"Herdprämie" im Modellwettstreit

Paradoxe Verhältnisse, einfache Lösungen? Christa Müller fordert ein Erziehungsgehalt. Daran ist nicht alles falsch - doch die Linkspartei sieht rot

In den Berliner Discountern, die seit kurzem im 24-Stunden-Betrieb arbeiten, verdient das in der Nachtschicht beschäftigte Personal 6,25 Euro in der Stunde. Damit kommen die die Stammbelegschaft ablösenden Leiharbeiterinnen gerade einmal auf gut 50 Euro pro Nacht, während die Konzerne ein Maximales an Überstunden- und Nachtzuschlägen einsparen. Würde sich eine Verkäuferin nun entscheiden, statt an der Kasse im Kinderzimmer ihres Jüngsten zu sitzen, würde sie, wenn Oskar Lafontaines Ehefrau, die Linkspolitikerin Christa Müller, in dieser Republik das Sagen hätte, immerhin 9,24 Euro die Stunde verdienen. Mit ihrem Vorschlag, Müttern mit Kindern bis zu drei Jahren ein sozialversicherungspflichtiges Salär bis zu 1.600 Euro zu bezahlen und bis zum 18. Geburtstag immerhin noch 500 Euro, hat die saarländische Mutter mit hohem politischen Ehrgeiz die Linke republikweit aufgescheucht. "Herdprämie" wird allenthalben intoniert und Müller des Schmusekurses mit der katholischen Kirche verdächtigt.

Die Tatsachen in Gesamtdeutschland allerdings sind so hart, dass sich die eine oder andere Frau statt für die Emanzipation an der Verkaufskasse durchaus für die "Herdprämie" begeistern könnte. Vielleicht sogar so mancher sich prekär durchs Leben schlagende Vater. Das von Müller geforderte Erziehungsgehalt, das auch Eltern zustände, die keinen Job aufgeben, ist sozusagen die "Proleten"-Variante zum neu eingeführten Elterngeld, von dem - man kann es drehen und wenden, da hat Müller recht - vor allem gut ausgebildete Jobbesitzer/innen profitieren. Genau aus diesem Grund greifen nun sogar immer mehr Väter zu.

Dass Familienministerin Ursula von der Leyen (CDU) außerdem 500.000 Krippenplätze zur Verfügung stellen will, damit die erziehenden Frauen und Männer nach Auslaufen des Elterngeldes wieder nahtlos in ihren Job zurückkehren können und der Wirtschaft nicht verloren gehen, ist natürlich strikt kapitalistisches Kalkül. Aber, so paradox sind nun eben mal die Verhältnisse, durchaus auch im Interesse der Betroffenen: Es soll nämlich Eltern geben, die nicht jahrelang Lust nur auf Familienarbeit haben; und Kinder sind glücklicherweise neugierig und weltoffen genug, den Blick über den heimischen Brotkorb schweifen zu lassen.

Nun also unterstellen (nicht nur) die aufgeklärten Frauen von der Linkspartei der tumben Maid aus dem Saarland billige Bauernfängerei in einem Wahlkampf, bei dem auch die konservativen Ränder begradigt und links eingesät werden sollen. Im Süden der Republik hat man es traditionellerweise nicht so mit der kollektiven Kindererziehung, was, nebenbei, weniger am katholischen Frauenbild als daran liegt, dass es sich außerhalb der städtischen Agglomerationen, in den großzügig aufgeputzten Dörfern und Kleinstädten mit Kindern besser lebt als in den infrastrukturell ausgedünnten Zonen Nord- und Ostdeutschands. Das hat Christa Müller in den vergangenen zehn Jahren gelebt, und weshalb sollte sie das nicht ebenso medial vermarkten wie von der Leyen das Berufstätigen-Modell mit sechs Kindern und Hauspersonal?

Richtig ärgerlich an dieser Debatte ist allerdings die eklatante Geschichtsvergessenheit - auf beiden Seiten! Als ob wir diese Diskussionen nicht sattsam hinter uns hätten! Das von Müller favorisierte Modell ist ja nichts anderes als die schon um die Wende zum 20. Jahrhundert erhobene Forderung eines Lohnes für Hausarbeit, die in der Neuen Frauenbewegung unter radikalerem Vorzeichen wieder auferstand, in die grüne Mütterbewegung gerettet und schließlich - aus guten Gründen - sang- und klanglos verabschiedet wurde. Einer dieser Gründe war die Einsicht, dass bloße Aufwertung der häuslichen Arbeit - auch wenn sie materiell honoriert wird - keine aussichtsreiche Emanzipationsstrategie ist, insofern sie weder die Arbeitsverteilung zwischen den Geschlechtern noch die betriebliche Arbeitsorganisation verändert. Umgekehrt hat der weibliche Arbeitspokal - auch das eine bittere Lehre - die Welt ebenfalls nicht aus den Angeln gehoben.

Doch je verwickelter die Verhältnisse, je komplexer die Welt, desto gefragter die einfachen Lösungen. Richtig ist: Je stärker Kinder und überhaupt die häusliche Sphäre unter die Kuratel der Ökonomie geraten, desto wichtiger wird die Instanz Familie. Aber, liebe Frau Müller, das ist nicht sonderlich neu und lässt sich schon bei den Systemtheoretikern nachlesen. Sollen, um die Kinder vor den "Frösten der Freiheit" zu bewahren, Mütter nun zuhause bleiben? Oder hat die Tatsache, dass Pflege- und Erziehungsleistungen auf dem Arbeitsmarkt erbracht werden, nicht auch dazu geführt, die unsichtbare Hausarbeit sichtbarer zu machen?

Interessant ist, dass bislang noch niemand auf die Idee gekommen ist, den Müller-Vorschlag in den Zusammenhang mit der Grundsicherungsdiskussion zu stellen. Zumindest die Fraktion, die die Grundsicherung an selbst bestimmte Gegenleistungen knüpfen will, könnte gewisse Sympathien für das Erziehungsgehalt aufbringen. Man mag die Ansichten der Christa Müller streckenweise antiquiert und ihren Vorschlag wahltaktisch schimpfen - am wirklich spannenden Kern der Auseinandersetzung, die sie mit ihrer Kontrahentin von der Leyen im Spiegel ausgetragen hat, gehen die Kommentatoren vorbei: Reproduziert sich die Gesellschaft über den erarbeiteten Wohlstand oder setzt dieser Wohlstand gerade die unentgeltliche Arbeit in den Familien voraus? Sollte sich Gesundheitsministerin Ulla Schmidt mit ihrem zehntägigen bezahlten Pflegeurlaub durchsetzen, ist auch das eine Antwort auf diese Frage.


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