Ich war doch bloß Import

Eventkritik Eine in Honigseim gebadete Alice Schwarzer stellte im Deutschen Theater Berlin erstmals ihre Autobiografie vor

Wir zerschlagen die Uhren! Schon Georg Büchner wollte das Diktat der Zeit brechen und das Leben nach Blumenuhren, Blüte und Frucht bemessen. Heutzutage folgt die Zeit nicht unbedingt den Chronometern, sondern den Aufmerksamkeitskurven der Öffentlichkeit. Dass Alice Schwarzer überhaupt eine Uhr trug, bekam man aus der 12. Reihe erst mit, als sie theatralisch den Arm hob und sich dafür entschuldigte, seitens des Publikums so viel dieses kostbaren Guts in Anspruch genommen zu haben. Sie sagt es sichtlich zufrieden, denn sie weiß, dass sie auch nach über zwei Stunden Lesung den größten Teil des Auditoriums in Bann hält. Sie ist Raum greifend, präsent. Alice eben.

Wer ins Deutsche Theater gekommen war, um anlässlich der ersten öffentlichen Präsentation des ersten Teils von Alice Schwarzers „Lebenslauf“ den Pfeil aus dem Köcher zu holen und vergiftet auf diese Inkarnation Deutschen Feminismus’ abzuschießen, wurde enttäuscht. Vor dem fast ausgebuchten Großen Haus zu Beginn noch etwas angespannt wirkend, liest und redet sich die mit rheinischer Frohnatur ausgestattete Autorin ziemlich schnell frei. Ihr langer Parcours durch die 15 Kapitel ihrer Erinnerungen, die die Jahre 1942 bis 1975 – das Startjahr von „Emma“ – umfassen, ist genau kalkuliert. Und die sonst so Ätzende und Kompromisslose scheint an diesem Abend in Honigseim gebadet zu haben. Über sich zu reden und sich dabei zu inszenieren, ist Alice Schwarzer noch nie schwer gefallen. Aber über sich zu reden mit einem guten Quantum an Selbstironie, manchmal sogar etwas Selbstdistanz, ist man nicht unbedingt von ihr gewohnt.

Was sie überhaupt zu dieser Art biografischer Selbstinspektion getrieben habe, will Peter Schneider, der als Gesprächspartner nicht wirklich zum Zuge kommt, wissen. Die Auskunftspflichtigkeit der öffentlichen Person, entgegnet Schwarzer. Und weil ihr Leben so typisch und untypisch zugleich gewesen sei.

Typisch war es für ein 1942 geborenes Kind, ohne Vater aufzuwachsen. Soweit die Väter fürs Vaterland in die Grube gefallen waren, war das in der (klein)bürgerlichen Nachkriegswelt in Ordnung; waren sie einfach nur abhanden gekommen, ohne Trauschein und Anerkennungserklärung zu hinterlassen, nannte man das von ihnen hinterlassenen Zeugnis einen Bankert. Im Falle Schwarzers entzog sich auch die Mutter weitgehend der Verantwortung, und sie wuchs bei ihren Großeltern, Papa und Mama genannt, auf, ein schwieriges Ehepaar, doch für die kleine Alice ein Glücksfall: In der „verschworenen Gemeinschaft“ der Schwarzers, in der großzügig gedacht und an der Armutsgrenze gelebt wird, geht es nie „spießig“ zu. Die damals noch üblichen Schläge werden ebenfalls nicht ausgeteilt, dafür wird das Kind zum schwelenden Ehekrise der Großeltern.

„Die Mütter in der Familie hatten alle kein Talent zur Mütterlichkeit“, erinnert sich Schwarzer, diese Rolle übernahm der Großvater. Überhaupt gibt es erstaunlich viele Männer im Leben dieser als Männerhasserin gescholtenen Feministin. Bruno zum Beispiel, den französischen Lebensgefährten. 1000 Briefe in drei Jahren sind überliefert, Liebesbriefe zwischen Paris und dem Rheinland. Da hat Schwarzer bereits eine mäandernde Schulkarriere und die Tanzstunde (Schwarzer liebreizend in weißem Ballkleid im Empire-Stil!) hinter sich, Erfahrung als Kontoristin und einen brennenden Wunsch im Herzen: Sie will Journalistin werden. Sie weiß ja nun, dass sie „nicht mehr als Mauerblümchen sitzen bleiben wird“, kann sich um Wichtigeres kümmern.

Schwarzer liest ein paar Seiten, blickt auf, erzählt mit weit ausgreifenden Gesten eine Anekdote, genau pointiert kleine Weis- und Bosheiten verteilend. Wie sie mit ihrer Mädel-Clique durch Elberfeld um die Häuser zog und ganz unfreiwillig das erste Frauenfest in ihrem Leben feierte, weil die eingeladenen Herren einfach nicht erschienen waren. Wie fremd sie sich während ihres Intermezzos bei „pardon“, dem hippesten Underground-Blatt der sechziger Jahre, gefühlt hatte, zwischen diesen Männern, die ständig die Revolution im Munde führten und sie „frigide“ nannten, weil sie mit keinem in die Kiste steigen wollte. Ja, und wie sie zum ersten Mal Simone de Beauvoir traf anlässlich eines Interviews mit Sartre. Und die Grande Dame das vor Sartre hockende miniberockte Mädchen einfach ignorierte. Da war de Beauvoir schon eine Ikone. Und der „kleine Unterschied und die großen Folgen“ noch nicht geschrieben.

Der Aufbruch der französischen Frauen – und eben nicht nur an den Universitäten, sondern auch in den Büros und Fabriken – wird zum Schlüsselereignis. „Dann kam ich nach Deutschland zurück und stellte fest: Hier gibt es gar keine Wut.“ Das Berlin des Jahres 1974 erlebt sie als Kulturschock, wie sie sagt. „Da war alles Erstarrung, nur Schwarz-Weiß-Denken, Freund und Feind, auch unter den linken Feministinnen“. Sie werde immer als Gründerin der deutschen Frauenbewegung wahrgenommen, „dabei war ich doch nur ein Import.“

Wenn Alice Schwarzer auf die siebziger und achtziger Jahre zu sprechen kommt und das „dräuende Ironieverbot“, geht der Furor mit ihr durch, die Altersweisheit ist wie weggeblasen, da scheint es noch schwärende Wunden zu geben, die die „chronischen Spaßbremsen“ der feministischen Szene Berlins geschlagen haben. Die Diskreditierung seitens der Kombattantinnen geht tiefer bei ihr als die der Öffentlichkeit. Mit einer Aufsteigerin, die selbstbewusst, nein, sagen wir es ruhig: egomanisch ihre Meriten feiert – die besten Noten im nachgeholten Abi, das beste Interview in der ARD und natürlich eine hervorragende Blattmacherin – gingen die bewegten Frauen dieser Zeit, die in der Illusion lebten, dass wir alle gleich sein müssten, nicht besonders nachsichtig um.

Und so passt ihre Antwort auf Schneiders Frage, wo denn die Irrtümer in ihrem Leben zu suchen seien, doch wieder ins Schwarzer-Konzept: „Ich finde, ich habe nicht so viel falsch gemacht!“ Sagt’s, als hätte sie sich nicht gerade über diese selbstgewissen Feministinnen erregt, die ihr Sprechverbot erteilt hatten und sie auf „Gruppenniveau“ hatten runterziehen wollen. Das scheint ihr aber so wenig wie ihrem Publikum aufzufallen. Nicht den schicken grauhaarigen Damen und nicht den vielen jungen Frauen. Vielleicht ist es Schwarzers Verdienst, dass sie die Jüngeren mitgenommen hat. Nicht nur an diesem Abend. Nur: Wohin die Reise eigentlich gehen soll, blieb im Dunkel.

14:00 24.09.2011
Geschrieben von

Ulrike Baureithel

Autorin und Vielfachbewegte in Berlin
Ulrike Baureithel

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