Heilige Familie

LADENSCHLUSS Vom Frühschoppen zum früh bis spät Shoppen

Der liebe Gott muß ein Romantiker gewesen sein, als er die Welt erschuf und an diesem verflixten siebten Tag die Menschen vom Joch der Arbeit befreite. Wahrscheinlich traute er der längerfristigen Anziehungskraft seiner Botschaft selbst nicht so recht, und wollte den ersten Christen einen kleinen Vorgeschmack geben auf das himmlische Leben, den Garten Eden, das Schlaraffenland oder wie man sich das »Reich Gottes« auch ausgemalt haben mag.

Genaugenommen war der liebe Gott jedoch nicht nur ein Romantiker, sondern auch ein Patriarch, der sich nicht nur von seiner Gemeinde feiern ließ an diesem Tag, sondern der auch blind dafür war, daß die Herstellung der sonntäglichen »Auszeit« reichlich Mühe bereitete. Während in der jüdisch-orthodoxen Tradition der Sabbat tatsächlich für alle Mitglieder des Bundes galt und Arbeit auch den Frauen verboten war, genehmigte der christliche Gottvater seinesgleichen einerseits den Gang ins Wirtshaus, um Sein Lob im deftigen Frühschoppen ausklingen zu lassen, und sah andererseits gelassen zu, wie die Hausfrauen um das Sonntagsessen wuselten. Dem gemeinsamen Mahl folgte dann der nicht nur von Kindern gefürchtete Sonntagsspaziergang, wo wiederum Frauen als Managerinnen des Familienfriedens operierten.

Seien wir also ehrlich: So gerecht verteilt war das nie mit der Sonntagsruhe, da gab es immer welche, die offen oder versteckt dafür sorgten, daß die anderen zur Ruhe kamen. Glücklicherweise kamen irgendwann diese bewegten Frauen, die die ererbten weißen Damasttischdecken zerschnitten und zu Spruchbändern verarbeiteten, auf denen stand, daß auch sie an der sonntäglichen Freizeitgemeinde teilzuhaben begehrten. Nunmehr schmorte die sonntägliche WG-Family nicht mehr im selbstfabrizierten Bratendunst, sondern beauftragte den Pizza-Service oder ging bei »Tante Jolesch« um die Ecke frühstücken. Auch in dieser Hinsicht haben die Achtundsechziger ihre »Modernisierungsfunktion«erfüllt, indem sie ein intern nicht lösbares Problem einfach nach außen verlagerten: Das hat uns die großstädtischen Single-Services beschert und schließlich auch die Pflegeversicherung.

Statt Frühschoppen am Sonntag von früh bis spät shoppen? Kaum ein Thema wirbelt soviel kulturkritischen Schlamm auf wie die wieder einmal aufgeflammte Debatte um die Ladenschlußzeiten, und, fürwahr, nie gerät die Heilige Familie so in Gefahr wie auf der sonntäglichen Rolltreppe ins himmlische Konsumparadies. Berlins Bischof Huber sieht die Sozialkultur aufs Spiel gesetzt und die Gewerkschaften ihre Auffassung von Arbeitskultur, die von jeher darin bestand, zwischen Arbeitszeit und freier Zeit unterscheiden zu können.

Es soll dagegen Menschen in dieser Gesellschaft geben, die zwischen Arbeit und Freizeit gar nicht mehr genau zu unterscheiden vermögen. Das sind nicht nur die gescholtenen workaholics, sondern auch jene, denen die Arbeit Spaß macht, weil sie ihnen sinnvoll erscheint, sie frei einteilen können und dabei höchstens objektiven Zwängen unterworfen sind. Früher nannte man das »selbstbestimmt« und verwies auf jenes »Reich der Freiheit«, von dem man sich damals versprach, es noch vor dem Gottesreich zu erreichen.

Solche Überlegungen sind (wie der olle Marx, von dem sie stammen), ziemlich aus der Mode gekommen. Dafür hat man die Seite gewechselt und spielt nun Quasi-Unternehmer, indem man die Anderen am Sonntag für sich arbeiten läßt. Die konsumfreudige »Erlebnisfamilie« hat den Spaziergang endgültig vom Deutschen Wald in den Mall verlegt, wo Gummi-Eichen entfernt an das Naturschöne erinnern, und der verhaßte Wandersack vertauscht wird gegen grellfarbene Plastiksäcke. Die Rebellion gegen das spießige Sonntagsritual hat sich hinter unserem Rücken einmal mehr gegen die guten Absichten durchgesetzt.

Der Katechismus übrigens belehrte die Christen darüber, auf welche Weise der Sonntag zu heiligen sei. Zu den Pflichten der Gläubigen gehörte auch das allwöchentliche christliche Almosen. Da heutzutage der Gott der Ware triumphiert hat, sei vorgeschlagen, an den Pforten der großen Kaufhäuser Klingelbeutel aufzustellen, in die die Kaufwilligen ihren Obulus entrichten, als Notopfer für die Konzerne, die, wie sie wissen lassen, von den staatlichen Zwangsgeldern erdrosselt werden.

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Geschrieben von

Ulrike Baureithel

Redakteurin „Politik“ (Freie Mitarbeiterin)

Ulrike Baureithel studierte nach ihrer Berufsausbildung Literaturwissenschaft, Geschichte und Soziologie und arbeitete während des Studiums bereits journalistisch. 1990 kam sie nach Berlin zur Volkszeitung, war im November 1990 Mitbegründerin des Freitag und langjährige Redakteurin in verschiedenen Ressorts. Seit 2009 schreibt sie dort als thematische Allrounderin, zuletzt vor allem zuständig für das Pandemiegeschehen. Sie ist außerdem Buchautorin, Lektorin und seit 1997 Lehrbeauftragte am Institut für deutsche Literatur der Humboldt Universität zu Berlin.

Ulrike Baureithel

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