werden soll

Nein, als "Herdprämie" wollen es die Christdemokraten auch nicht gelabelt sehen. Zumindest Peter Altmaier, Parlamentarischer Geschäftsführer der CDU, will das Betreuungsgeld all denen zugutekommen lassen, die Kinderbetreuung außerhalb der Kita "selbst organisieren".

Ach, was haben wir uns doch gestritten in den siebziger Jahren! Da hatten ein paar 68er-Heroinnen schon die ersten Kinderläden gegründet, und eigentlich war die Kollektiverziehung des Nachwuchses überhaupt keine Frage. Dann kursierte plötzlich dieser irritierende Aufsatz der italienischen Feministin Mariarosa Della Costa, in dem sie doch tatsächlich behauptete, Hausarbeit sei eine "maskierte Form produktiver Arbeit" und müsse bezahlt werden. Außerdem rief sie die Hausfrauen zum Streik auf, um den Mythos, man könne sich durch Arbeit befreien, vom Sockel zu kippen. Dabei ist das gar nicht auf ihrem Mist gewachsen; der Hausarbeitslohn war von ein paar Ausnahmefrauen bereits vor dem Ersten Weltkrieg gefordert worden.

"Wert der Ware Hausarbeit"

Das alles wurde in den bewegten Siebzigern des vorigen Jahrhunderts gerade wieder entdeckt; und weil damals jede, die etwas auf sich hielt, noch irgendwie marxistisch infiziert war, begannen endlose Debatten über den "Wert der Ware Hausarbeit" und was nun übler sei, der Kapitalismus oder das Patriarchat. So richtig entschieden ist das ja bis heute nicht – auch wenn so getan wird, als spielte es keine Rolle. Tut es aber doch. Denn das Betreuungsgeld ist doch so eine Art Lohn für Hausarbeit. Nur dass nicht der Mann der Frau etwas zu schulden scheint, wie die Feministinnen meinten, sondern die Gesellschaft. Dafür, dass sie überhaupt Kinder kriegt, und dafür, dass sie die Gesellschaft nicht ungebührlich in Anspruch nimmt, um die Kleinsten aufzuziehen. Oder, schlimmer noch, bis zur letzten Instanz den Kita-Platz einklagt und Schadenersatz fordert. Eine Schadensminimierungsgesellschaft weiß so etwas zu vermeiden.

Bleibt noch nachzutragen, dass es – und das ist gar nicht so lange her – eine Linke war, die Müttern bis zu 1.600 Euro für die Kindererziehung bezahlen wollte. Sie hieß Christa Müller und war die Gattin von Oskar Lafontaine, der für sein Söhnchen angeblich den Job aufgab. Nun hat er sie von der Bettkante gestoßen und durch eine ersetzt, die mit der Herdprämie vermutlich nichts am Hut hat. Womit die Welt auch bei der Linken endlich wieder in Ordnung wäre.

Dies ist die erste Folge der neuen wöchentlichen Kolumne "Frauensache/Männersache" im Alltagsressort. Sie widmet sich Genderthemen und wird abwechselnd von einem festen Kolumnistenteam geschrieben.

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Geschrieben von

Ulrike Baureithel

Redakteurin „Politik“ (Freie Mitarbeiterin)

Ulrike Baureithel studierte nach ihrer Berufsausbildung Literaturwissenschaft, Geschichte und Soziologie und arbeitete während des Studiums bereits journalistisch. 1990 kam sie nach Berlin zur Volkszeitung, war im November 1990 Mitbegründerin des Freitag und langjährige Redakteurin in verschiedenen Ressorts. Seit 2009 schreibt sie dort als thematische Allrounderin, zuletzt vor allem zuständig für das Pandemiegeschehen. Sie ist außerdem Buchautorin, Lektorin und seit 1997 Lehrbeauftragte am Institut für deutsche Literatur der Humboldt Universität zu Berlin.

Ulrike Baureithel

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