„Haut/ab!“

Beschneidung Eine neue Ausstellung widmet sich den theologischen und kulturhistorischen Hintergründen der Beschneidung. Die Debatte der letzten Jahre bleibt dabei außen vor
Ulrike Baureithel | Ausgabe 43/2014 12
„Haut/ab!“
Einmalbesteck für die Beschneidung, Israel 2014

Foto: Oliver Stratz / Jüdisches Museum Berlin

Die Eingangsinstallation versammelt Skulpturen und Figuren auf einem gleißenden Messer. Sechs männliche Akte, bei denen ein einziger Körperteil im Mittelpunkt steht: der Penis. Beschnitten und unbeschnitten reüssiert das Fortpflanzungsorgan zum kulturellen Zeichen, die heilige Vorhaut ist Symbol und Reliquie und Gegenstand einer Jahrtausende alten Kontroverse, die im Jahr 2012 in Deutschland wieder einmal auf Messers Schneide stand.

Die Zirkumzision, also die rituelle Entfernung der männlichen Vorhaut bei nicht einwilligungsfähigen Kindern, hatte damals nicht nur Mediziner und Juristen auf den Plan gerufen, sondern eine heftige gesellschaftliche Debatte ausgelöst und das kulturelle Selbstverständnis herausgefordert. Für das Jüdische Museum Berlin war dies Anlass zu einer neuen Ausstellung, die „Einblicke in die theologischen und kulturhistorischen Zusammenhänge im Umgang mit der Beschneidung in den drei monotheistischen Religionen“ geben soll, wie die Macherinnen der Schau im Begleitkatalog schreiben.

Damit ist der Rahmen gesteckt: Haut/ab! ist keine Auseinandersetzung mit medizinischen Vorwänden für oder Einsprüchen gegen die Beschneidung, mit psychologischen Bedenken oder gar genderspezifischen Fragen, sondern sie will, erklärt Kuratorin Martina Lüdicke, „mehr Verständnis für ihre identitätskonstruierende Funktion“ wecken und zeigen, „was in der Debatte zu kurz gekommen ist“.

Das Beschneidungsdrama wird in sieben Raumstationen abgewickelt. Neben dem erwähnten Eingangsszenario erhellt ein „Wortraum“ die Ursprungsszene des Bündnisses zwischen Gott und Abraham, dem Stammvater Israels, das mit der Vorhautentfernung von dessen Kindern besiegelt wurde. Die Beschneidung ist seither in Form der Brit Mila und des Beschneidungsfests ein fester Bestandteil der jüdischen sowie der islamischen Tradition.

Das in Erklärungsnot geratene Christentum – Jesus war ja beschnitten – verlagerte die Operation von der fleischlichen auf die spirituelle Ebene und deutete sie als erste Station der Christus-Passion. Peter Paul Rubens’ Die Beschneidung Christi (1605) ist hierfür ein ebenso eindrucksvolles Beispiel wie der Nürnberger Tucheraltar (um 1450), auf dem die Szene aus dem Lukas-Evangelium nachgebildet wird. Dass noch bis ins 20. Jahrhundert der 1. Januar als Beschneidungsfest im liturgischen Kalender geführt wurde, dürfte unter Christen wenig bekannt sein; die Vorstellungen von jüdischen Ritualmorden, die in der antisemitischen Propaganda eine wichtige Rolle spielten, dürften im kollektiven Gedächtnis dagegen noch virulent sein.

Im „Resonanzraum“ geht es schließlich um die dokumentarische und fiktionale Bearbeitung des Themas: „Circumcision in every good movie“, lautet angeblich das Motto in den USA, deren männliche Bevölkerung mehrheitlich beschnitten ist. Warum es sich dabei um „eine reine Männersache“ handelt, wird im Katalog allerdings so wenig reflektiert wie in der Ausstellung. Und wenn es sich bei der Beschneidung außerdem um ein Phänomen von „Übergangsmenschen“ handelt, wie Franz Kafka schon 1911 vermutete, dann wäre die Übung nur noch Reminiszenz an ein überkommenes Ritual und im Hinblick auf Kinderrechte immerhin bedenklich.

Haut/ab! Haltungen zur rituellen Beschneidung Jüdisches Museum Berlin, bis 1. März 2015

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13:00 23.10.2014
Geschrieben von

Ulrike Baureithel

Autorin und Vielfachbewegte in Berlin
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