Heimat ist, wo man nicht erklären muss, wer man ist

Panorama Ulrike Draesner verknüpft in ihrem hochartifiziellen Roman "Spiele" private und politische Geschichte

Katastrophen sind der Stoff, aus dem Geschichten gemacht werden. Die antike Tragödie, das englische Drama, das deutsche Schauspiel wären ohne die großen Kriege so wenig denkbar wie der Hollywood-Film ohne Naturkatastrophen oder Terrorismus. Letzterer ist seit dem 11. September 2001 ein bevorzugter Stoff, vielleicht, weil zumindest die befriedeten Völker mit terroristischen Attacken eher rechnen müssen als mit einem Krieg und ihnen schutzloser ausgeliefert sind. Politik und persönliches Leben durchdringen sich in solchen Fällen schlagartig, bilden einen Zeitknoten, in dem alles zusammenfließt. Das Ereignis setzt eine Zäsur, markiert eine entscheidende Veränderung: Nichts ist mehr so wie zuvor.

Die Berliner Schriftstellerin Ulrike Draesner hat in der bundesrepublikanischen Geschichte ein solches Ereignis ausgemacht: Mit der Geiselnahme von elf israelischen Sportlern am 5. September 1972 durch Mitglieder der palästinensischen Untergrundorganisation "Schwarzer September" endeten nicht nur die weltweit gefeierten fröhlichen Olympischen Spiele in München, sie gilt auch als der Auftakt eines weltweit agierenden Terrorismus. Als Erzählstoff eignet sich die Geschichte schon deshalb, weil sie - nach der Mondlandung - als Reality-TV einerseits überall auf der Welt zeitnah verfolgt wurde und durch die Zufälligkeit von Ort und Zeit andererseits prädestiniert ist, private Schicksale zu berühren und möglicherweise zu verändern.

Spiele nennt Draesner ihren groß angelegten Roman, der sich vom Jahr 1972 bis in die unmittelbare Gegenwart spannt. Erzählt wird eine Erinnerungslandschaft, aus der Perspektive der 13-jährigen Katja Berewski: Die durch die Spiele veränderte Stadt, die vielen Menschen, die fröhliche Aufgeregtheit, die Sportler Olga Korbut, Mark Spitz, Ulrike Meyfahrt, Namen, die heute noch im Gedächtnis hängen. Katja wäre, zusammen mit ihren aus Schlesien stammenden Großeltern Jozef und Linda und dem Vater Edgar, glücklich, wäre da nicht die klaffende Wunde, die ihre Mutter hinterlassen hat. Marlene hat ihre kleine Tochter verlassen, durch Selbstmord, wie Katja in diesem Schicksalsjahr erfährt. Während Jurist Edgar den Schmerz über diesen zweiten Verlust verdrängt, indem er Heimatvertriebenen zumindest zu finanziellem Ausgleich verhilft, bleibt Katja auf die Großeltern angewiesen, vor allem Jozef, der Zuckerstückchen aus Schlesien sammelt, große Vorkriegsstücke, noch ungeteilt. Seine Art, "Heemte", ein Stück Heimat, zurückzuholen.

Am 5. September 1972, just am Tag der Geiselnahme im Olympischen Dorf, endet auch Katjas Kindheit. Edgar hat während der Spiele eine neue Frau kennen gelernt, Susanne, eine Anästesistin, begabt darin, Edgars Leid zu lindern. Edgars Erinnerung an den Tag ist überschirmt von Liebeswolken, obwohl die Erwachsenen vor dem Bildschirm kleben oder Blumen streuen für die ersten erschossenen Geiseln. Katjas Erinnerung ist beschwert von Verlustängsten um Edgar und um den 17-jährigen Max, mit dem der Großvater Schach spielt. Katja mag Max, doch obwohl er ihre Gefühle zu erwidern scheint, hat er sie übel verraten. Das verzeiht sie ihm nicht.

Ob dann allerdings wirklich die von Katja initiierte "Max-Razzia" der Grund ist, weshalb dieser plötzlich die Schule schmeißt und bei der Polizei anheuert, statt wie seine Altersgenossen auf der Straße zu demonstrieren? Ist sie schuld, dass er in Fürstenfeldbruck während der misslungenen Geiselbefreiung schwer verletzt wird? Oder war das einfach nur ein spezielles Spiel von Max, das er mit einer Behinderung bezahlt? Was möglich gewesen wäre zwischen ihnen, hätte es das Attentat nicht gegeben, nicht diesen Dilettantismus im Umgang mit den Geiselnehmern, erfährt Katja nie, denn Max verschwindet von ihrer Bildfläche. Doch sie macht sich ihre Gedanken: Hat das, was die Großeltern über "Heemte" erzählen auch mit den Palästinensern zu tun? Sind manche Menschen wie Pflanzen, die "traurig werden, wenn ihnen die heimische Erde fehlt und wieder andere, wenn ihnen ein Mensch fehlt? Wo berührt sich das kleine Leben mit der großen Geschichte nur und an welchem Punkt beginnt beides sich zu durchdringen?

Kein Zufall ist es jedenfalls, dass Katja als vielreisende Fotojournalistin später nirgends und bei niemandem Heimatgefühle zulässt, in ihren Fotos jedoch immer das Gesicht ihrer Mutter sucht. Schon über vierzig und auf einer Reise durch Indien, drängen die Ereignisse des 5. September 1972 schließlich an die Oberfläche, mischen sich in ihre gelebte Gegenwart ein. Sie verordnet sich eine Arbeitspause, beginnt in bester investigativer Manier mit der Rekonstruktion der Geiselnahme, sichtet Material, spricht mit Zeugen, verfolgt Hypothesenschnüre, setzt die widersprüchlichen Teile zusammen und versucht, das hinter den Bildern liegende Bild erkennbar zu machen.

Nach diesem Prinzip ist auch der Roman gebaut. Von der Oberfläche der Stadt dringt er in die Tiefe, sehr sorgfältig und detailversessen Schicht für Schicht freilegend. Psychisches, Mentales, Politisches, fast ausschließlich aus der Sicht Katjas, oft in unmerklichem Wechsel zwischen Innen- und Außenperspektive. Wo die übrigen Figuren erinnern, bleibt ihr Gedächtnis auf das Kind oder die Erwachsene bezogen, Katja bildet den Erinnerungsknoten, selbst noch bei Paul, der am Ende mehr zu sein scheint als eine ihrer folgenlosen Affären.

Das hat Konsequenzen für eine Geschichte, die ja nicht nur auf eine individuelle Entwicklung zielt, sondern ein Gesellschaftspanorama samt politischen Hintergründen aufspannen will. Der strikte Bezugspunkt nötigt die Autorin, entweder alles durch die notwendig begrenzte Wahrnehmung der individuellen Erinnerung zu schleusen oder Informationen in vordergründigen Dialogen, deren Absicht unübersehbar ist, nachzuliefern; ein Problem übrigens, das Wissenschafts- und Politromanen eigen ist.

Dass sich Draesner mitunter auch in ihren geschichtsphilosophischen und kulturtheoretischen Betrachtungen verhebt - manche Figuren sprechen, als ob sie gerade ein Oberseminar absolviert hätten -, dabei östliche Medizinphilosophie ebenso bemüht wie jüdische Zahlenkabbalistik, wäre noch hinnehmbar, würde dadurch der ohnehin gemächliche Erzählbetrieb nicht noch weiter aufgehalten. Die hochartifizielle, formale Konstruktion des Romans und die überraschende, gelegentlich überstrapazierte Bildersprache verlangen dem Leser hohe Aufmerksamkeit ab.

An ihre Grenze gelangt die kompliziert angeordnete private und politische Geschichte zum Ende hin: Während sich die Rekonstruktion der Münchner Geiselnahme in einem spannenden Politkrimi mit Verschwörungshintergrund auflöst, schickt Draesner ihre läuterungswillige Protagonistin mitleidlos zunächst auf die Seuchenstation (angeblich hat sich Katja bei ihren Recherchen in Hongkong mit einem Killervirus infiziert) und dann - oben ohne! - auf die Straße. Endlich befreit! Hätte Katja ihren Bra, den sie bis dahin nicht einmal beim Sex abgelegt hatte, doch mal altersgerecht in den siebziger Jahren verbrannt. Nachgetragene Emanzipation bleibt - wie so manche sinnstiftende Erinnerung - eben doch nur konstruiert.

Ulrike Draesner: Spiele. Roman. Luchterhand, München 2005, 496 S., 21,90 EUR


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00:00 21.10.2005
Geschrieben von

Ulrike Baureithel

Autorin und Vielfachbewegte in Berlin
Ulrike Baureithel

Ausgabe 38/2020

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